Das Team von Heroes of the Seas bei der Atlantiküberquerung

Der Frankfurter Unternehmer Rainer Ballwanz überquerte mit einem Ruderboot den Atlantik. 50 Tage dauerte die Reise. Im Interview berichtet er, welches die schwierigsten Momente waren und warum es so wichtig war, ein Lammfell dabeizuhaben.

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hessenschau vom 05.02.2020
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Von Gran Canaria auf den Kanaren nach Barbados in der Karibik quer über den Atlantik: Am 1. Dezember vergangenen Jahres startete der Frankfurter Unternehmer Rainer Ballwanz mit seinem Hochseeruderboot auf der spanischen Kanaren-Insel. Von da an hieß es: rudern, rudern, rudern. Mit an Bord waren der Umweltfotograf York Hovest und der Physiotherapeut Andreas Stollreiter.

In einem rotierenden Takt-System von drei Stunden Rudern und drei Stunden Pause arbeiteten sich die drei Männer in ihrem 9,20 Meter langem Boot voran. Weihnachten, Silvester und sogar den 60. Geburtstag von Rainer Ballwanz verbrachten sie an Bord.

Ruderer wollen auf Zustand der Meere aufmerksam machen

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Das Team von Heroes of the Seas bei der Atlantiküberquerung
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Am 20. Januar 2020, genau 50 Tage, acht Stunden, zwölf Minuten nach dem Start, lief ihr Boot "Heroes of the Sea" im gut 5.000 Kilometer entferntem Hafen des Inselstaates Barbados bei Venezuela ein - knapp zwei Tage früher als erwartet und somit in der "drittschnellsten Zeit, die ein Dreierteam auf der Strecke jemals gerudert hat", wie Ballwanz im Interview erzählt.

Doch um einen Rekord ging es den drei Ruderern von "Heroes of the Sea" nicht. Mit ihrer Aktion wollten sie auf den Zustand der Ozeane aufmerksam machen. Im Interview erzählt Rainer Ballwanz von seinem inneren und äußeren Kampf auf der Reise.

hessenschau.de: Nach 50 Tagen wieder Boden unter den Füßen. Welche Gefühle hatten Sie, als Sie mit dem Ruderboot Barbados erreichten?

Rainer Ballwanz: Ach herrje. Ich glaube, das war einer der emotionalsten Momente meines Lebens. Die ersten Schritte an Land waren geprägt davon, meine Kinder, meine Frau und meine Freunde, die da waren, in den Arm zu nehmen. Das war natürlich der Moment, auf den ich während der gesamten Überfahrt hingefiebert habe und es war großartig, ein sehr bewegender Moment. Auch weil der Stress von einem abfällt, vor allem die Sorgen der letzten sieben bis acht Tage, dass noch zum Schluss etwas schief gehen kann.

Rainer Ballwanz und sein Team

hessenschau.de: Und wie haben Sie sich körperlich gefühlt?

Rainer Ballwanz: Das Gehen selber war quasi unmöglich, nachdem wir uns 50 Tage lang nur auf diesen zwei bis drei Quadratmetern Fläche bewegen konnten. Es ging einfach nicht. Ich war völlig erschöpft. Völlig absurd: Man denkt, man kommt da gestählt vom Boot runter, man hat eine Herkulesleistung vollbracht und dann schaffe ich es nicht, zwei Stockwerke zu meinem Hotelzimmer hoch zu laufen. Das war schon lustig.

Ich musste und muss das Laufen neu lernen, weil der Körper die Muskulatur, die er nicht für die Kraftanstrengung des Ruderns gebraucht hat, abgebaut hat. Ich habe auf der Tour 18 Kilo abgenommen, das merkt man natürlich. Ich habe diese Woche mit ganz leichtem Aufbautraining begonnen, aber auch das fällt mir extrem schwer.

hessenschau.de: War das Physische schwieriger als das Psychische?

Rainer Ballwanz: Es war eine Kombination. Als es losging, die ersten zehn bis zwölf Tage, habe ich ernsthaft gelitten, weil ich permanent nur darüber nachgedacht habe, was alles noch so kommt. Und das schien so unendlich. Man hatte noch keine 1.000 Kilometer gerudert und es kommen danach ja noch einmal 4.000 Kilometer. Das war für mich einfach nicht vorstellbar, zumal wir anfangs noch in einem extremen Sturmwetter steckten.

Da ist dann jede Bewegung furchtbar anstrengend, selbst schlafen ist schwer möglich. Das Boot bewegt sich, es ist extrem laut. Da kam dann diese Form von Anstrengung im Kopf auf, wo man sich denkt: Kriege ich das hin? Dazu kam ein generelles Infragestellen: Wieso muss ich mich immer wieder in solche Situationen begeben? Warum brauche ich das? Das ist dann mental auch eine große Herausforderung für mich gewesen.

