Luftaufnahme der Baustelle rund um die gesperrte Salzbachtalbrücke in Wiesbaden

Am Samstag wird die Salzbachtalbrücke auf der A66 gesprengt: ein historisches Ereignis, wie der Wiesbadener Oberbürgermeister sagt. Alles Wichtige zur Sprengung und zu den Planungen für den Neubau der Brücke.

Jules Verne beschrieb einst, wie ein Mann in 80 Tagen um die Welt reiste. Rund um Wiesbaden steht die Welt dagegen seit fast doppelt so langer Zeit verhältnismäßig still, seit im Stadtteil Biebrich die marode Salzbachtalbrücke auf der A66 für den Verkehr gesperrt wurde. Und so blickt die Welt - oder wenigstens Hessen, aber mindestens ganz Wiesbaden - so gespannt auf die geplante Sprengung der Brücke an diesem Samstag (ab 10 Uhr im Livestream auf hessenschau.de sowie im Liveticker) wie seinerzeit auf Phileas Foggs Rückkehr an den Ausgangspunkt seiner spektakulären Roman-Reise.

Oder wie es Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD) ausdrückte: "Die Sprengung der Salzbachtalbrücke ist zweifellos ein Ereignis, an das sich noch viele Wiesbadenerinnen und Wiesbadener lange erinnern werden und herbeigesehnt haben." Mende sagt übrigens über sich selbst, dass er nicht zu Dramatisierungen neige - aber in Wiesbaden herrsche nun mal ein "verkehrstechnischer Albtraum".

Nicht nur die Wiesbadener und Hessen schauten nun auf das Salzbachtal, sagte kürzlich Tarek Al-Wazir, der hessische Verkehrsminister. Der Grünen-Politiker war für die Salzbachtalbrücke verantwortlich, bevor die Autobahn GmbH übernahm. Im Landtag sprach er von einem "deutschlandweiten Interesse" an der Ursachenforschung für die Havarie über dem Salzbachtal, "um eventuell für den Umgang mit anderen Bauwerken zu lernen". Die Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Warum ist die Salzbachtalbrücke eigentlich so wichtig?

Die Salzbachtalbrücke ist eine Autobahnbrücke der A66, die Wiesbaden und den Rheingau mit Frankfurt verbindet. Die Brücke wurde im Jahr 1963 als sogenannte Südumgehung Wiesbaden eröffnet. Die Teilbrücken Nord und Süd waren für eine Belastung von rund 20.000 Fahrzeugen pro Tag ausgelegt und mussten seit 1985 angesichts des zunehmenden Verkehrs immer wieder verstärkt werden. Bis zur Sperrung der Brücke fuhren zuletzt rund 90.000 Fahrzeuge täglich darüber. Seit 2009 war bekannt, dass die Brücke marode ist und dringend erneuert werden muss.

Wie sollte die Salzbachtalbrücke ursprünglich saniert werden?

Die Erneuerung des besonders maroden Süd-Teils war für 2022 geplant. Allerdings kam es immer wieder zu Verzögerungen, unter anderem weil sich die Verkehrsbehörde Hessen Mobil und die beauftragte Baufirma monatelang um den besten Weg stritten, die Brücke abzureißen.

Zuletzt wurde das Bauende für 2026 angegeben. Die erste Phase der Baumaßnahmen sah zunächst vor, im Herbst 2021 die südliche Hälfte der Salzbachtalbrücke abzureißen und bis 2024 neu aufzubauen. Der Verkehr sollte in dieser Zeit komplett über den nördlichen Teil geführt werden. Das war bis zur Sperrung bereits seit längerem der Fall. In einer zweiten Bauphase waren der Abriss und der anschließende Neubau der alten Nordbrücke vorgesehen. Währenddessen sollten beide Fahrtrichtungen provisorisch über den südlichen Neubau laufen.

Warum kam doch alles anders?

Ein Passant meldete am 18. Juni dieses Jahres herabfallende Betonbrocken vom südlichen - also vom laufenden Verkehr abgekoppelten - Teil der Salzbachtalbrücke. Daraufhin wurde die Brücke komplett gesperrt. Die A66 ist seitdem zwischen Wiesbaden-Biebrich und Mainzer Straße nicht befahrbar.

