Die Bildkombination zeigt ein Portrait von Lübcke und dessen Wohnhaus
Walter Lübcke starb durch einen Kopfschuss auf der Terrasse seines Hauses in Istha. Bild © picture-alliance/dpa

Weshalb starb Walter Lübcke? Gab es Hintermänner? Eine Spurensuche auf Grundlage dessen, was bisher bekannt ist.

Mehr als drei Wochen nach dem gewaltsamen Tod des Kasseler Regierungspräsidenten hat der rechtesextreme Stephan Ernst gestanden, den 65-jährigen CDU-Politiker Walter Lübcke erschossen zu haben. Die Hintergründe sind noch immer ungeklärt. Der Versuch einer Rekonstruktion.

Wohnhaus von Walter Lübcke
Wohnhaus von Walter Lübcke Bild © picture-alliance/dpa

1./2. Juni 2019: Der jüngste Sohn von Walter Lübcke besucht am Abend des 2. Juni die Weizenkirmes, die unmittelbar neben dem Haus des Opfers in dem 900-Einwohner-Dorf Wolfhagen-Istha (Kassel) auf dem Dorfplatz gefeiert wird. Rund 1.000 Menschen sind auf der Kirmes. Walter Lübcke passt nach hr-Informationen zusammen mit Frau und Schwiegertochter auf den einjährigen Enkelsohn auf.

Am Abend hat Lübcke nach Aussagen von Anwohnern noch Besuch, beim Gespräch auf der Terrasse wird viel gelacht. Der Gast verabschiedet sich gegen 23 Uhr. Die Frauen im Haus gehen schlafen. Walter Lübcke bleibt auf der Terrasse und raucht. Die Zeitung Welt am Sonntag erwähnt ein Mädchen aus dem Dorf, das um 23:30 Uhr am Haus vorbeigeht, da sitzt Lübcke auf der Terrasse. Sie ist womöglich die Letzte, die ihn vor der Tat gesehen hat.

Um 0:30 Uhr findet der zurückgekehrte Sohn den schwerverletzten Vater auf der Terrasse.

Der Sohn ruft einen Rettungssanitäter. Nach Informationen der Zeitung HNA handelt es sich dabei um einen Freund, der ebenfalls auf der Kirmes war. Der Mann wohnt auch im Dorf. Wie die HNA schreibt, manipuliert der Sanitäter den Tatort, indem er Blutspuren wegwischt. Will er der Familie den grausigen Anblick ersparen?

Walter Lübcke wird in eine Klinik in Wolfhagen gebracht. Dort stellen die Ärzte um 2:35 Uhr den Tod des Regierungspräsidenten fest. Das Landeskriminalamt (LKA) schaltet sich ein und übernimmt die Leitung der Ermittlungen.

4. Juni: Wie LKA und Staatsanwaltschaft auf einer Pressekonferenz in Kassel bekannt geben, ist Lübcke durch einen Schuss aus einer Kurzwaffe - dazu zählen beispielsweise Pistolen und Revolver - gestorben. Das habe die Obduktion ergeben. Der Schuss wurde demnach aus nächster Nähe abgegeben. Eine Waffe finden die Ermittler nicht. Eine Sonderkommission (Soko) mit rund 20 Mitarbeitern des LKA und des Polizeipräsidiums Nordhessen wird eingerichtet. Motiv und Täter sind unbekannt. "Wir ermitteln in alle Richtungen", sagt LKA-Chefin Sabine Thurau.

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In sozialen Medien tauchen Hasskommentare auf, unter anderem von Rechtsextremen. Lübcke hatte sich im Oktober 2015 für die Aufnahme von Flüchtlingen eingesetzt. Bei ihrer Unterbringung gehe es auch um "Werte". Wer diese Werte nicht vertrete, könne "jederzeit dieses Land verlassen", sagte er auf einer Bürgerversammlung damals. Es gibt ein Video von der Szene. Der Politiker erhält daraufhin Drohbriefe und Todesdrohungen. Zeitweise steht Lübcke damals unter Polizeischutz. Die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach, inzwischen AfD-Sympathisantin, twittert das alte Lübcke-Zitat im Februar 2019 und provoziert damit erneute Drohungen gegen Lübcke.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nennt die Hasskommentare "zynisch, geschmacklos, abscheulich, in jeder Hinsicht widerwärtig". Die Ermittler prüfen, ob sie im Zusammenhang mit der Tat stehen.

