Corona-Virus

Die Zahl der Corona-Infizierten in Hessen steigt rapide. So rasch wird sich das nach Einschätzung des Frankfurter Virologen Martin Stürmer nicht ändern. Im Interview redet er über Gründe zur Sorge - und zur Hoffnung.

Videobeitrag

Video

zum Video Virologe Martin Stürmer beantwortet Ihre Corona-Fragen (Teil 1)

Virologe Martin Stürmer im Skype-Interview
Ende des Videobeitrags

In seiner Wohnung in Frankfurt verbringt Martin Stürmer gerade eine häusliche Quarantäne. Hände waschen, Abstand halten oder eben Isolation: Der 51-Jährige weiß besser als die meisten, wie dringlich solche Sicherheitsmaßnahmen gerade sind: Er ist promovierter Virologe, Leiter eines Labors und Dozent für medizinische Virologie an der Uni Frankfurt.

In der Corona-Krise ist er als Experte bundesweit gefragt. Im Interview mit hessenschau.de schätzt er die aktuelle Lage in Hessen ein, die Perspektiven und das Vorgehen der Behörden.

hessenschau.de: Herr Stürmer, die Zahl der registrierten Ansteckungen steigt enorm, es gab zwei Todesfälle. Kann man sagen, in welchem Stadium der Epidemie wir in Hessen aktuell stehen?

Martin Stürmer: Sie nimmt an Fahrt auf, und wir kommen jetzt mitten hinein in das ansteigende Geschehen. Verglichen mit Italien hängen wir so ein bis zwei Wochen hinterher. Und dort flacht die Kurve auch noch nicht ab. Die Dynamik wird jetzt schon sehr stark. In 10 bis 14 Tagen werden wir sehen können, ob die bisherigen Maßnahmen greifen und sich die Einschränkungen gelohnt haben.

hessenschau.de: Trotz dieser Einschränkungen finden die Abiturprüfungen in Hessen aber seit Donnerstag statt. Hätte das Land besser dem Beispiel Bayerns folgen und die Abiturprüfungen absagen sollen?

Stürmer: Für die Abiturienten ist das selbstverständlich eine unsägliche Lage. Aber ich glaube, es ist gut für die Schüler, wenn sie diesen Abschnitt ihrer Ausbildung jetzt noch hinter sich bringen können. Meine Tochter hätte in Bayern Abitur machen sollen, die hängen dort jetzt völlig in der Luft.

Man weiß ja nun auch, worauf es bei den Vorsichtsmaßnahmen ankommt und wie man Infektionen vermeidet. Wenn man darauf achtet, kann ich es derzeit aus wissenschaftlicher Sicht unterstützen, dass die Prüfungen stattfinden.

Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer

hessenschau.de: Manche Orte in Bayern sind auch anderweitig restriktiver. Hätte Hessen nicht auch schon eine Ausgangssperre verfügen sollen?

Stürmer: Das ist das letzte Mittel, das jetzt noch bleibt. Schauen Sie, was jetzt schon alles nicht mehr möglich ist. Man wird die Ausgangssperre meiner Meinung nach dann anwenden müssen, wenn sonst gar nichts mehr geht.

Noch hat es ja jeder einzelne von uns selbst in der Hand, inwieweit er sich diszipliniert und zum Beispiel alleine im Feld spazieren geht statt sich mit Freunden zu treffen. Wenn das jetzt aber nicht schnell funktioniert und die Leute sich nicht an diese dringliche Empfehlung halten, dann wird die Ausgangssperre von staatlicher Seite wohl bald kommen müssen.

hessenschau.de: Ganz klar war die Linie in Hessen manchmal nicht, zum Beispiel bis zum Verbot von Großveranstaltungen.

Stürmer: Das war ja auch von Bundesland zu Bundesland zunächst verschieden. Bei allen Vorteilen des Förderalismus kann da eben vorübergehend auch Chaos entstehen. Ein einheitliches Vorgehen hätte auf die Bevölkerung strukturierter gewirkt.

Auf der anderen Seite ist die Möglichkeit, regional und nach Lage zu reagieren, auch nicht schlecht. Es wäre vermutlich schwer öffentlich zu vermitteln gewesen, Kindergärten und Schulen in einem Bundesland zu schließen, in dem noch kein einziger Fall aufgetreten war.

hessenschau.de: Auf dem Frankfurter Flughafen kamen die Einreisebeschränkungen auch erst jetzt.

