eine Cyberkriminalistik-Studentin sitzt am Schreibtisch vor einem Computer

Iris Eppacher hat sich für den neuen Bachelor-Studiengang Cyberkriminalistik eingeschrieben. Die Ex-Bankerin will nach ihrem Abschluss Wirtschaftskriminalität bekämpfen. Der Bedarf an Ermittlern mit digitalem Know-how wächst.

Gegen Internet-Kriminalität versucht das Land Hessen stärker mit eigens geschulten Spezial-Ermittlern vorzugehen. Nun hat erstmals ein Studiengang begonnen, in dem der Polizei-Nachwuchs zu Cyberkriminalisten ausgebildet wird. 18 Studentinnen und Studenten sind Anfang der Woche mit ihrem Bachelor-Studium Cyberkriminalistik an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung in Mühlheim am Main (Offenbach) gestartet.

Ziel des Studienschwerpunktes ist es, Kriminalbeamte auszubilden, die neben den allgemeinen Kompetenzen während des Studiums zusätzliches Wissen aus dem Bereich der Computer-, Netzwerk-, Informations- und Kommunikationstechnik sowie Informatik erwerben.

Mit Menschen statt mit Wertpapieren arbeiten

Eine von ihnen ist Iris Eppacher. Die 35-Jährige aus Aschaffenburg (Bayern) hatte zunächst Betriebswirtschaftslehre studiert, acht Jahre bei einer Bank in Frankfurt gearbeitet und entschied sich dann für einen neuen Weg und den Quereinstieg bei der Polizei.

"Ich wollte etwas Sinnvolles für die Gesellschaft machen und vor allem bei meiner Arbeit mehr mit Menschen zu tun haben." Bei der Bank hatte sie vor allem mit Wertpapieren zu tun.

Cyber-Kriminalistik-Studentin mit Ernennungsurkunde

Der Branchenwechsel und die erfolgreiche Bewerbung bei der Polizei hat ihr nun eine Einstellungsurkunde und den Beamtenstatus beschert. "Das sorgt für Stabilität in meinem Berufsleben", erklärt die zweifache Mutter, die sich auch familienfreundlichere Arbeitszeiten erhofft.

Wenn Iris Eppacher die sechs Semester über drei Jahre absolviert hat, ist sie Kriminalkommissarin mit Schwerpunkt Cyberkriminalistik. Dann wird sie aber nicht nur im Internet auf Verbrecherjagd gehen. Eppacher würde später am liebsten im Bereich Wirtschaftskriminalität arbeiten. "Dann kann ich Kenntnisse aus meinem bisherigen beruflichen Werdegang einbringen", erklärt die ehemalige Bankerin. Doch bis es soweit ist, muss sie Grundlagen erlernen und das Polizei-Leben kennenlernen.

Kriminalität ins Digitale verlagert

Das Einsatzgebiet von Cyberkriminalisten ist groß. Durch die zunehmende Digitalisierung steigt auch der Anteil von Kriminalität im digitalen Raum. Betrügereien aller Art, Erpressungs-Trojaner und Identitätsdiebstahl sind nur einige Beispiele. Cybercrime nimmt zu. Deswegen rüstet auch die Polizei auf.

Laut dem hessischen Innenministerium besteht großer Personalbedarf. "Die Dynamik und Bandbreite von Delikten hat in den vergangenen Jahren vor allem im Netz zugenommen", sagt Innenminister Peter Beuth (CDU).

Mehr Cybercrime-Delikte

Die Anzahl der Straftaten, die im oder mithilfe des Internets verübt wurden, stieg 2019 laut Kriminalstatistik von 33.334 auf 35.608 Fälle. Das entspricht einem Plus von 6,8 Prozent. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 waren es sogar noch weniger als 20.000 Fälle.

Auch Iris Eppacher ist die wachsende Bedeutung des Bereichs bewusst. Deswegen interessiert sie auch der Studiengang. Aufmerksam geworden ist sie durch Beiträge der Polizei im sozialen Netzwerk Instagram.

Zunächst wenig Interesse am Studium

Die Polizei hatte zuletzt verstärkt für den Studiengang geworben. Denn eigentlich hätte das Studium im August 2020 beginnen sollen. Doch der Studien-Start musste wegen zu geringer Bewerberzahlen verschoben werden.

Michael Rudolph von der Polizeiakademie Hessen in Wiesbaden musste zugeben: Das Interesse sei "leider deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben". Die Zahl der Bewerber lag lediglich im "oberen einstelligen Bereich". Es gab also nicht mal zehn Interessierte. Danach verstärkte die Nachwuchsgewinnung ihre Bemühungen auf allen Kanälen und bekam mehr als genug Bewerber zusammen. Nun hoffen sogar Nachrücker auf Plätze.

Kritik: Studiengang nicht fundiert genug

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter kritisiert den Ansatz der neuen Ausbildung. Es ist ihm nicht fundiert genug: "Grundsätzlich ist die Einführung dieses Studiengangs zu begrüßen. Er ist aber weit von dem entfernt, was wir unter dem Begriff 'Cyberkriminalist' verstehen. Hierbei handelt es sich um Informatiker/-innen, die mit abgeschlossenem Studium zur Polizei kommen und ihre bereits vorhandene Expertise in die polizeiliche Arbeit einbringen", teilte der hessische Landesvorsitzende Dirk Peglow mit. Es bestehe enormer Bedarf nach diesen Profis.

Der jetzt gestartete Bachelor-Studiengang habe lediglich das Ziel, IT-versierte Sachbearbeiter in allen Abteilungen der Kriminalpolizei zu etablieren. Es seien keine richtigen IT-Spezialisten.