Rainer Ballwanz und sein Team

hessenschau.de: Wie haben Sie sich auf die Aktion vorbereitet? Konnten Sie und Ihre Kollegen schon rudern?

Rainer Ballwanz: Überhaupt nicht (lacht). Wir hatten alle drei nicht den Hauch einer Ahnung, wie das Rudern funktioniert und ich habe Rudermaschinen vorher eigentlich auch immer gehasst. Es ging um unsere Idee und die Faszination, aus Leibeskraft so einen Ozean zu rudern. Wir haben alle drei tatsächlich bei Null angefangen und haben uns dann in den zwei Jahren Vorbereitungszeit unter anderem auch sehr gut körperlich darauf vorbereiten müssen.

hessenschau.de: Ihr Kollege York Hovest hat auf Instagram ein Bild mit einem Lammfell veröffentlicht und es als "wichtigstes Utensil an Board" bezeichnet. Wieso?

Rainer Ballwanz: Das Lammfell hatten wir als Tipp von Yorks Frau dabei und das hat uns in der Tat gerettet. Denn nach wenigen Tagen war der Hintern durch. Das sind extreme Schmerzen, da man alles über den Hintern, also über die Rumpfmuskulatur austarieren muss, was an Bewegung im Boot ist. Dazu der permanente Sitzdruck, das Salzwasser in Kombination dazu, das tut der Haut und der Gesäßmuskulatur nicht gut.

Nachdem wir unsere offenen Wunden mit Salben verarztet hatten und uns das aber nicht vorwärts brachte, haben wir dann angefangen, uns diese Lammfelle in die Hosen zu stecken. Das Lammfell lag wie eine Dämpfung mit ausreichend Luftzirkulation dazwischen. Zum Schluss haben wir noch einmal extremer gerudert, da haben wir uns den Bobbes noch einmal ruiniert.

Rainer Ballwanz und sein Team auf dem Atlantik

hessenschau.de: Sie waren 24 Stunden am Tag zu dritt, auf wenigen Quadratmetern. Wie war das für Sie?

hessenschau.de: Eine Dreierkonstellation ist immer schwierig. In der Regel passiert es, dass zwei sich dann zusammen tun. Diese Situation gab es so nicht, weil wir tatsächlich kaum Zeit dafür hatten bei der getakteten Tagesroutine. Wir haben extrem gut als Team funktioniert und ich habe auch sehr viel Wert darauf gelegt, dass wir eine ordentliche Disziplin an Bord hatten und, dass keiner seinen Einsatz verpasst. Wir sind sehr höflich, sehr hilfsbereit und respektvoll miteinander umgegangen.

Mit einer einzigen Ausnahme am letzten Tag. Da waren wir völlig übernächtigt, weil wir zwei Tage durchgerudert waren und überhaupt nicht geschlafen hatten, da rauschte es dann einmal zwischen uns. Aber das ist eine Kleinigkeit im Verhältnis zu der Zeit, wo es eigentlich konzentriert und professionell abgelaufen ist.

hessenschau.de: Sie haben sich zwei Jahre lang auf Ihre Atlantik-Überquerung vorbereitet. Wie war das für Ihre Familie?

Rainer Ballwanz: Furchtbar - und ich bin da auch zu größtem Dank verpflichtet. Sie wissen zwar, dass der alte Mann immer mal auf krude Ideen kommt, aber das war dieses Mal auch schon etwas sehr besonderes. Ich war nun über zwei Monate weg. Als wir uns dann auf Barbados wiedersahen - meine Frau hat mich auch erst nicht erkannt, so wie ich aussah - da wurde mir bewusst, welche Bedeutung ich auch für meine Familie habe.

Rainer Ballwanz und sein Team auf dem Atlantik

hessenschau.de: Würden Sie diese Fahrt denn noch einmal machen?

Rainer Ballwanz: Mit dem Ruderboot über den Atlantik? Never, ever! Ich glaube, das ist schon so ein einmaliges Erlebnis, wo ich auch sage, das brauche ich nicht noch ein zweites Mal, das hat gereicht und ich werde mir ein anderes Medium suchen fürs nächste Mal.

hessenschau.de: Ist da etwa schon eine neue Reise in Planung?

Rainer Ballwanz: Wenn Sie mich danach fragen, gibt es noch etwas, das mich interessiert? Oh wow, ja, diese Welt ist so großartig, es gibt so viele Dinge, die ich bei ausreichend Zeit und entsprechender körperlicher Konstitution noch erleben, sehen, bewandern, beklettern oder bereisen möchte. Mein größter Wunsch ist immer noch, in den Weltraum zu kommen.

Das Gespräch führten Thomas Koschwitz und Sophia Averesch.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 5.2.2020, 19.30 Uhr