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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Heizungsmessung ist Pflicht - ohne Ausnahme

Evelyn Hinzpeter im Keller ihres Hauses - sie stützt sich mit den Ellenbogen auf ihre Heizungsanlage.

Möglichst keine Kontakte, das Haus nicht verlassen - Evelyn Hinzpeter ist Risikopatientin und nimmt die Corona-Gefahr ernst. Darum verweigert die 70-Jährige den obligatorischen Heizungs-Check. Die Behörde will den Schornsteinfeger-Besuch durchsetzen.

Es sind gefährliche Zeiten für Evelyn Hinzpeter. Die 70-jährige Allergikerin aus Mühlheim-Lämmerspiel (Offenbach) muss eine Corona-Infektion mehr fürchten als die meisten Menschen. Eine Impfung kommt für sie nicht infrage. Vor drei Jahren haben Medikamente bei ihr einen anaphylaktischen Schock ausgelöst - eine lebensgefährliche Überreaktion des Immunsystems.

Hinzpeter hält sich an Merkel-Rat

Sie und ihr Mann leben also in ihrem Haus seit einem Jahr in selbstgewählter Isolation. Das Problem: Der Schornsteinfeger will dort die Öl-Heizung prüfen. "Im letzten November stand er plötzlich vor der Tür", berichtet Hinzpeter. "Da waren wieder die Zahlen hoch und ich hatte natürlich Angst. Weil die Frau Merkel ja auch immer gewarnt und gesagt hat: keine fremden Personen im Haus. Und der Schornsteinfeger ist ja nun einer, der geht in sehr viele Haushalte."

Vor einem Jahr, als sich das Coronavirus rasant ausbreitete, hatten Hinzpeters gebeten, den Check der Heizungsanlage aufzuschieben. Als der Schornsteinfeger im Herbst doch vor der Tür stand, ließen sie ihn nicht rein. Die Szene wiederholte sich im Januar. Nun gibt es Ärger mit der zuständigen Behörde beim Kreis Offenbach.

Prüfung auch in Pandemiezeiten Pflicht

Der Prüftermin sei Pflicht, auch in der Pandemie, sagt Kreissprecherin Ursula Luh: "Einmal im Jahr muss die Heizanlage gemessen werden." Und das sei im Fall der Familie Hinzpeter immer im ersten Quartal fällig. "Und da die Messung aus dem Frühjahr 2020 noch aussteht, ist es jetzt dringend geboten, die entsprechende Messung durchzuführen."

Wird das bis zum 31. März nicht möglich gemacht, kann die Behörde sogar die Haustür aufbrechen lassen. Evelyn Hinzpeter macht das fassungslos: "Ich habe gedacht, das kommt in Deutschland nicht vor. Außer vielleicht bei einem Verdacht auf eine terroristische Tat, wenn ich dann Sprengstoff im Haus hätte oder so."

Auch dem Schornsteinfeger geht es um die Gesundheit

An der jährlichen Prüfung von Heizungsanlagen führe leider kein Weg vorbei, erklärt Markus Burger, Landesinnungsmeister der hessischen Schornsteinfeger. Der Schutz von Menschen stehe auch da im Mittelpunkt: "Es geht um die Betriebs- und Brandsicherheit und um die Gefahrenabwehr." Er verweist auf das gefährliche Kohlenmonoxid. "Das ist ein Atemgift - nicht zu riechen, nicht zu sehen, nicht zu schmecken. Es ist also eine absolut notwendige Tätigkeit, die hier auszuführen ist."

Burger betont, dass die Kollegen sehr gut vorbereitet seien. "Sie halten sich an die RKI-Richtlinien und tragen Masken." Die Autos seien außerdem mit Desinfektionsmitteln ausgestattet, die entsprechend verwenden würden. Nachlässig seien eher mal die Kunden, so die Erfahrung des Schornsteinfegers aus dem südhessischen Groß-Zimmern.

Pragmatische Lösung in Sicht

Evelyn Hinzpeter kann sich keine Nachlässigkeit leisten. Einkäufe bringt ihr Sohn vorbei, obwohl er weit weg wohnt. Um seine Eltern zu schützen, arbeitet er im Homeoffice und hat alle Kontakte runtergefahren.

Auch die Kreisverwaltung in Dietzenbach weiß um die besondere Situation von Frau Hinzpeter. Sprecherin Ursula Luh skizziert einen möglichen Ausweg: "Die persönliche Anwesenheit beim Besuch des Schornsteinfegers ist ja gar nicht vonnöten. Es kann auch eine bevollmächtigte Person, ein Angehöriger oder ein guter Freund der Familie sein."

So könnte es klappen. Vorausgesetzt der Heizungs-Prüfer trägt FFP2-Maske und achtet auch sonst genau auf alles, was für den Infektionsschutz nötig ist. Sie habe ja nichts gegen den Schornsteinfeger, betont Evelyn Hinzpeter. "Es ist nur so. Wenn ich infiziert werde, werde ich wahrscheinlich sterben."

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 15.03.2021, 18 Uhr