Alexander S. stand im Kontakt mit den beiden Angeklagten im Lübcke-Prozess. Der Neonazi chattete nicht nur mit ihnen, nach hr-Informationen übte er auch mit Markus H. am Schießstand mit scharfen Waffen.

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Am Nachmittag des 1. Juni 2019 telefonierte Markus H. mit dem Neonazi Alexander S. aus Alsfeld (Vogelsberg). Vier Minuten und 32 Sekunden dauerte das Gespräch. Am Nachmittag waren die beiden nach NDR-Informationen offenbar noch gemeinsam in Kassel in der Stadt unterwegs, . Gegenüber Ermittlern sagte Alexander S., am Abend sei er wieder nach Alsfeld gefahren.

In der folgenden Nacht starb der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke. Stephan Ernst soll ihn laut Anklage gegen 23.30 Uhr erschossen haben. Markus H. ist wegen Beihilfe angeklagt, er soll seinen Freund Ernst angestachelt haben. Seitdem steht auch die Frage im Raum, gab es Mitwisser?

Gemeinsames Schießtraining mit scharfen Waffen

Der Name Alexander S. ist dabei auffällig: Kurz nach dem Mord an Lübcke löschten Ernst und Markus H. Chatverläufe aus der App Threema, einem verschlüsselten Messengerdienst. Alexander S. hatte mit beiden Angeklagten Kontakt. Er soll ihr einziger gemeinsamer Chatpartner in der App gewesen sein. Markus H. versuchte schon lange, sich möglichst konspirativ zu verhalten, keine technischen Spuren zu hinterlassen. Er soll auch Ernst geraten haben, die App für die Kommunikation mit Alexander S. zu installieren. Durch die Löschung ist nur erkennbar, dass gechattet wurde - aber nicht mehr worüber.

Aber der 30-Jährige kommunizierte nicht nur mit Ernst und Markus H. - er übte nach hr-Informationen auch mit Markus H. das Schießen mit scharfen Waffen. Mitte November 2015 trafen sie sich dafür beim Schützenverein Sandershausen. Knapp vier Wochen vorher waren Ernst und Markus H. bei der Bürgerversammlung in Lohfelden (Kassel) gewesen und hatten gegen Walter Lübcke gepöbelt. Markus H. verbreitete davon ein Video im Netz, das tausendfach geklickt wurde. Seitdem soll zumindest Ernst mit dem Gedanken gespielt haben, Lübcke etwas anzutun.

AfD-Demo in Erfurt

Auch Ernst war in Sandershausen aktiv. Mehr als ein Jahr nach seiner Festnahme steht noch immer sein Name als Ansprechpartner für Bogenschützen auf einem Blatt im Schaukasten des Vereins, notdürftig mit Kuli durchgestrichen.

Sandershausen Schützenverein

Beim Bogenschießen blieb es nicht. Auch Ernst trainierte laut Bundesanwaltschaft mit Markus H. in Sandershausen bis mindestens 2017 mit scharfen Waffen. Später sollen Ernst und Markus H. im Wald und im Schützenverein Grebenstein geschossen haben, bis sieben Monate vor dem Mord an Lübcke.

Ernst erklärte gegenüber Ermittlern, dass Alexander S. vor allem ein Bekannter von Markus H. gewesen sein. Er habe aber auch selbst mit ihm gechattet - worüber, wisse er nicht mehr. Einmal sei das Trio gemeinsam nach Erfurt auf eine Demonstration der AfD gefahren.

Alexander S.: NPD-Aktivist und Gewalttäter

Der Mann, mit dem die beiden Angeklagten im Lübcke-Prozess diesen Kontakt pflegten, blickt wie sie auf eine lange Vergangenheit in der rechtsextremen Szene in Hessen zurück. Alexander S. war viele Jahre NPD-Aktivist, zuletzt wandte er sich eher der AfD zu. Vor einem Jahrzehnt hatte er zu den führenden Aktivisten der gewalttätigen Freien Kräfte Schwalm-Eder (FKSE) gehört.

Mitglieder dieser rechtsextremen Kameradschaft überfielen 2008 ein Zeltlager der Linksjugend Solid am Neuenhainer See. Auf eine 13-Jährige und ihren 23-jährigen Bruder, die im Zelt schliefen, wurde dabei mit einer Glasflasche und einem Klappspaten eingeprügelt. Kurz vorher hatten FKSEler linke Besucher eines Jugendclubs angegriffen und verletzt, dafür wurde auch der damals 18-jährige Alexander S. verurteilt. Wie Ernst und Markus H. startete er seine rechtsextremen Aktivitäten also schon in jungen Jahren.

Gegen die FKSE liefen in dieser Zeit allein 60 Ermittlungsverfahren innerhalb eines Jahres. Auf dem Computer von Alexander S. fanden die Ermittler damals neben Nazipropaganda auch Bombenbauanleitungen sowie Fotos, die auf ein gezieltes Ausspähen des linken Zeltlagers vor dem Überfall hindeuteten. Gegen ihn und andere Mitglieder der Kameradschaft wurde wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt. Das Verfahren wurde eingestellt, weil keine festen Strukturen erkennbar seien. Beispielsweise, erklärt die Staatsanwaltschaft Frankfurt die Einstellung, seien keine Mitgliedsbeiträge gezahlt worden.

U-Ausschuss nimmt Alexander S. ins Visier

Worüber Markus H. und Ernst in ihrer verschlüsselten Kommunikation sprachen, was beim Telefonat nur Stunden vor Lübckes Tod Thema war, können nur die Beschuldigten selbst beantworten. Für Mittwoch ist geplant, dass Ernst sich im Prozess äußern wird. Markus H. hat sich bisher nicht geäußert - und wird es womöglich auch nie tun.

Die Frage möglicher Mitwisser will auch der Untersuchungsausschuss im Landtag klären. Die Linke hat dabei Alexander S. im Visier. Zu ihm und 24 weiteren Rechtsextremen aus der Region wurde bereits ein Beweisantrag gestellt. Das soll Aufklärung über die Szene bringen, in der die Angeklagten über Jahre unterwegs waren - und ein mögliches Netzwerk.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 05.08.2020, 16.45 Uhr