Beschädigtes Auto auf Supermarktparkplatz

Gas und Bremse verwechselt: Der tödliche Unfall von Eschborn, bei dem ein 88 Jahre alter Autofahrer eine junge Frau beim Wenden erfasste, wirft Fragen nach der Fahrtüchtigkeit von Senioren auf. Die Polizei hat einschlägige Erfahrungen.

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hs
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Ein 88 Jahre alter Autofahrer erfasst beim Wenden in Eschborn (Main-Taunus) eine Frau. Die 30 Jahre alte Frankfurterin, die am Sonntag als Streckenposten beim Eschborner Halbmarathon im Einsatz war, stirbt. Noch ist der Hergang nicht abschließend geklärt, doch die Polizei vermutet: Der Autofahrer hat beim Rangieren Gas und Bremse verwechselt.

Der Unfall ist der tragische Höhepunkt einer ganzen Reihe ähnlicher Vorfälle mit betagten Verkehrsteilnehmern am Steuer in jüngster Zeit:

ADAC setzt auf Eigenverantwortung

Es sind nur einige der Unfälle mit älteren Autofahrern in den vergangenen Monaten in Hessen. Erst am Samstag fuhr in Lorsch (Bergstraße) auf einem Supermarktparkplatz ein 84-Jähriger in ein geparktes Auto und dann in einen Unterstand für Einkaufswagen. Der Mann wurde leicht verletzt, wie eine Polizeisprecherin sagt. Weitere Menschen befanden sich zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise nicht in der Nähe. Der Mann soll am Gaspedal hängen geblieben sein.

Für den Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) sind "ältere Kraftfahrer besser als ihr Ruf". Die "heutige Generation der älteren Autofahrer" verfüge über eine nahezu lebenslange Fahrerfahrung und zeichne sich durch einen "verantwortungsvollen Umgang mit dem Fahrzeug und einen meist besonnenen Fahrstil" aus. Trotz Rufen nach verpflichtenden Tests ab einer bestimmten Altersgrenze spricht sich der ADAC dagegen aus und appelliert an die Eigenverantwortung. Der Club bietet einen freiwilligen, kostenpflichtigen Fahr-Fitness-Check an.

Führerscheinstelle kann Tauglichkeit überprüfen

Auch der Polizei sind die Hände gebunden. "Im Vorfeld kontrollieren geht schwer. Dass der Fahrer oder die Fahrerin nicht mehr sicher unterwegs ist, stellt sich erst raus, wenn es einen Unfall gab", sagt Rudi Neu, Sprecher im Polizeipräsidium Südosthessen in Offenbach. Die Polizei könne selbst keine Konzequenzen ziehen, sondern lediglich der Führerscheinstelle einen Hinweis geben, dass "der Fahrer tattrig ist", es gesundheitliche Probleme oder Zweifel an der Eignung gibt. Die Fahrerlaubnisbehörde könne dann in eigener Zuständigkeit die Tauglichkeit durch einen Arzt überprüfen lassen.

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„Ältere Leute fahren gerne mal mit Vollgas in eine Schaufensterscheibe.“ Rudi Neu, Sprecher im Polizeipräsidium Südosthessen Rudi Neu, Sprecher im Polizeipräsidium Südosthessen
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Unfälle mit älteren Fahrern haben laut Neu nicht zugenommen, kommen aber regelmäßig vor. "Ältere Leute fahren gerne mal mit Vollgas in eine Schaufensterscheibe." Oft seien sie mit Automatik-Wagen unterwegs "und treten voll drauf". Das falsche Pedal - Gas und Bremse verwechseln - gebe es als Unfallursache häufiger.

Senior als Falschfahrer auf der Autobahn

Den tödlichen Unfall in Eschborn nannte Neu bitter. Die meisten Unfälle mit älteren Fahrern endeten allerdings glimpflich, zumindest in seinem Beritt, erklärt der Polizeisprecher. Ein Fall, der gravierend hätte enden können, sei ihm besonders im Gedächtnis geblieben: Ein Senior war als Falschfahrer auf der Autobahn unterwegs, wie Neu berichtet. Seine Frau habe zuvor auf einem Parkplatz mal austreten müssen. "Danach hat der Mann das Auto gewendet und ist in die falsche Richtung wieder aufgefahren." Er sei auf der linken Spur, die er für die rechte hielt, mit 100 Stundenkilometern gefahren.

