Eine Ärztin mit Schutzausrüstung und Abstrich.

Hausärzte sind meist die erste Anlaufstelle für Menschen, die glauben, an Corona erkrankt zu sein. Doch viele fühlen sich schlecht ausgestattet - oder schlecht informiert. Manche entwickeln deshalb auf eigene Faust kreative Lösungsansätze.

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Sie sollen verunsicherten Patienten in Zeiten des Coronavirus helfen - und haben doch selbst so viele Fragen. Was die Behandlung des neuen Virus angeht, fühlen sich viele Hausärzte von den Behörden alleine gelassen.

"Die Frage ist, wie wir das in der Praxis umsetzen sollen, was wir an offiziellen Empfehlungen vom Robert-Koch-Institut oder von der Kassenärztlichen Vereinigung bekommen", sagt der Arzt Matthias Wessinghage aus Fulda. Darum geht es:

Mit welchen Problemen kämpfen die Ärzte?

Viele Ärzte klagen derzeit, dass sie viel zu wenig Desinfektionsmittel und Schutzkleidung wie Kittel oder Atemschutzmasken haben. Die brauchen sie, wenn sie bei Patienten Proben nehmen wollen, um zu testen, ob die an Corona erkrankt sind. "Die Preise sind explodiert, der Fachhandel ist leergefegt", berichtet Ulrike Kretschmann, Allgemeinmedizinerin aus Marburg.

"Das Gesundheitsamt hat eine einzige Einmalmaske pro Praxis im Kreis Marburg-Biedenkopf in Aussicht gestellt - sobald das Amt selbst welche hat." Die Ärztin hat nun 1.000 Euro ausgegeben, um noch 30 Kittel und Schutzmasken zu bekommen: "Zehn für unser Team, 20 für Patienten."

Andernorts ist es noch schlimmer: "Laut Hygiene-Richtlinie müssen wir Masken der Schutzklasse FFP-2 aufziehen, aber die haben wir nicht", sagt Claudia Gombert aus Bad Homburg. Ihr Kollege Ortwin Schuchardt aus Stadtallendorf (Marburg-Biedenkopf) ist im erweiterten Vorstand des Marburg-Biedenkopfer Ärztenetzwerks "Prima". Er sagte am Montagabend in der Sendung "Jetzt mal Klartext! im hr-fernsehen: "Es gibt Kollegen, die haben schon keine Schutzmasken mehr."

Ein Apotheker rühre ihm derweil mit Propanol Desinfektionsmittel an, weil es einfach keins zu kaufen gebe. Und Matthias Wessinghage aus Fulda berichtet: "Wir bekommen inzwischen schon Empfehlungen vom Robert-Koch-Institut, wie Masken mehrfach einzusetzen sind. Ich finde die Situation seltsam."

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Bürger sollen auf Masken verzichten

Angesichts des sich ausbreitenden Coronavirus rufen Mediziner zum umsichtigen Umgang mit Schutzmaterial auf. Die Bürger sollten zugunsten des medizinischen Personals auf Desinfektionsmittel oder Schutzmasken möglichst verzichten. Diese und weitere Informationen finden Sie in unserem Ticker zum Corona-Virus in Hessen.

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Außerdem fühlen sich manche Ärzte auch nicht ausreichend informiert. So sagt Petra Becker aus Frankfurt: "Die Verunsicherung in der Bevölkerung, die gibt es zum Teil auch bei den Ärzten." "Wir sind nicht die ersten in der Informationskette", sagt auch Gombert. "Überall heißt es, man soll zum Arzt gehen, aber wir kriegen nur wenige Informationen." Auch Wessinghage aus Fulda klagt: "Leider sind die Gesundheitsämter etwas still, was Empfehlungen angeht, wie wir das in der Praxis umsetzen sollen." Kretschmann dagegen sagt: "Ich fühle mich schon gut informiert. Aber wenn ich die Vorgaben nicht erfüllen kann, fühle ich mich mies."

Was bedeutet das für die Patienten?

Als er vergangene Woche in Wetzlar über den ersten hessischen Corona-Fall informierte, wiederholte Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne), was potenzielle Corona-Patienten zu beachten haben: "Zunächst mal anrufen im Gesundheitsamt oder beim Hausarzt, der den Fall mit Ihnen bespricht. Wenn der der Meinung ist, dass man tiefer einsteigen muss, gibt er das ans Gesundheitsamt ab."

Nur klappt das nicht immer. "Die Leute haben Angst, die kommen natürlich in die Praxen", sagt Kretschmann aus Marburg. Zumal die Hotlines, bei denen man sich informieren kann, überlastet seien. Die Situation sei "überhaupt nicht gut gelöst. Und das Gesundheitsamt schickt alle Patienten zum Hausarzt."

