Tiere in Hessen
Betroffen vom Klimawandel: Der Siebenschläfer, der Moorfrosch und die Buschmücke Bild © hessenschau.de

Wenn es heißer und trockener wird, bekommt das auch Hessens Tierwelt zu spüren. Heimische Tiere sind gefährdet, neue Arten breiten sich aus, eingespielte Zyklen geraten durcheinander. Ein Überblick über Gewinner und Verlierer des Klimawandels.

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Der Klimawandel verändert auch die Tierwelt in Hessen. Heimische Tiere wie der Moorfrosch leiden unter den heißen, trockenen Sommern. Andere Arten aus dem Süden fühlen sich dafür immer wohler und breiten sich aus. Biologen warnen, dass immer öfter auch empfindliche Kreisläufe in der Tierwelt gestört werden. Manche Arten könnten für immer verschwinden.

Gewinner

Verlierer

Gestörte Zyklen

Gewinner

Gottesanbeterin – eine Fangschrecke auf dem Vormarsch

Gottesanbeterin
Ursprünglich aus Afrika, nun bei uns heimisch: Die Gottesanbeterin. Bild © picture-alliance/dpa

Ihr eilt ein eher zweifelhafter Ruf voraus: Das Weibchen frisst während der Paarung ihren Partner auf. Dabei tut sie das – immerhin – nur, wenn es der Gottesanbeterin an Nahrung mangelt oder man sie gefangen hält. Sie ist vor allem im Mittelmeerraum beheimatet. In Deutschland tauchte sie lange Zeit nur am Kaiserstuhl in Baden-Württemberg auf. Bis heute gilt die Gottesanbeterin bei uns als bedrohte Art. Das könnte sich allerdings ändern, denn durch die wärmeren Temperaturen breitet sich diese besondere Art der Fangschrecken immer weiter gen Norden aus.

Bereits 2004 erreichte sie Hessen. Seitdem lebt die Gottesanbeterin laut dem Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) hier. Tiere, die sich natürlich verbreiten, werden in das Ökosystem integriert. Damit seien sie "ein Gewinn für unsere Biodiversität", sagt Lisa Schwenkmezger vom HLNUG.

Die Nutria – ein ungeliebtes Nagetier frisst sich seinen Weg

Nutria im Naturschutzgebiet Mönchbruch
Die Nutria fühlt sich wohl bei uns - die Population hat sich stark vergrößert. Bild © picture-alliance/dpa

Mit ihrem rötlich schimmernden Pelz und den auffälligen Nagezähnen sehen die Biberratten wie Urzeitmeerschweinchen aus. So süß das klingt, die Nutrias machen dem hessischen Ökosystem mächtig Probleme. Etwa, weil sie Ufergebiete, in denen sie leben, zerstören und so den Lebensraum anderer Tiere und Pflanzen gefährden.

Nutrias sind Eindringlinge in Hessen und Schuld daran ist der Mensch: Die Nager aus Südamerika wurden früher in Pelztierfarmen in Deutschland gehalten. Von dort breiteten sie sich flächendeckend aus. Die EU listet sie deshalb als "invasive Art". Milde Winter und ein großes Futterangebot kommen den Nutrias entgegen. Und auch der Mensch hilft den Nagern bei der Nahrungssuche. In Bad Vilbel (Wetterau) wurde im vergangenen Jahr sogar ein Fütterverbot verhängt, da Besucher den zahmen Nutrias lange Zeit Essen gaben. Das alleine scheint nicht auszureichen, denn die Nutrias werden gejagt. Im Jagdjahr 2017/18 wurden in Hessen 974 Tiere getötet.

Die Koreanische Buschmücke – wohnhaft jetzt in Wiesbaden

Asiatische Mücke Aedes koreicus
Die Eier der Koreanischen Buschmücke überstehen unsere Winter gut. Bild © Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

Vor gerade einmal vier Jahren fanden Forscher eine einzelne Mücke in Bayern, die in Deutschland bis dato als unbekannt galt. Der Name dieser Mückenart: "Aedes koreicus", die Koreanische Buschmücke. Sie ist in Korea, Japan, China und Teilen Russlands zu Hause, an Orten mit eigentlich ganz anderen klimatischen Bedingungen als bei uns. Inzwischen haben Forscher der Frankfurter Senckenberg-Gesellschaft nachgewiesen, dass sich das Insekt in Wiesbaden sogar schon fest etabliert hat. Eine ganze Population hat dort überwintert. Eine Ausbreitung der Mücke in ganz Deutschland halten die Forscher für sehr wahrscheinlich, denn zwei ähnliche exotische Mückenarten haben sich bereits hier eingelebt.

