Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer

Läden öffnen, Schüler kehren zurück: Hessen tastet sich an den Ausstieg aus dem Corona-Lockdown heran. Nicht einfach, aber richtig, sagt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer. Für Fans von Sport und Volksfesten hat er schlechte Nachrichten.

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Gerade hat Martin Stürmer ohne schweren Verlauf eine Covid-19-Erkrankung hinter sich gebracht. Und er hat uns in der Corona-Krise noch etwas voraus: Der 51-Jährige ist Virologe. Er leitet ein Labor in Frankfurt und ist Dozent am Institut für medizinische Virologie der Uni Frankfurt.

Ob SARS-CoV-2-Ausbruch oder Lockdown: Mit seinem Fachwissen hilft er uns seit dem Ausbruch der Pandemie. Nun hat die Landesregierung den Einstieg in den Ausstieg aus den drastischen Anti-Corona-Maßnahmen von Mitte März beschlossen. Das wirft neue Fragen auf.

hessenschau.de: Herr Stürmer, die Kontaktsperre bleibt bis Anfang Mai, die ersten Lockerungsübungen beginnen am Montag im Einzelhandel. Richtig so?

Martin Stürmer: Das denke ich schon. Um einen unkontrollierten Wiederanstieg bei den Infektionen zu vermeiden, macht es Sinn, es auf diese vorsichtige Tour zu versuchen. Hände waschen, Abstand halten, gegebenenfalls mit Schutzmaske: Das haben wir ja jetzt verinnerlicht. Diese Art der Lockerung jetzt ist ein wichtiges Signal: Wir riskieren nicht zu viel, aber es geht vorwärts.

hessenschau.de: Wo sind wir denn zurzeit auf der Kurve?

Martin Stürmer: Eigentlich sind die Zahlen ermutigend. Die Nachmeldungen von Ostern haben aber auch zu einem zwischenzeitlichen leichten Anstieg geführt. Da ist es vernünftig, erst einmal die kleinen Schritte zu machen und dann zu schauen, wie entwickeln sich die Zahlen.

hessenschau.de: Heftig umstritten ist die Schulöffnung. Hessen fängt übernächste Woche an. Den einen ist das früh, den anderen zu spät.

Martin Stürmer: Es ist ein vernünftiger Weg. Man hätte theoretisch mit den älteren Schülern auch früher anfangen können. Aber es muss auch die Logistik geschaffen werden. Dazu zählt auch die Frage: Wie schafft man es nicht nur in der Schule Ansteckungen zu vermeiden, sondern auch vorher und nachher? Auch da ist es sinnvoll, sich Zeit zu lassen und es in kleinen Schritten zu machen. Die älteren Schüler schaffen die Disziplin leichter.

hessenschau.de: Als Erkundungstrupp kehren mit den älteren Schülern aber auch die Viertklässler zurück. Ist das zu verantworten?

Martin Stürmer: Es wird jedenfalls sehr diffizil und eindeutig eine große Herausforderung. Aber die Regierung überlegt ja, die Klassengrößen entsprechend anzupassen.

hessenschau.de: Von maximal 15 Schülern pro Lerngruppe ist die Rede.

Martin Stürmer: So kontrolliert man das Risiko der Ansteckung eher. Aber das größere Problem wird sein, was vor und nach der Schule passiert. Wenn die Kleineren alle zusammen im Bus sitzen, ist das Durcheinander schnell perfekt. Oder denken Sie an die Pausen. Darauf muss geachtet werden. Macht man weniger Pausen, richtet man Schichten ein? Darüber werden die Verantwortlichen schon nachgedacht haben.

hessenschau.de: Für Kinder und Jugendliche selbst scheint Covid-19 ja eher ungefährlich zu sein.

Martin Stürmer: Für diese Altersgruppe ist es tatsächlich eher harmlos. Auf die leichte Schulter würde ich es trotzdem nicht nehmen. Es sind auch schon Kinder gestorben, wenn auch in ganz seltenen Fällen. Und Schulkinder tragen selbstverständlich zur Weiterverbreitung des Virus bei. Wir vermuten auch in unserem Fall, dass wir über ein Kind angesteckt worden sind.

hessenschau.de: Deshalb ist Hygiene auch hier so wichtig. Wer Schulen kennt, weiß: Schon durchschnittliche Ansprüche werden gerne mal enttäuscht. Die Lehrergewerkschaft GEW verlangt unter anderem ein Waschbecken und warmes Wasser in jedem Klassenraum.

