Wolf

Wölfe sind zurück in Hessen. Die einen freut das, andere sind verunsichert. Woher kommt unsere Angst vor dem Wolf? Und warum betrifft sie vor allem Ältere?

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zum Video Tag des Wolfes

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Für den 30. April hat der Naturschutzbund (NABU) in Deutschland den Tag des Wolfes ausgerufen. Ein Grund zum Feiern? Schwierig, denn der Canis Lupus hat ein echtes Imageproblem. Anders als Luchs, Feldhamster & Co. ist der Wolf nämlich äußerst umstritten und ruft beim Menschen Verunsicherung und Ängste hervor.

Erst kürzlich sorgte ein Video aus Niedersachsen für Aufregung im Netz. Aufgenommen wurde es von einer Joggerin, die mit ihrem Hund von einem Wolf überrascht wird. "Geh weg, geh weg", schreit sie immer wieder. Anfangs noch ruhig, später kann man die Panik in ihrer Stimme hören. Auch ihr Hund ist sichtlich erregt, bellt immer wieder und lässt sich kaum beruhigen. Der Wolf wirkt neugierig und interessiert, verfolgt sie und den Hund und dreht erst nach ein paar Minuten ab.

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Merkblatt "Wolf"

Das Hessische Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hat ein Merkblatt herausgegeben, wie man sich bei Wolfsbegegnungen am Besten verhalten sollte.

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Wie viele solcher Begegnungen mit Menschen gibt es eigentlich in Hessen? Pro Jahr würden zwischen 100 und 300 Sichtbeobachtungen von Wölfen gemeldet, sagt Susanne Jokisch, Wolfsbeauftragte des Landes. Die meisten dieser Meldungen beruhten auf Verwechslungen mit Hunden oder Füchsen oder seien nicht überprüfbar.

Wolf wird sesshaft

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zum hr-fernsehen.de Video Wolf verfolgt Joggerin beim Gassi gehen

maintower vom 19.04.2021
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Dennoch: Ein Rüde und vier Wölfinnen gelten derzeit in Hessen als territorial, auf ein festes Gebiet begrenzt. Im Februar waren erstmals zwei Wölfe in einem Wald bei Ludwigsau (Hersfeld-Rotenburg) gesichtet worden, Experten rechnen mittlerweile fest mit der Gründung eines Rudels in Hessen.

Was Biologinnen und Naturschützer begeistert, macht Schäfern zunehmend Sorge. Immer wieder kommt es zu blutigen Begegnungen zwischen Wölfen und unterlegenen anderen Tieren. Im Jahr 2020 seien sieben bestätigte Vorfälle mit Nutztierrassen registriert worden, so Laura Hollerbach vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. 2021 sei bisher ein Fall dazugekommen.

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Hessen legt Wolfsmanagementplan vor

Hessen will mit einem Wolfsmanagementplan und einem neu gegründeten Wolfszentrum die Konflikte rund um das Raubtier künftig möglichst vermeiden. "Wir sind überzeugt, dass ein konfliktarmes Zusammenleben von Mensch und Wolf gelingen kann und schaffen mit dem neuen Wolfsmanagementplan die Rahmenbedingungen dafür", erklärte Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) am Freitag in Wiesbaden. Ziel sei, mit größtmöglicher Aufklärung und Unterstützung der Weidetierhaltung "die Rückkehr des Wolfes transparent und tragbar für alle zu gestalten". Im Mittelpunkt des hessischen Wolfsmanagements steht nach den Worten der Ministerin ein Wolfszentrum, das im Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) angesiedelt ist.

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Das Land Hessen unterstützt Weidetierhalter zwar durch finanzielle Entschädigungen bei Wolfsschäden und bei den Kosten für den Bau von Elektrozäunen zum Herdenschutz. Diese seien aber zu niedrig oder nicht praktikabel, kritisieren Schäfer wie Anton Göbel aus Spangenberg (Schwalm-Eder). Andere, wie Stadtschäfer Ralf Meisezahl aus Gießen, setzen auf Herdenschutzhunde.

Der Wolf - vom Konkurrenten zum Angstgegner

Der Wolf - eine Gefahr für Weidetiere, aber auch für den Menschen? Mieke Roscher ist Historikerin und leitet das Lehrgebiet für Sozial- und Kulturgeschichte an der Universität Kassel. Sie forscht zum Verhältnis von Mensch und Tier und sagt: "Die Angst vor dem Wolf hat eine lange kulturhistorische Bedeutung."

Prof. Dr. Mieke Roscher

Sie sei ein Beispiel für kulturelle Überformung, also eine Abwandlung von Verhaltensweisen aufgrund gesellschaftlicher Anpassung. “Wir haben keine Angst vor dem Wolf, weil er uns gefährlich wird, sondern weil er unser Fress- und Jagdkonkurrent ist", erklärt sie.