Die Mücken fühlen sich in urbaner Umgebung, wo es viele Wasserlachen gibt, besonders wohl. Allerdings können die koreanischen Buschmücken für Menschen gefährlich werden, weil sie potenzielle Krankheitsüberträger sind. Laborversuche zeigten, dass sie etwa das Virus der Japanischen Enzephalitis oder das Chikungunya-Virus verbreiten können. In Deutschland sei diese Gefahr jedoch relativ gering, sagt Sven Klimpel, Wissenschaftler am Senckenberg Forschungszentrum.

Verlierer

Kreuzotter - I want Moor

Kreuzotter
Der natürliche Lebensraum der Kreuzotter verschwindet allmählich. Bild © picture-alliance/dpa

In Deutschland leben zwei Arten von Giftschlangen: Aspisvipern und Kreuzottern. Die Kreuzottern werden allerdings immer weniger: Durch den Verlust der natürlichen Lebensräume ist ihre Anzahl in den letzten Jahren deutlich kleiner geworden. Mittlerweile stehen sie auf der Roten Liste für gefährdete Tiere.

Die Kreuzotter lebt vorwiegend in kühlen Moorgebieten. Diese sowieso schon seltenen Lebensräume sind sensibel und werden durch längere Dürreperioden weiter gefährdet, so Lisa Schwenkmezger vom HLNUG. "Intakte Ökosysteme sind von Natur aus sehr widerstandsfähig", sagt Schwenkmezger. Da diese Moorlebensräume durch den Menschen aber schon geschädigt seien, habe dies allerdings nachgelassen.

Moorfrosch - kleines Tier, große Sorgen

Männlicher Moorfrosch in blauer Färbung
Das große Sorgenkind der Umweltschützer: Der Moorfrosch. Bild © picture-alliance/dpa

Der Moorfrosch ist ein sehr kleiner Frosch, er wird nur etwa sechs Zentimeter groß. Seine braune Färbung sorgt dafür, dass er nicht auffällt. Meistens jedenfalls. In der Paarungszeit werden die Männchen blau, um den Weibchen zu imponieren. Um dieses kleine Tier machen sich Hessens Tierschützer große Sorgen. Auf der Roten Liste der Amphibien belegt er regelmäßig den ersten Platz. Denn auch ganz ohne Klimawandel steht es schlecht um den Frosch.

Das liegt daran, dass der Lebensraum der Frösche kleiner wird. Die von ihnen bevorzugten naturbelassenen Auenlandschaften kommen immer seltener vor. Häufig weichen Moorfrösche deswegen auf kleinere Gewässer aus, die aber in warmen Sommern austrocknen. "Wenn ein Bestand bereits stark gefährdet ist, dann ist der Klimawandel das Tüpfelchen auf dem i", sagt Expertin Schwenkmezger.

Die Nestbrüter – vom System im Stich gelassen

Eine Kohlmeise sitzt auf einem Ast.
Nestbrütern wie der Kohlmeise fehlt es immer häufiger an Nahrung. Bild © picture-alliance/dpa

Das Problem der Nestbrüter, wie etwa der Kohlmeise, ist simpel: Selbst zunächst nicht durch den Klimawandel bedroht, fehlt den Tieren schlichtweg ihre Nahrung. Denn die lang andauernde Hitze im vergangenen Sommer und der fehlende Regen wirken nach: Das Insektensterben nimmt zu. Für die Küken der Nestbrüter ist das fatal. 80 Prozent der Altvögel ernähren sich und ihren Nachwuchs zur Brutzeit überwiegend von Insekten und Spinnen. Zu wenige Insekten – das bedeutet, dass ein Teil der Brut verhungert, wenn die Eltern nicht genügend Nahrung finden.