Stürmer: Klar kann man sagen: je früher, desto besser. Wenn Grenzkontrollen EU-weit koordiniert worden wären, hätte das auch überzeugender gewirkt. Aber das ist ein gravierender Schritt und die Einschätzung schwierig, solange das Problem noch weit weg erscheint. Da mag bei der Abwägung der Infektionssschutz nicht immer an erster Stelle gestanden haben.

Im Nachhinein wäre eine rasche Schließung der chinesischen Grenzen das Beste gewesen. Aber im Nachhinein sind wir alle klüger. Wir lernen in dieser Situation täglich dazu.

hessenschau.de: Wie schätzen Sie das bisherige Agieren der Landesregierung, der Gesundheitsämter und anderer Behörden in Hessen ein?

Stürmer: Ich bin überzeugt, dass die Verantwortlichen sich bisher ziemlich gut geschlagen haben. Man hat situativ reagiert und ist nicht in Panik verfallen. Wir haben in Frankfurt das Gesundheitsamt mit seinem Leiter René Gottschalk (Berater des Sozialministeriums, Anm.d.Red.). Er ist ein ganz Erfahrener und war schon beim Krisenmanagement mit dem Sars-Erreger involviert. Da habe ich ein ganz gutes Gefühl.

hessenschau.de: Es heißt, in hessischen Kliniken könnten derzeit rund 2.000 Intensivbetten mit Beatmungsgeräten mobilisiert werden. Wird das reichen?

Stürmer: Wenn es so massiv in kurzer Zeit durchläuft wie in Italien, wird es unser Gesundheitssystem belasten und überlasten. Schlimmstenfalls fehlten dann Intensivbetten für schwer erkrankte Patienten. Es wird alles davon abhängen, wie wir alle dem Aufruf folgen, mit unserem Verhalten die Kurve abzuflachen.

hessenschau.de: Aus zwei Landkreisen kamen später wieder zurückgezogene Ankündigungen, Coronatests einzustellen. Das mache wegen der Überlastung nur noch bei Patienten mit starken Symptomen Sinn. Ist da jetzt schon das Ende der Kapazität erreicht?

Stürmer: Wir sehen auch in unserem Labor, welche Testfluten da hereinkommen. Diese Massen werden die Labore gewiss nicht sehr lange zeitnah abarbeiten können. Abgesehen vom zahlenmäßig begrenzten Personal von den Abstrichen bis zu den Auswertungen brauchen wir ja auch Material wie Schutzkleidung und Reagenzien. Es ist nicht abzusehen, ob da nicht doch Produktionsengpässe kommen.

Wenn wir mehr und mehr Symptom-Patienten bekommen, werden wir uns auf die schweren Fälle konzentrieren müssen. Aber wir brauchen gleichzeitig möglichst viele Tests, auch um den Überblick über die Entwicklung nicht zu verlieren.

hessenschau.de: Noch immer gibt es Beschwichtiger, auch unter Experten. Standardargument: An der normalen Grippe sterben auch Menschen.

Stürmer: Tatsächlich hatten wir aktuell noch mehr Grippe-Infizierte und Tote als Infizierte mit dem neuen Sars-Coronavirus. Die Betonung liegt aber auf noch. Es gibt eben gegen den neuen Erreger noch keinen Impfstoff und noch keine mildernden Medikamente.

Wir müssen angesichts der aktuellen Zahlen von einer Sterblichkeit von 0,7 bis 1 Prozent ausgehen und davon, dass doch wahrscheinlich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung das Ganze durchlaufen müssen. Da reden wir also von bis zu 500.000 zusätzlichen Todesfällen. Das darf man nicht verharmlosen.

hessenschau.de: Das macht vielen Menschen sehr Angst. Ihnen nicht?

Stürmer: Respekt ja, den habe ich. Angst und Panik nein. Mit Einschränkungen werden wir vielleicht leben müssen, bis ein Impfstoff da ist. Das kann bis ins nächste Jahr hinein dauern. Aber so sehr die offiziellen Zahlen aus China mit Vorsicht zu betrachten sind: Sie zeigen, dass die Kurve auch wieder sinkt.

Vor allem bleibt uns ja noch immer die Hoffnung, dass wir es mit den restriktiven Maßnahmen schaffen, die Infektionszahlen nicht zu stark steigen zu lassen. So können wir mehr Menschen retten. Es würde nicht nur die Krankenhäuser, Praxen und ihr Personal vor Überlastung schützen. Ein Teil der Bevölkerung könnte um die Infektion auch so lange herumkommen, bis wir impfen oder Medikamente verwenden können, die den Verlauf mildern.

Das Interview führte Wolfgang Türk.