Ein ICE steht am Gleis 7 des Frankfurter Hauptbahnhofs, nachdem er bei der Einfahrt ein Kind überrollte, das vor den Zug geschubst wurde.

Vor genau einem Jahr wurde ein achtjähriger Junge am Frankfurter Hauptbahnhof vor einen ICE gestoßen und getötet. Was hat sich seither am Bahnhof geändert? Und wie ist der Stand der Ermittlungen? Eine Bestandsaufnahme.

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zum Video Frankfurter Gleis-Attacke jährt sich

hessenschau vom 29.07.2020
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Nichts am Frankfurter Hauptbahnhof deutet noch darauf hin, welche Tragödie sich dort vor genau einem Jahr ereignete. Pendler wuseln geschäftig umher, Bettler fragen nach ein paar Cent - wenn auch wegen der Corona-Pandemie mit Maske und Abstand.

Auch an Gleis 7 ist Normalität eingekehrt. Am Morgen des 29. Juli 2019, mitten im Ferienreiseverkehr, hatte ein Mann dort einen achtjährigen Jungen aus dem Hochtaunuskreis und seine Mutter vor einen ICE gestoßen. Die beiden wollten in den Urlaub fahren.

Der Junge wurde von dem gerade einfahrenden Zug überrollt und starb noch im Gleisbett. Seine Mutter konnte sich noch rechtzeitig auf den Weg neben den Schienen retten. Sie kam mit Verletzungen ins Krankenhaus.

Verdächtiger war in psychiatrischer Behandlung

Der Täter floh über die Gleise. Wenig später nahm die Polizei in der Nähe des Bahnhofsgebäudes einen Verdächtigen fest: Einen heute 41-jährigen, dreifachen Familienvater aus Eritrea, der das Opfer den Ermittlungen zufolge nicht kannte und zum Tatzeitpunkt in der Schweiz per Haftbefehl gesucht wurde.

Nach Polizeiangaben war der Mann bereits seit einem Jahr in psychiatrischer Behandlung. Eine Woche vor der Gleis-Attacke habe er seine Frau und die gemeinsamen drei Kinder in ihrer Wohnung in der Schweiz eingesperrt und eine Nachbarin angegriffen. Zuvor habe er als Vorzeige-Einwanderer gegolten, auch seine Familie habe der plötzliche Gewaltausbruch überrascht.

Prozess wegen Totschlags und Körperverletzung

Vor dem Landgericht Frankfurt muss sich der 41-Jährige ab dem 19. August wegen Totschlags, versuchten Totschlags und Körperverletzung in zwei Fällen verantworten. An Gleis 7 soll er auch versucht haben, eine 78-jährige Frau vor den ICE zu stoßen. Sie fiel jedoch auf den Bahnsteig und brach sich den Ellenbogen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Vor einem Jahr starb Leo an Gleis 7 am Frankfurter Hauptbahnhof

Gedenkstelle am Frankfurter Hbf
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Das Gericht erklärte, auch Mord beziehungsweise versuchter Mord kämen infrage, sofern die Beweisaufnahme ergeben sollte, dass der Beschuldigte heimtückisch, also "unter bewusster Ausnutzung der Arg- und Wehrlosigkeit der Opfer" gehandelt habe.

Litt der Beschuldigte an Wahnvorstellungen?

Das ist allerdings fraglich. Denn ein von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenes psychologisches Gutachten bescheinigt dem Beschuldigten, an schizophrenen Wahnvorstellungen gelitten zu haben. Es sei deshalb davon auszugehen, dass er zum Tatzeitpunkt nicht schuldfähig war. Der Gutachter hält es außerdem für wahrscheinlich, dass von dem Beschuldigten auch in Zukunft Gefahr ausgehen könnte.

Statt einer Anklage stellte die Staatsanwaltschaft deshalb einen Antrag, den Beschuldigten dauerhaft in einer Psychiatrie unterzubringen. Er wird offiziell auch nicht als Angeklagter, sondern als Beschuldigter geführt. Zurzeit befindet sich der Mann in einer psychiatrischen Klinik. Für den Prozess sind zunächst sechs Verhandlungstage angesetzt.

Bundesweite Anteilnahme - Familie "tief berührt"

Passanten stehen am Gleis 7 des Hauptbahnhofs vor einem Meer aus Blumen, Kuscheltieren und Beileidsbekundungen.

Die Tat löste im vergangenen Jahr bundesweit Anteilnahme aus. Zu einer Andacht auf dem Bahnhofsvorplatz kamen 400 Menschen. Noch Wochen danach legten Passanten Blumen, Kerzen, Stofftiere und Briefe an Gleis 7 nieder. Bei einer Spendenkampagne im Internet kamen binnen einer Woche mehr als 100.000 Euro für die Angehörigen zusammen.

Die Familie ließ vergangene Woche über ihren Anwalt mitteilen, sie sei von der Anteilnahme "tief berührt". Unzufrieden seien die Angehörigen dagegen mit den Ermittlungen, etwa mit der Zusammenarbeit zwischen den Behörden in Deutschland und der Schweiz. "Seit dem tragischen Verlust unseres kleinen Sohns und Bruders geht es uns nicht gut", heißt es in dem Schreiben weiter. Eltern und Schwester würden weiterhin psychologisch betreut.

260 Kameras für den Hauptbahnhof

Unmittelbar nach der Attacke kündigten Bundesregierung und Deutsche Bahn an, für mehr Sicherheit an Bahnhöfen zu sorgen. Bis 2024 sollen alle größeren Bahnhöfe in Deutschland mit modernen Videokameras ausgestattet werden. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) stellte zudem 1.300 zusätzliche Bundespolizeibeamte in Aussicht - die müssten aber zuerst ausgebildet werden.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wie steht es um die Sicherheit am Hauptbahnhof?

Passanten gehen am Gleis 7 des Hauptbahnhofs an einer Gedenkstelle für den getöteten Jungen vorbei.
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Im Frankfurter Hauptbahnhof patrouillieren nach Angaben des Bundesinnenministeriums bereits mehr Polizeibeamte. Außerdem sollen dort künftig mehr als 260 moderne Videokameras eingesetzt werden, die in mehrere Richtungen filmen und Bilder in HD-Qualität liefern können. 80 Prozent dieser Kameras seien bereits installiert worden, teilte die Deutsche Bahn auf Anfrage mit.

Abstand lautet die Devise

Eine Expertengruppe prüft darüber hinaus weitere Sicherheitsvorkehrungen - etwa Lautsprecherdurchsagen, Zugangsbeschränkungen zu den Gleisen oder Markierungen an den Bahnsteigkanten.

Damit könne man eine Gewalttat wie an Gleis 7 letztlich aber nicht verhindern, sagt der Vorsitzende des Fahrgastverbands Pro Bahn, Karl-Peter Naumann. "Das sicherste ist eigentlich, sich nicht genau an der Bahnsteigkante aufzuhalten. Wenn einen dann jemand schubst, ist es besser, wenn man auf den Bahnsteig fällt als vor den Zug."

Für den getöteten Jungen und seine Familie kommen solche Ratschläge freilich zu spät. An Gleis 7 soll bald eine Gedenktafel an den tragischen Tod des Achtjährigen erinnern.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 29.07.2020, 19.30 Uhr