Künstler Achim Gogler liegt im Schaufenster der Wächtersbacher Buchhandlung "Dichtung & Wahrheit", die mit Goglers Aktgemälden zur Verkehrsberuhigung beiträgt.

Weil Autofahrer in der Wächtersbacher Altstadt seiner Ansicht nach Fußgänger und Radfahrer jagen, überlegt sich Buchhändler Stephan Siemon eine Lösung: In seinem Schaufenster hängt er Aktbilder auf - und die Autos bremsen.

"Sex sells", heißt es in der Werbebranche so oft: Was im emotionalen, sexuellen Kontext beworben wird, verkauft sich besser. Die Wächtersbacher Antwort darauf lautet: "Sex stops". In der Main-Kinzig-Gemeinde hat Buchhändler Stephan Siemon insgesamt elf Aktbilder und Körperstudien ins Schaufenster seines Ladens "Dichtung & Wahrheit" gehängt. Um den Verkehr zu beruhigen.

hessenschau.de: Herr Siemon, was hat es mit Ihrer erotischen Ausstellung auf sich?

Stephan Siemon: Wir haben unsere Buchhandlung in der engen, historischen Altstadt der Kleinstadt Wächtersbach, also in einem eigentlich verkehrsberuhigten Bereich. Aber Sie kennen die Irrungen und Wirrungen der Kleinstadt-Mobilität: Autofahrer betrachten die Altstadt als ihr Revier, keiner hält sich an die Schrittgeschwindkeit. Wer hier zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs ist, ist mehr oder weniger immer auf der Flucht vor Autos.

hessenschau.de: Und niemand tut etwas dagegen?

Stephan Siemon: Es gibt schon länger Diskussionen darüber. Die Stadt hat vor kurzem eine Messanlage angebracht, die signalisiert einen gehobenen Daumen, wenn Sie angemessen fahren und ein trauriges Smiley, wenn Sie zu schnell sind. Das bringt ein bisschen was, aber nicht genug.

Ich hoffe, dass die Stadt irgendwann ein Vekehrskonzept für diese Altstadt erlässt. Denn wissen Sie, jeder Kleinstädter hat ja seiner Meinung nach einen grundgesetzlichen Anspruch darauf, bis direkt vors Ladengeschäft zu fahren und vor der Tür zu parken. So entsteht Verkehrsdruck, über den ganzen Tag stehen hier Autos in den unmöglichsten Ecken. Da müssen wir was machen! Eine Geschwindigkeitstafel kann nur ein Schritt sein, an Freiwilligkeit zu appellieren, bringt bei den Autofahrern gar nichts.

hessenschau.de: Dann lieber Gemälde von nackten Frauen...

Stephan Siemon: Dann doch lieber die Aktstudien! Wir haben mit dem Gelnhäuser Künstler Achim Gogler eine Ausstellung gemacht, die Körper- und Aktstudien zeigt, erotische Sujetbilder, mit denen wir unser Schaufenster dekoriert haben. Das wirkt verkehrsberuhigend. Zumindest in ersten Tagen haben wir hier viele Leute bremsen und gucken sehen.

hessenschau.de: Jetzt nicht mehr?

Stephan Siemon: So eine Aktion nutzt sich natürlich ab. Mal sehen, was wir danach Schockierendes in unser Schaufenster hängen.

hessenschau.de: Haben Sie schon Ideen?

Stephan Siemon: Noch nicht. Aber 2016 hatten wir zum Beispiel den ertrunkenen Flüchtlings-Jungen Alan Kurdi mit Schaufensterfarbe aufs Glas gemalt und von hinten mit Licht bestrahlt. Das war schon ein Monument, das auch für Diskussionen sorgte.

hessenschau.de: Wirken sich Aktionen wie diese oder die Aktbilder auch auf Ihr Geschäft aus?

Stephan Siemon: Nein, deswegen kommt niemand Neues in unseren Laden rein. Einen Werbewert hat all das nicht. Unseren Laden gibt es seit 24 Jahren, wir leben von unseren Stammkunden, die sich antizyklisch verhalten. Wenn wir etwas aufregendes in unser Schaufenster hängen, macht das die Leute vielleicht neugierig - aber Kleinstädter kommen dann nicht rein, um darüber zu reden.

hessenschau.de: Frustriert Sie das?

Stephan Siemon: Um Gottes Willen, nein! Wir haben die Pandemie überstanden, uns gibt es noch, das zählt. Unsere Kunden waren unglaublich solidarisch, das hat uns enorm geholfen. Seit diesem Jahr sind wir zudem Träger des Deutschen Buchhandlungspreises, der von der Bundesregierung verliehen wird und wie eine Art Bundesverdienstkreuz für uns ist. Mehr können wir als Buchhändler nicht erreichen.

Das Gespräch führte Max Sprick.

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