Der Virologe Martin Stürmer steht im Labor und lächelt in die Kamera.

Ausgangssperren und Pflichttests für Unternehmen: Wegen der steigenden Corona-Zahlen bringt die Bundesregierung einheitliche Regeln auf den Weg. Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer hält das für längst überfällig - ebenso wie Tests in Schulen.

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Audioseite "Bundesnotbremse" - Das ist geplant

"Lockdown" steht im Schaufenster eines geschlossenen Kaufhauses auf der Frankfurter Zeil, das darunter zum Online-Einkauf rät (Archivbild). (dpa)
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Hessen befindet sich mitten in der dritten Corona-Welle. Nach Ostern sind die Infektionszahlen nicht wie erhofft gesunken, sondern sie steigen seit Tagen wieder. Am Dienstag gab das Robert-Koch-Institut die landesweite Inzidenz mit 142,0 an.

Die Landesregierung hat deshalb bereits zurückgerudert und geplante Öffnungen der Schulen nach den Osterferien abgesagt. Auf Bundesebene sind weitere Maßnahmen über eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes geplant. Diese hat das Kabinett am Dienstag auf den Weg gebracht, Bundestag und Bundesrat könnten noch im Laufe der Woche zustimmen. Einheitliche Regeln seien längst überfällig, findet der Frankfurter Virologe Martin Stürmer. Im Gespräch mit hessenschau.de erläutert er, was er von den geplanten Maßnahmen hält.

hessenschau.de: Herr Stürmer, bisher haben das Land Hessen und die Kreise selbst über Lockerungen und Verschärfungen entschieden. Was halten Sie davon, wenn jetzt der Bund steuert?

Martin Stürmer: Das ist eine Forderung, die wir Virologen schon lange äußern. Es ist für die Menschen nachvollziehbarer, wenn es ein einheitliches Regelwerk gibt, das ja trotzdem regional unterschiedlich an- und abgeschaltet wird. Das heißt, wir haben zwei Vorteile: Das Regionale wird weiterhin berücksichtigt. Wenn in Bayern die Inzidenz an drei Tagen über 100 liegt, heißt das nicht, dass in Hessen alle Landkreise zumachen müssen. Aber man muss nicht jedes Mal überlegen, wie ein anderes Bundesland die Corona-Regeln interpretiert. Wir haben im Süden genau dasselbe Virus wie im Norden und brauchen auch dieselben Maßnahmen, um es in Schach zu halten. Ein einheitliches Regelwerk finde ich deshalb absolut richtig und notwendig.

hessenschau.de: Sie haben den Inzidenzwert von 100 bereits angesprochen. Ursprünglich galt ja die Marke von 50, um die Gesundheitsämter nicht zu überlasten. Zwischenzeitlich traten verschärfte Maßnahmen wie Ausgangssperren erst ab einem Wert von 200 in Kraft. Können Sie nachvollziehen, wieso die Bundesregierung jetzt auf die 100 setzt?

Stürmer: Ich glaube, das ist der Spagat, den die Politik betreibt, um die Tür in Deutschland nicht überall radikal zuzumachen. Aktuell liegen in Deutschland nur vier Kreise unter 50, in Hessen kein einziger. Nach der zweiten Welle sind wir eigentlich nie in die Nähe der 50 gekommen. Die 100 ist also ein Kompromiss. Ob das reicht, um auch die Ausbreitung der britischen Variante einzudämmen, werden wir im Nachhinein sehen.

Natürlich hätte man als Virologe die Zahlen gerne so niedrig wie möglich. Wichtig ist, dass überhaupt erstmal eine Bremse einheitlich und verbindlich verankert ist. Wie Sie angedeutet haben: Plötzlich war in Hessen die 200 im Gespräch, andere haben sich überhaupt nicht an Inzidenzen gehalten. Das war alles kontraproduktiv.

hessenschau.de: Der Entwurf der Bundesregierung sieht nächtliche Ausgangssperren vor, wenn die Inzidenz drei Tage lang über 100 liegt. Dabei hat die Gesellschaft für Aerosolforschung in einem offenen Brief geschrieben, es fänden nur 0,1 Prozent aller Ansteckungen im Freien statt. Müssten wir uns daher nicht mehr auf Innenräume konzentrieren?

Stürmer: Die Ausgangssperre soll ja nicht primär verhindern, dass die Leute - zum Beispiel zum Spazierengehen mit der Familie - an die Luft gehen. Meiner Meinung nach ist das in dem offenen Brief zu sehr aufgebauscht worden. Natürlich haben die Kollegen völlig recht: Das Risiko im Freien, gerade was Aerosole (die Ansteckung über Luftpartikel, Anm. d. Red.) betrifft, ist marginal. Da sind wir uns alle einig, das steht gar nicht zur Diskussion.

Die Tröpfcheninfektion, die bei der Diskussion gerne vergessen wird, hat für mich aber durchaus eine Relevanz im Freien. Wenn ich mir zum Beispiel Biergärten vorstelle, in denen fünf bis sechs Leute auf einer Bank nebeneinander sitzen, sich zuprosten und nach ihrem dritten Glas Weizenbier die Köpfe zusammenstecken – da breitet sich das Virus sehr wohl durch Tröpfcheninfektion aus, auch im Freien.

Und zu den privaten Treffen: Als Ordnungsbehörde darf ich ja nicht einfach die Tür öffnen und durchzählen. Also verhindere ich, dass die Leute zu diesem Anlass aus dem Haus gehen dürfen. Das ist die Intention der Ausgangssperre. Ob sie jetzt von 21 Uhr abends bis 5 Uhr früh die gewünschte Effektivität erreichen wird, das kann man durchaus kritisch sehen. Wenn wir uns Großbritannien und Irland angucken, wo die britische Variante erfolgreich eingedämmt wurde, wäre die 24-Stunden-Ausgangssperre sicherlich der geeignetere Weg – aber auch der deutlich härtere.

hessenschau.de: Die Bundesregierung plant außerdem, Unternehmen einmal pro Woche zu verpflichten, ihre Mitarbeiter zu testen. Bringt das genug Sicherheit am Arbeitsplatz?