Welche Schäden wurden an der Salzbachtalbrücke festgestellt?

Zwischen Pfeilern und Überbau einer Brücke befinden sich sogenannte Lager, die der Lastübertragung dienen. Sie lassen gleichzeitig die minimalen Längenveränderungen zu, die das Bauwerk bei Temperaturschwankungen erfährt. An einem der Pfeiler der Südbrücke ist im Sommer ein solches Lager kollabiert. Dadurch senkte sich der Überbau um etwa 30 Zentimeter ab und sitzt seitdem direkt auf dem Pfeiler. Dieser wiederum hatte sich seitlich verschoben und weist massive Risse auf.

Die Gutachter der Autobahn GmbH konnten das fragliche Rollenlager bislang allerdings nicht untersuchen, denn das ist ihren Angaben zufolge zwar in der beschädigten Brücke "lokalisiert, aber nicht geborgen worden". Die Gesellschaft spricht beim Grund für die Havarie von einer "Verkettung von Ursachen".

Welche Auswirkungen hat die Sperrung auf den Verkehr?

Verkehrsminister Al-Wazir bezeichnet die Sperrung der Brücke als den "größten anzunehmenden Unfall für die Mobilität in und um Wiesbaden". Autofahrerinnen und Autofahrer müssen den Bereich über die A643, A60 und A67 weiträumig umfahren.

Außerdem: Der Hauptbahnhof Wiesbaden kann bis auf die Ländchesbahn (RB21) von keinen Zügen angefahren werden, ist quasi vom Fern- und Nahverkehr abgeschnitten. Im Stadtgebiet Wiesbaden müssen mehrere Buslinien umgeleitet werden, Schienenersatzverkehr führt über den Rhein nach Mainz.

Die Grafik zeigt die empfohlenen Umleitungen an der Salzbachtalbrücke für Autofahrer in Richtung Mainz, Bingen oder Rüdesheim und in Richtung Frankfurt.

Warum wurde die Brücke nicht gleich nach der Sperrung gesprengt?

Zur Vorbereitung der Sprengung waren arbeitsschutzrechtliche Vorgaben einzuhalten. Die kontrollierte Sprengung soll keine weitere Schäden verursachen. Deshalb musste die Salzbachtalbrücke zunächst notstabilisiert werden, erst dann konnten die sprengvorbereitenden Arbeiten beginnen. Fast 1.200 Löcher für den Sprengstoff mussten gebohrt, 1.160 elektrische Zünder angebracht und 15.300 Meter Zündleitungen verlegt werden.

Wie wird die Salzbachtalbrücke nun gesprengt?

Die beiden 310 Meter langen Brückenteile werden, so der Plan, am 6. November um 12 Uhr mit rund 220 Kilogramm Sprengstoff "niedergelegt", wie es die Autobahn GmbH ausdrückt. Sprengmeister Eduard Reisch aus Oberbayern beschreibt das Vorhaben als "gewaltiges, hochkomplexes Projekt".

Zunächst will Reisch das südliche Brückenbauwerk (Fahrtrichtung Frankfurt) und nur zwei Sekunden später die Nordbrücke "niederlegen". Dabei sei "ein gewisser Knall unvermeidbar". Sein Plan: Die Nordbrücke so sprengen, dass sie vom unter der Brücke liegenden Wiesbadener Klärwerk wegkippt. Die Südbrücke soll senkrecht nach unten fallen.

Mit welche Sprengung ist Sprengmeister Reisch in Hessen bekannt worden?

Ob Donau- oder A3-Brücke, 150-Meter-Kamin einer Zuckerfabrik - der 60-Jährige macht sie alle nieder. In Hessen hat er im Februar 2014 mit einer vielbeachteten Arbeit sogar einen Rekord aufgestellt: Da legte er mit fast einer Tonne Sprengstoff den 116 Meter hohen AfE-Turm der Uni Frankfurt in Schutt und Asche. Die Höhe des gesprengten Gebäudes war für Europa einmalig, der Schwierigkeitsgrad wegen der dichten Bebauung in der Umgebung enorm. Diese und sechs weitere spektakuläre Sprengungen in Hessen sehen Sie hier im Video.

