Heike Borufka

Der gewaltsame Tod des 14 Jahre alten Mädchens Susanna hat bundesweit für Aufsehen gesorgt. Denn der Fall wurde zum Teil der Migrationsdebatte. hr-Gerichtsreporterin Heike Borufka hält das für unpassend. Kurz vor dem Urteil gegen den Angeklagten Ali B. zieht sie eine erste Bilanz.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Gutachten: Angeklagter zeigte "weder Schuldbewusstsein noch Reue"

Der Angeklagte Ali B. versteckt sich hinter Akten
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Vor einem Jahr wurde die 14-jährige Susanna F. in Wiesbaden tot aufgefunden. Nur wenige Tage später gestand der 22-jährige Ali B., dass er Susanna getötet hatte – bestritt aber den Vorwurf, sein Opfer vergewaltigt zu haben. Dass der Tatverdächtige drei Jahre zuvor mit seiner Familie aus dem Irak geflohen war, machte seine Tat zum großen Medienereignis.

Ali B., der mittlerweile zurück in den Irak gereist war, wurde unter Begleitung des Bundespolizeipräsidenten nach Deutschland zurückgeholt, um ihm in Wiesbaden den Prozess zu machen. hr-Gerichtsreporterin Heike Borufka hat den Prozess vor dem Landgericht beobachtet und gibt im Interview mit hessenschau.de Einblicke und Einschätzungen.

hessenschau.de: Frau Borufka, wir befinden uns in der Schlussphase des Prozesses gegen Ali B. Was ist für das Gericht die entscheidende Frage?

Heike Borufka: Wie immer in einem Mordfall geht es jetzt darum, ob der Angeklagte auf Mord oder auf Totschlag verurteilt werden soll. Das ist unter anderem von der Frage abhängig, ob ihm die Vergewaltigung an Susanna nachgewiesen werden kann.

Ali B.s Mithäftling im Gefängnis hatte zuletzt ausgesagt, Ali B. hätte ihm gegenüber von einer Vergewaltigung gesprochen. Der Zeuge scheint aber nicht so wichtig zu sein, weil es bisher keine Anzeichen dafür gibt, dass das Gericht diesem Hinweis nachgeht. Aber die Beweislage reicht wahrscheinlich so oder so dafür aus, Ali B. wegen Mordes zu verurteilen – weil Susanna offenbar arg- und wehrlos vom Täter überrascht wurde.

hessenschau.de: Eine Gutachterin bescheinigte Ali B. in dem Prozess jüngst eine schwere Persönlichkeitsstörung mit "psychopathischen Zügen". Dennoch sei der 22-Jährige voll schuldfähig. Diesen Mittwoch setzt sie ihre Ausführungen fort. Wie haben Sie den Angeklagten während des Prozesses erlebt? Halten Sie ihn für empathielos?

Heike Borufka: Ich finde das immer schwierig zu beurteilen, weil man den Leuten ja nicht in den Kopf schauen kann. Wie sieht denn Empathie aus, wie soll man das erkennen? Alles, was die jungen Zeugen im Prozess ausgesagt haben, spricht dafür, dass er gefühlskalt ist und ein Problem mit jungen Frauen hat. Vor allem mit jungen Frauen, die so leben wie wir – also freiheitlich groß geworden sind. Vergangene Woche ging es vor Gericht ja mit dem Gutachten los: Auch die psychiatrische Sachverständige meinte, Ali B. sei extrem selbstsüchtig und gebe wenig auf die Gefühle anderer Menschen.

hessenschau.de: Neben seiner psychischen Verfassung wurde vor allem Ali B.s irakische Herkunft oft thematisiert. Gibt es da einen Zusammenhang?

Heike Borufka: Ich finde, dass dieser Fall instrumentalisiert wurde. Mit ihm wurde gleichzeitig auch die ganze Diskussion um die Frage geführt, wie wir mit Flüchtlingen umgehen. Dabei ist der Fall so unpassend dafür: Wir haben es hier mit einem Intensivtäter zu tun, es hat einfach keine Rolle gespielt, dass er Flüchtling ist, finde ich. Zufällig war er auch Flüchtling, aber hauptsächlich ist er Intensivtäter. Ich kann aber schon auch verstehen, dass der Fall Ängste befeuert – allein die Art, wie Ali B. aus dem Irak zurückgeholt worden ist, ist ja stark umstritten. Zur Erinnerung: Der Bundespolizeipräsident war dafür extra in den Irak gereist.

hessenschau.de: Was passiert jetzt noch bis zu einem möglichen Urteil am 10. Juli?

Heike Borufka: Jetzt kommen die entscheidenden Tage: Nach dem psychiatrische Gutachten, das am Mittwoch fortgesetzt wird, folgen die Plädoyers, dann kommt das letzte Wort des Angeklagten – ich vermute mal, er wird es nicht mehr nutzen, weil er ja relativ schnell nicht mehr reden wollte und seine Aussage abgebrochen hat. Das war auch für seine Verteidiger überraschend. Dann folgt das Urteil.

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Mögliches Urteil am 10. Juli

Der Prozess um den Tod der Schülerin Susanna zieht sich länger hin als geplant. Die Sachverständige konnte ihr fachpsychiatrisches Gutachten am vergangenen Mittwoch nicht vollständig vortragen. Sie soll ihre Ausführungen nun diesen Mittwoch fortsetzen. Es war eigentlich geplant, mit dem Gutachten die Beweisaufnahme abzuschließen. Die Plädoyers werden am 2. Juli erwartet, das Urteil soll nach Angaben des Wiesbadener Landgerichts am 10. Juli fallen.

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Das Gespräch führte Carla Reitter zusammen mit den weiteren hr-Volontären.