Sehr viele Menschen stehen entlang einer Straße und um eine Hausecke herum Schlange. Daneben ein Polizeiauto.

"Kommen Sie nicht mehr nach Babenhausen", flehte Bürgermeister Stadler am Samstagmorgen. Eine Arztpraxis hatte zu einem Impftag eingeladen und einen Ansturm ausgelöst. Wohl auch wegen des verabreichten Impfstoffs, der gerade jetzt bei vielen besonders begehrt ist.

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hs
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Hunderte Menschen, die sich in einer Schlange die Nacht um die Ohren schlagen: Was man vor der Corona-Pandemie von den Ticketverkäufen für Festivals und Weltstar-Konzerten kannte, hat am Samstag ein Arzt in Babenhausen (Darmstadt-Dieburg) ausgelöst.

Die Praxis hatte angekündigt, bei einer Sonderimpfaktion pünktlich vor den Sommerferien 1.000 Menschen mit dem Wirkstoff von Johnson & Johnson zu versorgen - ohne Termin. Der Impfstoff von Johnson & Johnson muss im Gegensatz zu den Präparaten von Biontech, Moderna oder Astrazeneca nur einmal gespritzt werden. Nach zwei Wochen gelten die Patientinnen und Patienten als vollständig geimpft. Für sie entfallen dann viele Corona-Einschränkungen.

Und so warteten um 5.30 Uhr - zweieinhalb Stunden, bevor die Praxis überhaupt öffnete - schon hunderte Menschen in einer Schlange, die sich um den ganzen Häuserblock zog. Einige von ihnen waren bereits am Vorabend angereist und hatten in Wohnwagen campiert, wie Bürgermeister Dominik Stadler (unabhängig) mitteilte.

Bürgermeister appelliert, nicht mehr zu kommen

Um 8 Uhr hätten sich dann bereits 1.500 bis 2.000 Menschen vor der Praxis eingefunden. Die Kapazitäten seien damit ausgereizt, die Parkplätze überfüllt, sagte Stadler. Es kam zu erheblichen Verkehrsbehinderungen.

Der Bürgermeister rief deshalb schon am Morgen dazu auf, nicht mehr zu der Arztpraxis zu kommen. Er befürchtete, dass es zu einer schwierigen und "nicht steuerbaren" Lage komme, wenn der Impfstoff nicht für alle Wartenden reiche. Das hat sich nach Informationen der Polizei allerdings nicht bewahrheitet.

Impfwunsch vor Urlaub

Vor Ort sei die Situation stets unter Kontrolle geblieben. Auch Stadler lobte, wie diszipliniert die Impfwilligen sich verhalten hätten. "Die Leute, die angereist sind, waren sehr gut vorbereitet", sagte er. So hätten sich viele eigene Sitzgelegenheiten und Getränke mitgebracht und geduldig auf den Straßen gewartet.

Sie wolle in Urlaub fahren und dafür nicht mehr wochenlang auf einen Impftermin warten, sagte eine Frau aus dem 20 Kilometer entfernten Roßdorf. Dafür seien sie und ihr Mann extra um 5.30 Uhr aufgestanden. Seit Ende April warte sie auf einen Termin im Impfzentrum, aber "da tut sich nichts".

Außerdem habe der Impfstoff von Johnson & Johnson ja den Vorteil, dass er nur einmal gespritzt werden müsse, sagte eine andere Frau, die seit fünf Stunden in der Schlange stand. In zwei Wochen sei sie damit durch, während andere noch auf die Zweitimpfung warten müssten.

Impfarzt: Nicht mit so großem Andrang gerechnet

Die sieben Praxis-Mitarbeiter arbeiteten derweil im Akkord. Nach zwei Stunden waren bereits die ersten 300 Menschen geimpft. Die Schlange wurde dadurch allerdings kaum kürzer, weil selbst um 11 Uhr noch neue Menschen hinzukamen. Die Impfungen dauerten bis zum späten Nachmittag an.

Mit so einem großen Andrang habe er nicht gerechnet, sagte der Arzt Abrar Mirza, der die Impfungen durchführte. Allen Menschen, die geduldig bis zum Schluss in der Warteschlange ausharrten, habe man noch eine Dosis des Impfstoffs verabreichen können, niemand von ihnen sei leer ausgegangen. Dank einer Notfallreserve habe man insgesamt 1.200 Menschen impfen können.

Der Tag war gerade einmal zur Hälfte um, da plante Mirza bereits die nächste Aktion: "Wir hoffen, dass wir mehr Impfstoff bekommen und dann eine größere Aktion machen können. Aber nicht mehr im Stadtzentrum", sagte er. Auf einem ehemaligen Kasernengelände würde es nach seinen Worten genügend Platz dafür geben.

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