Videobeitrag

Video

zum Video Uni-Turm erfolgreich gesprengt

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Ende des Videobeitrags

Müssen Anwohner ihre Wohnungen verlassen?

Am Sprengtag wird ein Bereich von 250 Metern um jeden der Sprengpunkte abgesperrt. In dem Bereich liegen unter anderem ein Klärwerk, ein Friedhof, eine Sektkellerei und mehrere Wohnhäuser. Rund 140 Menschen müssen ihre Wohnungen am Morgen verlassen.

Videobeitrag

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zum Video Klärwerk bereitet sich auf Sprengung der Salzbachtalbrücke vor

hessenschau 16:45 Uhr vom 03.11.2021
Ende des Videobeitrags

Was ist mit dem Wiesbadener Klärwerk?

Direkt neben und unter der Nordbrücke liegt das Wiesbadener Zentralklärwerk, dessen Ausfall sich die Landeshauptstadt nicht leisten kann. Zum Schutz der Anlage wurden Wälle aus 60.000 Tonnen Sand aufgeschüttet, Betonsicherungen an Kanälen und Leitungen aufgebaut und Sprengschutzmatten an den Nachklärbecken verlegt. Das Klärwerk wird während der Sprengung nicht vollständig stillgelegt, nur einzelne Aggregate kurzzeitig abgestellt. Die Qualität der Abwasserreinigung sei nicht gefährdet, teilte der Betreiber mit. Kameras überwachen, ob herabfallende Betonstücke der Brücke, die weg vom Klärwerk gesprengt wird, in die Becken fallen.

Und mit dem Wiesbadener Tierheim?

Ebenfalls in unmittelbarer Nähe zur Brücke betreibt der Tierschutzverein Wiesbaden sein Tierheim. Hunde, Katzen und Kleintiere werden aus der Evakuierungszone verlegt und zum Teil andernorts untergebracht. Einige Hunde zum Beispiel zogen in Hundepensionen. Viele Tiere, die während der Sprengung im Tierheim bleiben, müssen von Pflegern medizinisch betreut werden. Außengehege werden wegen der hohen Staubentwicklung abgedeckt, Rollläden in den Hundehäusern geschlossen und die Außengehege im Katzenbereich mit Planen abgedeckt. Sämtliche dabei anfallenden Kosten übernimmt die Autobahn GmbH.

Kann man sich die Sprengung anschauen?

Die Sprengung wird nur wenige Sekunden dauern - und die Sicherheitszone um die Salzbachtalbrücke herum weiträumig abgesperrt. Der hr überträgt von 10 bis 13 Uhr im Livestream auf hessenschau.de, auf Youtube (hessenschau) und im hr-fernsehen. Auch die Autobahn GmbH wird einen Livestream anbieten. Unseren Liveticker auf hessenschau.de mit allen wichtigsten Informationen finden Sie hier.

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Livestream

zum Livestream Sondersendung zur Sprengung der Salzbachtalbrücke

Ein Mann in schwerer Schutzkleidung bearbeitet mit Feuer und Funkenflug einen Pfleiler der Brücke. Auf dem Foto steht in großen Lettern "LIVE-STREAM".
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Kommt es am Sprengtag zu Verkehrsbehinderungen in Wiesbaden?

Bereits ab Freitag, 5. November, von 18 Uhr bis Sonntag, 7. November, 10
Uhr, wird die B 263 in Fahrtrichtung Süden - über den Bypass - gesperrt.

Die A66 wird am 6. November an der Anschlussstelle Mainzer Straße gesperrt. Über die A671 endet die Fahrt am Amöneburger Kreisel und wird über die Kasteler Straße weitergeleitet. Die Mainzer Straße ist bis zur Angelika-Thiels-Straße befahrbar und wird auf den 2. Ring umgeleitet. In den umliegenden Wohngebieten werden die Bernhard-May-Straße an der Einmündung zur Hüglerstraße sowie die Straße An der Hammermühle und der Ferdinand-Knettebrech-Weg auf Höhe des Hundeplatzes gesperrt. Weitere Infos hier.