Auch Becker aus Frankfurt sagt: "Die Patienten sind sehr verunsichert, wir kriegen viele Anrufe, viele Fragen. Das blockiert viele Abläufe in der Praxis." Es gebe auch Verunsicherung, was die Ärzte überhaupt machen können, berichtet Gombert: "Letzte Woche konnten wir viele Patienten nicht testen, weil es hieß, dass das eine Privatleistung sei."

Welche Lösungsansätze haben die Ärzte für sich entwickelt?

Für Ulrike Kretschmann aus Marburg steht fest: Wenn sich ein Patient meldet, der glaubt, an Corona erkrankt zu sein, dann kommt er am besten nicht in die Praxis. "Ich würde ihm empfehlen: Kommen Sie mit dem Auto und rufen Sie an, wenn Sie da sind. Dann komme ich vermummt runter, nehme die Probe, und Sie fahren nach Hause und bleiben dort." Zu hoch ist ihr das Risiko, dass er sonst womöglich andere Patienten ansteckt - oder gar sie oder ihr Team. Zumal sie dann als Kontaktperson gelte und damit eigentlich 14 Tage in Quarantäne gehen müsste - die Praxis bliebe dann zu.

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hessenschau kompakt vom 03.03.2020
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Claudia Gombert aus Bad Homburg versucht außerdem, die Termine von alten oder chronisch kranken Patienten wenn möglich zu verschieben. Für diese Gruppen ist das Virus sehr viel gefährlicher als für die Allgemeinbevölkerung. "Und wenn jemand im Wartezimmer hustet, schicke ich den vor die Tür - weil die anderen Patienten sonst Angst haben."

Was fordern sie von der Politik?

"Wir sind nicht so vorbereitet worden, wie wir uns das gewünscht hätten", sagt Ortwin Schuchardt. "Ich hatte gehofft, dass man anfängt zu informieren, als das in China losging. Das ist nicht passiert." Sein Vorschlag: "Man könnte das konzentrieren, wie die Italiener das machen - dass man spezielle Stellen einrichtet, an denen getestet wird, wo Leute acht Stunden lang vollvermummt sitzen.

Ähnliches stellt sich auch Ulrike Kretschmann vor: "Im Pandemieplan des Landes heißt es, dass man Fieberambulanzen einrichten kann. Wir haben doch leerstehende Container, die früher für die Flüchtlingsunterbringung gebraucht wurden, oder Bundeswehrzelte - dort könnte man die Leute versorgen." Claudia Gombert sagt zudem: "Wir hätten gerne tagesaktuelle Informationen, am besten direkt aufs Faxgerät."

Was sagen Politik und Verbände?

Gesundheitsminister Klose sagt: "Wir haben einen Pandemieplan und seit dem 17. Dezember mit dem Influenza-Erlass alle medizinischen Einrichtungen in Hessen auf eine solche Situation vorbereitet." Auch die Ärzte seien informiert und sollten die entsprechenden Vorkehrungen getroffen haben. Zudem verstärke die KV die Kommunikation mit der Ärzteschaft.

Die KV bekräftigt ebenfalls, sie statte die Ärzte so gut es gehe mit Informationen aus - die Website mit Infos für die Ärzte werde täglich aktualisiert und man habe die Ärzte per Rundschreiben darauf hingewiesen. Tägliche Push-Meldungen oder Newsletter gebe es aber nicht: "Da besteht eine gewisse Holschuld", so ein Sprecher zum hr. Dass Patienten zum Arzt gehen, obwohl sie aufgefordert sind, sich vorab telefonisch zu melden, sei allerdings "nicht zu verhindern".

Der Sprecher des Deutschen Hausärzteverbandes Christian Schmuck sagt dem hr, deutschlandweit laufe der Informationsfluss zwischen Gesundheitsbehörden, der ärztlichen Selbstverwaltung, Fachgesellschaften und Verbänden sowie den hausärztlichen Praxen "im allgemeinen sehr gut".

Was die Schutzausrüstung betrifft, sei die richtige Verteilung entscheidend: "Ausreichende Schutzkleidung benötigen vor allen Dingen diejenigen, die unmittelbar in die Versorgung eingebunden sind." Wichtig sei außerdem, dass Patienten mit Verdachtssymptomen unbedingt von anderen getrennt blieben. Deswegen nehme die Zahl der telefonischen Beratungen und der Hausbesuche deutlich zu. Das Problem dabei: "Hausbesuche sind sehr zeitaufwändig."

Zur Frage nach dem Pandemieplan teilt das hessische Gesundheitsministerium mit, der öffentliche Gesundheitsdienst beurteile permanent die aktuelle Situation, zusammen mit anderen Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation oder dem Robert-Koch-Institut. Die Kriterien, um den Pandemiefall auszurufen, seien international festgelegt - und bislang nicht erfüllt.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 03.03.2020, 16.45 Uhr