5. Juni: Der gewaltsame Tod des Regierungspräsidenten ist kurzfristig auch Thema in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst". Die Ermittler bitten Besucher der Kirmes um am Abend entstandene Fotos und Videos. Außerdem suchen sie Zeugen, die Verdächtiges gesehen oder Knallgeräusche wie Schüsse gehört haben. Bis Samstag, den 8. Juni, gehen rund 160 Hinweise ein.

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Spurensuche am Haus Lübckes Bild © hr

6. Juni: Nach Angaben der Ermittler ist die Soko "Liemecke" auf 50 Beamte verstärkt worden.

8. Juni: Spezialkräfte der Polizei evakuieren im niedersächsischen Harlesiel eine Nordsee-Fähre auf dem Weg nach Wangerooge und nehmen einen Mann fest. Später stellt sich heraus: Der Festgenommene ist der Sanitäter aus Istha.

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hs

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Der Mann wollte auf der Nordseeinsel einen Urlaub mit seinen Eltern antreten. Auch die Eltern werden kurzzeitig festgenommen. Laut Bild hatte die Polizei die Sorge, der Mann könnte die Tatwaffe bei sich haben und von der Fähre aus in der Nordsee versenken. Der Sanitäter wird nach Nordhessen gebracht und befragt. Sein Haus in Istha wird durchsucht.

9. Juni: Bei der Befragung des Sanitäters ergeben sich "keine Anhaltspunkte, die eine Tatbeteiligung stützten", teilen LKA und Staatsanwaltschaft mit. Der Mann wird in den frühen Morgenstunden wieder freigelassen. Mit der Entlassung fielen die Ermittlungen aber nicht wieder auf den Stand null zurück, ergänzt Andreas Thöne von Staatsanwaltschaft Kassel. "Wir ermitteln weiter in alle Richtungen."

13. Juni: In der Kasseler Martinskirche nehmen mehr als 1.300 Menschen Abschied von dem erschossenen Regierungspräsidenten. Neben Familie und Freunden nahmen auch zahlreiche politische Weggefährten des Getöteten an der Trauerfeier teil.

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hs

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15. Juni: In seinem Heimatort wird Lübcke im engeren Kreis beigesetzt. Mehrere hundert Gäste kommen zur Beerdigung, wie ein Sprecher des Regierungspräsidiums Kassel mitteilt.

16. Juni: Spezialeinheiten der Polizei nehmen einen dringend Tatverdächtigen fest. Ein DNA-Treffer führte die Ermittler zu einem 45 Jahre alten Mann. Aufgrund der Indizienlage wird der Tatverdächtige dem zuständigen Ermittlungsrichter vorgeführt und in Untersuchungshaft genommen.

17. Juni: Die Bundesanwaltschaft übernimmt die Ermittlungen. Sie geht bei der Tat von einem rechtsextremistischen Hintergrund aus. Tatverdächtig ist der einschlägig bekannte Rechtsextremist Stephan E.

18. Juni Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) bezeichnet die Ermordung Walter Lübckes als "Alarmsignal". Auch wenn die Hintergründe im Fall des dringend tatverdächtigen Stephan Ernst. noch ermittelt werden müssten, so sei doch von einer rechtsextremistischen Gesinnung auszugehen, so Seehofer. "Dies legt insbesondere seine Biografie nahe." Thomas Haldenwang, Chef des Bundesverfassungschutzes erklärt, dass Stephan Ernst, trotz einer "rechtsextremistischen Karriere", seit 2009 "nicht mehr deutlich in Erscheinung getreten" sei.

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Derweil prüfen die Ermittler Hinweise auf mögliche Mittäter. Ein Nachbar Lübckes hatte angegeben, in der Tatnacht zwei Autos bemerkt zu haben, die in "aggressiver Manier" durch den Ort gefahren seien.

19. Juni Das hessische Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) erklärt, dass die Personenakte von Stephan Ernst aus dem Nachrichtendienstlichen Informationssystem (NADIS) entfernt wurde. Zwar sei noch vorhanden, jedoch hätten die Verfassungsschützer aus datenschutzrechtlichen Gründen keinen Zugriff mehr darauf. Akten des Verfassungsschutz müssen eigentlich vernichtet werden, wenn die betroffene Person nicht weiter auffällig geworden ist. Jedoch wurde 2012 im Nachgang zum NSU-Skandal ein Löschmoratorium erlassen. Der LfV rechnet jedoch damit, dass der Generalbundesanwalt die Akte anfordern wird.