Martin Stürmer: Klar, wenn es in einer Schule nur zwei Toiletten und fünf Waschbecken gibt, ist das nicht hilfreich. Es wird nötig sein, ein auf die jeweilige Schule angepasstes Hygiene-Modell zu etablieren. Wenn die Ausstattung mit Waschbecken zum Beispiel nicht reicht, wird man überlegen müssen, mehr mit Desinfektionstüchern zu arbeiten. Auf Dauer wäre das für die Haut selbstverständlich auch nicht optimal. Auch hier könnte man über die Klassengrößen und die Zahl der jeweils anwesenden Schüler regulieren. Einfach wird es sicherlich nicht.

hessenschau.de: Kitas bleiben dicht. Dabei macht es Dänemark gerade umgekehrt, um berufstätigen Eltern den Exit zu ermöglichen. Wer hat nun recht?

Martin Stürmer: Wahrscheinlich beide. Es gibt verschiedene wissenschaftliche Positionen darüber, auf welcher Seite man öffnen sollte. Was besser ist, kann noch niemand mit Gewissheit sagen. Die Leopoldina-Akademie war dafür, jene Kita-Kinder zurückkehren zu lassen, die auf dem Sprung zur Schule sind. Andere wollen gerade da zuletzt öffnen.

Virologisch betrachtet ist es eindeutig leichter, in einem Laden die Ansteckungsgefahr zu minimieren als bei einem Schwarm kleiner Kinder. Da wird es unübersichtlich und auch mit dem Mundschutz schwer. Andererseits: Wenn Kitas öffnen, können wieder mehr Menschen arbeiten gehen. Das ist auch psychologisch wichtig.

hessenschau.de: Im Einzelhandel geht es schon am Montag allmählich los. Wer nicht gerade ein Autohaus hat, darf maximal 800 Quadratmeter Verkaufsfläche haben. Vernunft oder reine Willkür?

Martin Stürmer: Ich hätte mir zunächst auch vorgestellt, erst einmal da zu öffnen, wo man mehr Verkaufsfläche hat, weil sich da die Menschen besser verteilen. Aber das Argument, das die Gegner ins Feld führen, zieht schon: Solche größeren Verkaufsflächen gibt es vor allem in Einkaufszentren oder den Fußgängerzonen der Innenstädte. Damit zögen wir doch wieder größere Menschenmengen auf einen engen Raum. Gerade außerhalb der Geschäfte würde die Distanz vermutlich nicht mehr so gut eingehalten.

Wir sind einfach noch in einem Stadium der Pandemie, in dem sich nicht viele Menschen begegnen sollten. Ganz allmählich tasten wir uns vor und schauen, welche Entwicklung das auf die Fallzahlen hat. Es gibt ja nicht wenige kritische Stimmen aus der Wissenschaft, die sagen: Was wir jetzt beschlossen haben, ist schon zu viel. Ich sehe das anders.

hessenschau.de: Was haben Sie eigentlich gedacht, als Sie das Foto von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und viel zu vielen anderen Politikern im Fahrstuhl der Uni-Klinik Gießen gesehen haben?

Martin Stürmer: Da ist man erst einmal sprachlos. So ein Auftritt ist natürlich kontraproduktiv, wenn wir dauernd über räumliche Distanz reden. Das war bestimmt unabsichtlich, aber unklug.

hessenschau.de: Von dem Lapsus abgesehen: Schlagen sich die Verantwortlichen in Wiesbaden aus Virologen-Sicht noch genauso gut, wie Sie es ihnen zu Beginn der Krise attestiert hatten?

Martin Stürmer: Ich denke schon. Auch wenn wir über das Virus dazugelernt haben, müssen die Politiker noch immer auf einer sehr dünnen Datenbasis entscheiden. Das sollten wir uns alle vor Augen halten.

hessenschau.de: Und wann ist alles wieder gut, Großveranstaltungen inklusive?

Martin Stürmer: Die Illusion, dass wir zum Beispiel Bundesligaspiele mit 40.000 Zuschauern dieses Jahr noch erleben werden, sollten wir nicht haben. Normalität wird sich erst wieder einstellen, wenn wir eine Herdenimmunität erreicht haben. Das bedeutet rund 50 Millionen immune Bundesbürger. Bei derzeit 2.000 Neuinfektionen täglich kann man sich ausrechnen, wie lange das auf natürlichem Wege dauern würde. Insofern ist die Entwicklung eines Impfstoffs der Knackpunkt. Dann können wir über all das andere reden, über Bundesliga, Oktoberfest oder Dippemess.

Das Interview führte Wolfgang Türk