Der Ursprung dieser Angst liege im frühen Mittelalter. Man habe begonnen, Wälder zu roden und die Flächen für Landwirtschaft und Siedlungsbau zu nutzen. Dadurch sei der Wolf verdrängt worden, habe Nutztiere gerissen, Jagdbeute streitbar gemacht und sei so zum unmittelbaren Konkurrenten geworden, so Roscher. Seitdem könne man eine systematische Verfolgung des Wolfes und die Entstehung der Mär vom bösen Wolf beobachten.

Die Geschichte vom bösen und hinterlistigen Wolf habe sich dann von Generation zu Generation weiterverbreitet. Das Bild, das darin gezeichnet wurde, lebe demnach in erster Linie in unseren Köpfen, finde sich aber in der Natur kaum wieder.

Das Feindbild Wolf wird seit dem Mittelalter gepflegt

Unterliegen wir demnach noch heute Ängsten aus dem Mittelalter? Teils, teils, jedenfalls lassen die Ergebnisse einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD) diesen Schluss zu. Die Deutsche Wildtier Stiftung hatte die Studie Ende 2020 in Auftrag gegeben. Die Fragestellung lautete kurz zusammengefasst: Löst die Rückkehr des Wolfes Freude oder Beunruhigung aus? Das Ergebnis: Vor allem junge Menschen unter 45 haben keine Angst vorm bösen Wolf.

Michael Miersch, einer der Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung, überrascht das nicht. Bereits Mitte der 1950er Jahre habe ein anderer Blick auf die Natur begonnen: von der bedrohlichen zur bedrohten Natur. Der Wolf sei früher bewusst ausgerottet worden, "heute wäre das auf diese Weise nicht mehr möglich", so Miersch. Jüngere Generationen hätten die Natur als ein empfindliches und schützenswertes Gut kennengelernt.

Eine in dieser Woche vom NABU veröffentlichte Forsa-Umfrage unter 2.360 Menschen - davon 200 aus Hessen - lässt einen ähnlichen Schluss zu. Man habe ermitteln wollen, ob sich die Einstellung in der Bevölkerung mit zunehmender Ausbreitung des Wolfes verändere. Das Ergebnis lautet auch hier: Die Mehrzahl der Menschen in Hessen steht dem Wolf positiv gegenüber und empfindet die Rückkehr des Raubtiers als Bereicherung.

Hohe Toleranz für den Wolf - in der Stadt und auf dem Land

Die hohe Toleranz für den Wolf lasse sich laut Miersch dadurch erklären, dass der angerichtete Schaden für 99 Prozent der Bevölkerung nicht mehr relevant sei. "Würde der Wolf Autos fressen, sähe das anders aus", sagt Miersch.

Auffällig sei, dass es bei der Studie geringe Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung gebe. Man erkläre sich das damit, dass nur noch 1,3 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig sei und so nur wenige Menschen von der Rückkehr der Wölfe unmittelbar betroffen seien.

Aufklärung an Schulen

Das bestätigt auch die NABU-Umfrage. Selbst in Regionen mit Wölfen sei die Ablehnung nur marginal größer als in Regionen ohne Wolf. Vielmehr sei sich die Mehrheit der Befragten - egal ob aus der Stadt oder vom Land - einig, dass der Wolf in unsere Landschaft gehöre.

Die Freude über die Rückkehr des Wolfes, vor allem bei Menschen unter 45, wundert Historikerin Roscher nicht. Es habe eine absolute Diskursverschiebung hin zum ökologischen Gleichgewicht und der Artenerhaltung stattgefunden.

Dies werde bereits in Schulen vermittelt, aber auch durch Organisationen wie den NABU oder Fridays for Future weiter gestützt. Je mehr Informationen der Mensch über den Wolf habe, desto besser könne er potenzielle Gefahren einschätzen, sagt die Historikerin.

Wie die Rhetorik der Bilder unsere Wahrnehmung vom Wolf beeinflusst

Bilder wie das Video aus Niedersachsen, aber auch Fotos von gerissenen Weidetieren beeinflussen dennoch unseren Blick auf den Wolf. Woher kommt das? Das Erfahrungswissen sei bei den meisten Menschen auf Haustiere, Vögel und andere kleine Wildtiere reduziert, so Roscher.

Bei allen anderen Tieren fuße unser Wissen auf Erzählungen, die immer mit einer bestimmten Rhetorik untermalt seien - beispielsweise verwackelte Bilder, die Erstaunen oder Furcht ausdrücken. Neutral seien diese Bilder nie. Auch das Video aus Niedersachsen vermittele die Position der Joggerin, die diese Bilder aufgenommen hat.

Hätten die Menschen im 13. Jahrhundert, bei der Entstehung von Wolfhagen (Kassel), ein Smartphone besessen, dann könnte unser jahrzehntelang geprägtes Bild vom Wolf heute vielleicht ein anderes sein. Denn der Sage nach sprang bei den Rodungen für die Gründung der Stadt ein Wolf aus dem Wald - ohne einem Menschen etwas zuleide zu tun. Und hat sich so im Stadtnamen für immer verewigt.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 30.04.2021, 19.30 Uhr