Hinzu kommt: Weil es im Frühjahr immer wärmer wird, beginnen einige Vogelarten auch früher mit der Eiablage. Das Nahrungsangebot und die Zeit, in der die Jungtiere im Nest leben, sind nicht mehr synchron. Gerade dann, wenn besonders dringend Nahrung für die Aufzucht der Jungvögel gebraucht wird, ist die Natur "noch nicht so weit".

Wenn die Natur aus dem Takt gerät

Siebenschläfer - ungutes Erwachen

Siebenschläfer
Der Siebenschläfer trifft nicht mehr auf leere Nester. Bild © picture-alliance/dpa

Bisher hat es gut funktioniert: Die Vögel bauten die Nester, zogen dort ihre Jungen auf, bis diese flügge wurden. Kaum waren die Vogelnester frei, kam der Siebenschläfer - und die Nester wurden ein zweites Mal zur Wohnstube für den Nachwuchs: Siebenschläfer ziehen ihre Jungen in verlassenen Vogelnestern auf.

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Siebenschläfer

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Wegen der höheren Temperatur im Erdreich wachen Siebenschläfer nun aber bis zu sieben Wochen früher aus dem Winterschlaf auf, der eigentlich von September bis Juni dauern sollte, wie Karl-Heinz Schmidt von der Forschungsstation Schlüchtern (Main-Kinzig) sagt. Das passiert zu einer Zeit, in der die meisten Vögel noch selbst in den Bäumen nisten und ihre Eier ausbrüten. Die Siebenschläfer treffen nach der Paarung nun auf volle Vogelnester, zerstören die Eier oder fressen sie sogar auf.

Zugvögel - neue Wege

Gartenrotschwanz
Den Gartenrotschwanz erwarten bei seiner Rückkehr im Frühjahr viele Probleme. Bild © picture-alliance/dpa

Wenn die Störche aus ihrem Winterquartier im Süden zurückkommen, ist der Frühling nicht mehr weit. Zumindest konnte man sich früher darauf verlassen. Inzwischen fliegen vor allem Kurzstreckenzieher, also Vögel mit einem kurzen Weg vom Winter- ins Sommerquartier, immer früher zurück nach Hessen. Vögel wie der Kiebitz, die Singdrossel und der Star überwintern inzwischen sogar in Mitteleuropa.

Schwerer haben es dagegen Langstreckenzieher wie Trauerschnäpper und Gartenrotschwanz, erklärt Lisa Schwenkmezger vom HLNUG. Die Vögel merken in ihren weit entfernten Winterquartieren nicht, dass es in Europa bereits früher warm wird. Das birgt Probleme: Wenn sie zu spät zurückkehren, gibt es weniger Insekten. Denn diese schlüpfen durch die wärmeren Temperaturen früher. Außerdem beginnen Vögel, die hier überwintern, viel früher mit der Brut - geeignete Brutplätze sind dann oft schon belegt.

Der Kuckuck – wenn die innere Uhr zum Verhängnis wird

Kuckuck
Schlichtweg zu spät dran: der Kuckuck. Bild © picture-alliance/dpa

Der Kuckuck überwintert in Zentralafrika. Da der Zugvogel seine Eier in fremde Nester legt, ist es für ihn besonders wichtig, pünktlich zurück sein - nämlich dann, wenn der Wirtsvogel mit dem Brüten anfängt. Wegen der steigenden Temperaturen kehren allerdings viele Zugvögel früher nach Deutschland zurück, vor allem diejenigen, die am Mittelmeer überwintern. Kurzstreckenzieher, wie der Teichrohrsänger, erreichen inzwischen im Schnitt zehn Tage vor dem Kuckuck ihre Heimat.

Der Kuckuck aber kehrt pünktlich wie eine Kuckucksuhr erst Mitte April zurück - zu spät, um seine Eier unbemerkt in fremde Nester zu schmuggeln. Die anderen Vögel brüten schon längst. Damit bleibt immer öfter der Nachwuchs aus. In Hessen gibt es laut Umweltministerium noch 2.000 bis 3.000 Brutpaare. In der Roten Liste bestandsgefährdeter Vogelarten Hessens wird der Kuckuck als "gefährdet" eingestuft.

Die Autor*innen studieren am Journalistischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Hier finden Sie Infos über das Projekt der Uni Mainz in Kooperation mit hessenschau.de.