20. Juni Das ARD-Magazin "Monitor" berichtet, dass Stephan Ernst noch im März 2019 an einem konspirativen Treffen von Neonazis aus dem Umfeld der gewaltbereiten Gruppierung "Combat 18" in Sachsen teilgenommen habe. Dies sei durch Fotos belegt, die nach Ansicht eines forensischen Gutachters Stephan E. zeigen. Die Recherchen von Monitor sind brisant, widersprechen sie doch der Darstellung der Sicherheitsbehörden, wonach Stephan E. in den letzten zehn Jahren nicht mehr aufgefallen wäre.

22. Juni Rund 2.000 Menschen demonstrieren in Kassel gegen Rechtsextremismus und Gewalt. Zur Demonstration aufgerufen hatte ein breites Bündnis von mehr als 60 Organisationen. Zu den Forderungen der Demonstranten gehört unter anderem ein Verbot von "Combat 18".

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24. Juni Zwei Tage nachdem das ARD-Magazin "Monitor" über Stephan Ernsts vermeintliche Teilnahme an einem Neonazi-Treffen in Sachsen berichtet hat, melden Ermittler aus Hessen und Sachsen erhebliche Zweifel an. Laut "Spiegel TV" gehen die Behörden von einer Verwechslung aus. Die "Monitor" vorliegenden Fotos sollen demnach nicht Stephan Ernst, sondern Karsten H. - einen einschlägig bekannten Neonazi aus dem Umfeld der rechtsextremen Musikband "Oidoxie" - zeigen.

26. Juni Stephan Ernst legt ein vollständiges Geständnis ab. Nach Angaben von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hatte Ernst gegenüber dem Generalbundesanwalt bereits tags zuvor angegeben, Walter Lübcke erschossen und dabei alleine gehandelt zu haben. Auch der Ernsts Anwalt bestätigt das Schuldeingeständnis seines Mandanten. Als Grund für den Hass auf Lübcke gibt Ernst dessen flüchtlingsfreundliche Haltung und Lübckes Aussagen während einer Bürgerversammlung im Jahre 2015 an.

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27. Juni Nach Stephan Ernsts Geständnis durchsucht die Polizei Wohnungen in Kassel und im nordrheinwestfälischen Höxter. Zwei Männer - Elmar J. und Markus H. - werden festgenommen. J. soll Stephan Ernst die spätere Tatwaffe - eine Pistole vom Kaliber .38 - verkauft haben, während H. als Vermittler zwischen beiden fungierte. Die Generalbundesanwaltschaft geht davon aus, dass beide Festgenommenen über Ernsts rechtsextreme Gesinnung im Bilde waren und "billigend in Kauf" nahmen, dass dieser die Waffe für ein "politisch motiviertes Tötungsdelikt" nutzt. Allerdings seien beide vermutlich nicht über die konkreten Anschlagspläne informiert gewesen. Der Vorwurf lautet auf Beihilfe zum Mord. Es gebe keine gesicherten Hinweise, dass sich Ernst und die beiden Festgenommenen zu einer rechtsterroristischen Vereinigung zusammengeschlossen hätten.

In seinem Geständnis hatte Stephan Ernst zudem sein Waffenversteck offenbart. Polizisten finden auf dem Werksgelände eine Kasseler Bahnzulieferers - bei dem Stephan Ernst angestellt war - ein Erddepot, das fünf Schusswaffen enthält. Darunter eine Pumpgun, eine Uzi-Maschinenpistole und die Tatwaffe.

Zehn Jahre Präsident des Regierungspräsidiums

Erst vor wenigen Wochen hatte Walter Lübcke sein zehnjähriges Dienstjubiläum als Regierungspräsident in Kassel gefeiert. Er stand an der Spitze einer Behörde mit mehr als 1.000 Mitarbeitern.

Offiziell hätte Lübckes Dienstzeit am 31. März geendet. Auf ausdrücklichen Wunsch von Ministerpräsident Bouffier ging der Christdemokrat aber in die Verlängerung. Vor seiner Amtszeit als Regierungspräsident saß Lübcke von 1999 bis 2009 für die CDU im Landtag. Lübcke war verheiratet und hatte zwei Söhne. Im vergangenen Jahr wurde Lübckes Enkelsohn geboren.