Angeschnittene Ahle Wurst in Scheiben auf Brettchen mit ganzen Würsten an der Seite

In Calden soll bald künstliche Intelligenz bei der Herstellung von Ahler Wurscht helfen. "War was?" ist skeptisch, schließlich sprechen wir hier von einem echten Kulturgut.

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Künstliche Intelligenz hilft bei der Herstellung von Ahler Wurscht

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Hessen, das Bundesland, in dem immer was los ist. An dieser Stelle wirft unser Kolumnist Stephan Reich mit seiner Glosse "War was?" jeden Freitag einen ganz eigenen Blick auf die Nachricht der Woche. Nehmen Sie diesen Blick bitte auf keinen Fall ernst.

Ich bin ja großer Fußballfan und als solcher kam ich 2020 einmal in den Genuss der Unzulänglichkeit von künstlicher Intelligenz. Damals nämlich spielte Bayern München in Hoffenheim, und weil von der Tribüne Schmähgesänge kamen, passten sich die Spieler in den letzten Minuten den Ball aus Protest am Mittelkreis hin und her. Einer jener automatisierten Internet-Liveticker konnte das aber (natürlich) nicht deuten, für ihn blieb das Gekicke ein normales Fußballspiel, das er mit den ihm eingespeisten Floskeln interpretierte:

– 82. Minute: "Bayern München bleibt im Ballbesitz, indem die Spieler kurze Pässe und Doppelpässe spielen."
– 85. Minute: "TSG Hoffenheim dominiert das Spiel momentan, indem das Team kurze Pässe und Doppelpässe spielt. Die Spieler verstehen sich blind."

Sensoren für die Wurstekammer

Und so weiter. Nun bin ich ja nicht nur Fußballfan, als Nordhesse bin ich freilich auch Ahle-Wurscht-Fan. Nicht in dem Sinne, dass ich mit Schweinedarm um den Hals und Trikot aus Wurstpelle vorm TV sitze und mir jubelnd Schlachthof-Dokus angucke. Aber schon so, dass ich ab und an eine gute Stracke zu schätzen weiß. Die nordhessische Ahle Wurscht, sie ist Kulturgut. Da können Sie zwischen Kassel und Schwalmstadt jeden fragen, er oder sie wird das bestätigen. Es sei denn, er oder sie hat gerade ein Stückchen Stracke im Mund und kann nicht reden, was in jenen schönen Breitengeraden durchaus vorkommen kann.

Eben weil ich der Ahlen Wurscht so zugetan bin, beschäftigte mich die Meldung aus Calden unter der Woche doch sehr. Dort nämlich arbeitet eine Metzgerei mit der Uni Kassel zusammen, um zukünftig Ahle Wurscht mithilfe Künstlicher Intelligenz zu produzieren. Konkret soll es darum gehen, dass spezielle Sensoren der KI messen, wie feucht und warm es beim monatelangen Abhängen in der Wurstekammer ist. Ein Rechnerprogramm könnte dann entscheiden, wann die Wurscht reif genug ist.

Oh, schöne ahle Welt

Oh, schöne neue Ahle Welt. Als Ahle-Wurscht-Aficionado weiß ich gar nicht recht, wie ich dazu stehe, aber meine Fußball-Liveticker-Erfahrung lässt mich skeptisch zurück. Ich hoffe einfach, dass die Wurscht-KI besser funktioniert als die Liveticker-KI. Und frage mich, was als nächstes kommt. Mit welchen futuristischen Technikkniffen die Wurscht-Produktion noch bereichert werden wird. Errechnet ein Algorithmus demnächst das einzig wahre Verhältnis von Salz, Pfeffer, Knoblauch, Kümmel und Muskat, aufs Körnchen genau? Wird mir die Ahle Wurscht 3000 demnächst per Laserkanone direkt in den Hals geschossen? Ihr Geschmack per Nano-Bot ins Gehirn gebeamt? Tickert meine Ahle Wurscht demnächst gar Fußballspiele?

Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich bin ich einfach zu zukunftsscheu. Im Fußball bin ich ja auch Traditionalist und Romantiker, wahrscheinlich bin ich also auch Ahle-Wurscht-Traditionalist, der mit den rasanten Entwicklungen der Dinge so seine Problemchen hat, weil er die Welt gerne so hat, wie er sie kennt. Wahrscheinlich stelle ich mich einfach nur an und eigentlich wird alles gut, lecker, ordentlich abgehangen, mit einer leichten Note von Muskat, Senf und Buchenholzrauch, einfach die beste Computer-Ahle-Wurscht aller Zeiten. Ich sollte mich freuen.

Bis dahin wird es bei der alten Ahlen Wurscht bleiben, gefertigt nach guter, alter Tradition. Und nur zur Sicherheit gehe ich jetzt mal zum Metzger und kaufe mir eine schöne Stracke, einfach um sicher zu gehen, dass sie so sensationell schmeckt wie immer.

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