Stürmer: Genau wie bei den Schulen kann man sagen: Das war ja längst überfällig. Überall, wo wir mehr testen, erzeugen wir mehr Sicherheit. Das heißt ja nicht, dass wir nach dem Test alle anderen Regeln außer Acht lassen. Und wenn sich nachweislich viele Menschen bei der Arbeit anstecken, dann muss man das eben auch unterbinden. Natürlich wünsche ich mir deutlich mehr als einen Antigenschnelltest in der Woche. Optimal wäre eine tägliche Testung, das ist aber illusorisch. Bei Antigenschnelltests wäre mein Minimum dreimal die Woche, bei PCR-Tests wäre auch zweimal die Woche legitim.

hessenschau.de: Reichen dafür denn die Testkapazitäten?

Stürmer: Das dürfte man natürlich nicht ad hoc durchziehen, sondern man müsste die Tests vernünftig koordinieren und planen. Jetzt kommt die Entscheidung wieder kurzfristig und man muss schauen, wie man damit umgeht.

hessenschau.de: Auch an den Schulen führt das Land eine Testpflicht ein. Geht es nach der Bundesregierung, sollen Schulen außerdem ab einer Inzidenz von 200 schließen. Halten Sie das für die richtigen Maßnahmen?

Stürmer: Ich bin froh, dass Hessen auf die hohen Zahlen reagiert hat und das Corona-Kabinett jetzt nicht beschlossen hat, die geplanten größeren Schulöffnungen umzusetzen. Ich denke, aufgrund der Situation für die Kinder und Eltern, zu denen ich auch gehöre, ist es wichtig, die Kinder in die Schulen zu schicken. Schulen und Kindergärten würde ich immer am ehesten Vorrang geben, wenn wir über Öffnungen diskutieren.

Die Tests an den Schulen kommen allerdings viel zu spät. Den Vorwurf muss man dem Kultusministerium schon machen. Selbst wenn wir bei den Tests für die Betriebe über Kapazitäten reden, an den Schulen war das ja schon lange im Gespräch. Vor vier Wochen anzufangen, 21 Schulen in Hessen als Testschulen mit einem wöchentlichen Antigentest auszuwählen – ich fand es gut, dass das überhaupt passiert ist, aber das ist natürlich viel zu spät.

hessenschau.de: Während wir einerseits über strengere Maßnahmen diskutieren, haben Baunatal (Kassel) und Alsfeld (Vogelsberg) als Modellkommunen in den vergangenen Tagen Geschäfte und zum Teil auch die Gastronomie geöffnet. Dabei steigen auch dort die Zahlen. Ist gerade der falsche Zeitpunkt für solche Modellprojekte?

Stürmer: Jein. Tübingen ist mit seiner Idee letztlich daran gescheitert, dass es zu groß geworden ist. Durch die öffentliche Präsenz kamen viele Leute nach Tübingen, dadurch wurde es unkontrollierbar. Um wirklich zu verstehen, in welchen Bereichen des öffentlichen Lebens Gefahren lauern, muss man solche Modelle aber machen - in kleinem und überschaubarem Rahmen, wenn die Inzidenz konstant unter 100 liegt.

Ganz aus dem Auge verlieren sollte man das also nicht. Sonst haben wir das gleiche Problem: Wir kommen aus der dritten Welle raus und wissen wieder nicht, wie wir gezielt öffnen können. Eine vierte Welle können wir uns nicht leisten. Die Zahlen müssen über einen längeren Zeitraum wirklich unten bleiben. Da denke ich vor allem an die Kolleginnen und Kollegen auf den Intensivstationen, die sich von der zweiten Welle noch nicht erholen konnten. Jetzt in der dritten Welle müssen sie schon wieder an und zum Teil auch über ihre Belastungsgrenze gehen.

hessenschau.de: Im vergangenen Sommer gingen die Zahlen runter und es gab flächendeckend Lockerungen. Können wir darauf dieses Jahr – trotz der Mutationen – auch wieder hoffen?

Stürmer: Wir reden über eine ganz andere Situation. Wir haben jetzt deutlich mehr Infektionsgeschehen als letztes Jahr. Das Virus - aktuell vor allem in der B.1.1.7-Variante - hat sich flächendeckend ausgebreitet. Insofern können wir uns nicht einfach zurücklehnen und sagen: Es wird ja warm, wir gehen alle nach draußen und dann wird es gut. So einfach wird es nicht.

hessenschau.de: Also rechnen Sie im Sommer weiterhin mit Ausgangssperren?

Stürmer: Ob es auch im Sommer so hart werden muss, weiß ich nicht. Es ist schon so, dass wir unsere Aktivitäten vermehrt ins Freie verlegen. Die warme Jahreszeit wird uns weniger empfänglich machen für das Virus, weil unsere körperliche Konstitution anders ist. Wenn wir jetzt geschickt und vernünftig arbeiten, kann es sein, dass wir im Sommer wieder deutlich entspannter sein können und wir Richtung Juni wieder mehr über Lockerungen diskutieren als über Verschärfungen. Das ist mein Wunsch und meine Hoffnung, aber dafür müssen wir jetzt die geeigneten Maßnahmen treffen.

Die Fragen stellte Anja Engelke.

Sendung: hr-iNFO, 13.04.2021, 17.07 Uhr