Was könnte bei der Sprengung schiefgehen?

"Alles kann schief gehen", sagte Sprengmeister Eduard Reisch augenzwinkernd bei der Vorstellung seines Plans. Alles, was mit der Sprengung zu tun hat, sei stabilisiert und in einer "statischen Meisterleistung" auch akribisch durchrechnet worden: "Wir haben kein Vier-Augen-Prinzip. Wir haben ein Viel-Augen-Prinzip", versicherte er.

Trotzdem besteht immer eine Rest-Gefahr, dass Trümmerteile die im Sicherheitsbereich gelegenen Bauwerke treffen. Möglichen Schäden an Anlagen und Gebäuden soll durch umfangreiche Vorher/Nachher-Beweissicherung der Autobahn GmbH Rechnung getragen werden.

Was könnte die Sprengung noch verhindern?

Nur Schlechtwetterlagen wie Starkregen und Nebel. Für den Fall würde die Sprengung zunächst auf Sonntag, 7. November, verschoben.

Wen trifft denn nun die Hauptschuld für den Brückenkollaps?

Unklar. Die zuständigen Behörden beraten immer noch über Ursache und Hergang des Brückenkollapses. Diese Beratungen könnten "durch eine vorzeitige und selektive Veröffentlichung beeinflusst" werden, findet dei Autobahn GmbH - deswegen wird der Bericht von vier Gutachtern, die die Ruine untersucht haben, unter Verschluss gehalten.

Wie oft wird so eine Brücke eigentlich kontrolliert?

Wie so vieles in Deutschland regelt das eine DIN-Norm - und zwar die DIN 1076. Sie regelt Art und Anzahl von Brückenprüfungen. Alle sechs Jahre findet demnach eine sogenannte Hauptprüfung statt, dazwischen gibt es nach drei Jahren eine "einfache Prüfung". Jährlich erfolgt eine zusätzliche Sichtprüfung. "Die Salzbachtalbrücke befindet sich jedoch bereits seit längerer Zeit unter intensiver Beobachtung mit deutlich verkürzten Prüfintervallen", heißt es bei der Autobahn GmbH.

Wie hoch ist der finanzielle Schaden durch Brückensperrung und -sprengung?

Unklar. Nur so viel steht fest: Die ganze Aktion kostet viel Geld. Die Brücke muss gesichert, gesprengt, abgeräumt und neu gebaut werden. Für die schon vor der Havarie geplante Erneuerung der Salzbachtalbrücke plante das Bundesverkehrsministerium mit Kosten von 140 Millionen Euro. Nun kommen dazu womöglich Schadenersatzforderungen, etwa von der Deutschen Bahn. Die hat Einbußen, weil die Bahnstrecke unter der Brücke seit vier Monaten gesperrt ist. Der Wiesbadener Hauptbahnhof ist seither praktisch stillgelegt.

Wann wird die neue Brücke befahrbar sein?

Unklar. Klar ist nur: Mit dem Bau der neuen Brücke soll schnell begonnen werden. Vorgefertigte Teile für die neue Südbrücke liegen der Autobahn GmbH zufolge schon in einem Zwischenlager bereit. Anders als zunächst gedacht, werde die Südbrücke aber wohl nicht mehr im kommenden Jahr fertig.

Wann und ob die neue Brücke im Laufe des Jahres 2023 wieder befahrbar sein wird, will die Autobahn GmbH aktuell öffentlich noch nicht einschätzen. Die Gesamtfertigstellung der neuen Süd- und Nordbrücke werde jedoch schneller erreicht als 2026 wie ursprünglich geplant, teilte sie mit.

Ab wann kann der Bahnverkehr wieder über den Wiesbadener Hauptbahnhof rollen?

Sechs Wochen nach der Sprengung. "Alle Beteiligten stehen in den Startlöchern, so dass nach der Sprengung rasch mit dem Wiederaufbau der Bahnstrecke und der Bundesstraße begonnen werden kann", sagte Ulrich Neuroth, Direktor der Niederlassung West der Autobahn GmbH.

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