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Tödlicher Unfall bei Eschborner Eschathlon
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Ein Sportwagenfahrer habe den Falschfahrer der Polizei gemeldet. "Das war ein wildes Gequietsche und Gebremse", erinnert sich Neu. Verletzt wurde glücklicherweise niemand. Der Staatsanwalt habe schließlich entschieden, dem Mann den Führerschein entziehen zu lassen. Polizeisprecher Neu bat das zuständige Sozialamt, sich um das Rentnerpaar zu kümmern und ihnen bei Besorgungen zu helfen. "Besonders auf dem Land hängen die Leute am Autofahren", sagt er. "Es ist für sie so etwas wie die letzte Art der Mobilität."

Bei Führerscheinabgabe drei Jahre RMV-Ticket

Der Odenwaldkreis will dem entgegenwirken. Seit Januar 2020 können Menschen, die älter als 65 Jahre sind und freiwillig auf ihren Führerschein verzichten, drei Jahre lang kostenlos ein RMV-Seniorenticket erhalten. Sie können damit den Angaben zufolge ohne die tarifbedingten zeitlichen Einschränkungen fahren und auch zur Wunschzeit bereitgestellte subventionierte Taxifahrten (taxOMobile) nutzen. "Wir möchten den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit geben, auf ihren Führerschein bewusst verzichten und trotzdem weiterhin mobil bleiben zu können", sagte Landrat Frank Matiaske (SPD).

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110 Kommentare

  • Es gibt eine umfangreiche Zusammenstellung von internationalen Daten zum Einfluss des Alters auf die Fahrtauglichkeit und zum Effekt von Tauglichkeitstests: Fahreignung älterer Kraftfahrer im internationalen Vergleich von
    Wolfgang Fastenmeier und Herbert Gstalter, erschienen 05/2014, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V., Forschungsbericht Nr. 25.
    Eine der Schlussfolgerungen lautet: Eine altersbezogene generalpräventive Kontrolle der Fahrkompetenz ist unnötig und funktioniert nicht.
    Das Lebensalter eines Autofahrers allein rechtfertigt keine Zweifel an dessen Fahrkompetenz. Eine auf dieses Datum bezogene Eignungsprüfung wird die Verkehrssicherheit nicht verbessern, unabhängig von der Art der eingesetzten Prüfmethoden. Dies ist das einhellige Ergebnis aller Experten, die die weltweiten Erfahrungen (Evaluationsstudien) gesammelt und ausgewertet haben.
    Bei der Diskussion sollten auch diese vorliegenden wissenschaftlichen Daten berücksichtigt werden.

  • Natürlich ist das Geschehene schrecklich. Aber wie viele Unfälle mit Todesfolge werden von jungen Autofahrern verursacht, die aber nie die mediale Aufmerksamkeit bekommen, als wenn es "wieder mal ein Alter" war. Dann bricht jedes mal die Empörungswelle los und die altbekannte Diskussion beginnt von neuem.

    Auch wenn ich noch lange nicht Betroffener bin: Eine generelle Altersgrenze oder eine sich rein am Alter orientierende Nachprüfung lehne ich grundsätzlich ab, das ist schlicht Altersdiskriminierung.

    Kostenlose ÖPNV-Tickets bei freiwilligem Verzicht finde ich ok, wenn dann aber auf Lebenszeit und nicht nur als "Trostpflaster" für drei Jahre, das ist schäbig. Noch besser wäre ein generell kostenloser, flächendeckender und vor allem zuverlässiger (Ja, Ihr seid gemeint, lieber RMV.) ÖPNV, dann würden sich bestimmt auch sehr viele Menschen aller Altersklassen finden, die freiwillig aufs Autofahren verzichten.

  • Gerade heute war in der Hessenschau folgendes zu finden:

    "Mit 202 anstelle der nachts dort erlaubten 80 Stundenkilometer ist ein Autofahrer auf der A661 bei Langen (Offenbach) erwischt worden.
    Den 27-Jährigen erwarten nach Polizeiangaben vom Montag drei Monate Fahrverbot sowie zwei Punkte im Verkehrsregister."

    Fazit: das Fehlverhalten der einen Gruppe wiegt das der anderen nicht auf.
    Einzig sinnvoll erscheint mir, wenn wir als Verwandte, Freunde und Nachbarn auf einander acht geben und uns gegenseitig helfen, z.B. beim Einkaufen oder notwendigen Fahrten zu Arzt oder Behörden.
    Mit Zwang wird das Problem noch gut gelöst, zumal es ja bereits heute an Personen mangelt, um die Einhaltung der vielen Regel auch zu überprüfen.

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