Notfallbox an Kopfstütze, Rettungskräfte bei Autounfall

Bei einem Unfall muss es schnell gehen. Aber oft fehlen entscheidende Infos über den Patienten - welche Medikamente nimmt er, oder hat er einen Herzschrittmacher? Drei Männer aus Gießen haben für solche Notfälle eine simple Lösung entwickelt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Die Notfallbox soll Leben retten

In einem Auto sitzen ...
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Mit dem Knall im Straßenverkehr beginnt die Uhr zu ticken: Es läuft die sogenannte "Golden Hour", die Stunde nach dem Unfall, die für die Rettungskräfte und für die Patienten meist entscheidend ist. Rettungskräfte kommen zum Unfallort, finden Verletzte in ihren Autos und beginnen mit ihren Bergungsarbeiten.

In diesen Minuten stellen sich wichtige Fragen: Wer sind die Verletzten überhaupt? Haben sie Vorerkrankungen, nehmen sie Medikamente, und wie erreicht man die Angehörigen? Martin Heinrich, der am Uniklinikum Gießen Schockraum und Notaufnahme leitet, sagt: "Jede Information, die man zu dem Zeitpunkt schon hat und nicht erfragen muss oder vielleicht nur abschätzen kann, verkürzt die Behandlungsspanne."

Aus dem Kühlschrank ins Auto

Die Antworten auf diese Fragen stecken in einem Plastikkästchen, handtellergroß, das Hans-Peter Fischer, Peter Wiemann und Horst-Peter Lüllau aus dem Kreis Gießen entwickelt haben: die Kfz-Notfallbox. Sie wird an der Kopfstütze des Fahrersitzes befestigt, darin befindet sich ein Fragebogen, der alle relevanten Infos des mutmaßlich Verletzten abfragt, und außerdem noch ein Passbild zur Identifikation - nur die essenziellsten Angaben für Lebensretter.

Inspiriert wurden die Macher von Notfalldosen mit Patienteninfos. Gleiches Prinzip, nur dass sie im eigenen Kühlschrank aufbewahrt werden. Fischer hat sie vor wenigen Jahren in England für sich entdeckt und nach Mittelhessen gebracht, "und dann hab ich gesagt - Mensch, das bräuchte man doch auch im Auto".

"Wichtiger als die Karte von der Krankenkasse"

Viele Menschen haben die wichtigsten Notfallinfos auch auf dem Sperrbildschirm ihres Handy hinterlegt - aber längst nicht alle, sagt Fischer. Und außerdem fliege ein Handy beim Unfall gerne mal durchs Auto und sei nicht mehr auffindbar. "Der eine legt es ins Handschuhfach, der andere in die Mittelkonsole." Die Box dagegen, das haben die Männer nach eigener Aussage getestet, bleibt auch beim Unfall an der Kopfstütze hängen. Und ein Aufkleber an der Windschutzscheibe weist die Rettungskräfte darauf hin.

Martin Heinrich von der Gießener Uniklinik ist jedenfalls komplett überzeugt: "Ich persönlich halte es für wichtiger, die Box im Auto dabei zu haben als die Krankenkassenkarte im Geldbeutel." Schließlich werde man im Notfall auch ohne Karte behandelt, "aber mit diesem Notfallausweis ist das Rettungsteam die entscheidenden Minuten vorher informiert".

Fahrschulen und Autohäuser verteilen die Boxen

In der Frühphase der Entwicklung haben die Mittelhessen nicht nur im Gießener Uniklinikum um Rat gefragt, auch Notärzte von der ADAC Luftrettung und Sanitäter der Johanniter Rettungswache haben Fischer, Lüllau und Wiemann konsultiert. Das Feedback sei durchweg positiv gewesen, sagen sie.

5.000 solcher Boxen haben die "zweieinhalb Rentner", wie sie sich nennen, im vergangenen Herbst produzieren lassen. 1.500 finden sich schon in mittelhessischen Autos, wie sie stolz berichten. Der Landesverband der hessischen Fahrlehrer hat seine Mitglieder per Rundschreiben darauf hingewiesen - "da kann man nichts mit falsch machen", sagt der Vorsitzende Frank Dreier. Nun verteilen Fahrschulen die Kästchen an erfolgreiche Absolventen, Autohäuser geben sie beim Autokauf dazu, und auch KFZ-Versicherungen verschenken sie.

Rettungskräfte aus den Kreisen Lahn-Dill und Gießen hätten ebenfalls angekündigt, dass sie das Projekt aktiv unterstützen wollen, sagt Fischer. Und auch die Gießener Landrätin Anita Schneider (SPD) zeigte sich nach einem Gespräch mit den Machern der Notfallbox angetan von deren Anstrengungen "für mehr Sicherheit und eine erleichterte Arbeit für Einsatzkräfte".

Wer möchte, kann die kleinen Lebensretter auch einfach online für wenig Geld bestellen - was übrig bleibt, spenden Fischer, Wiemann und Lüllau an einen sozialen Zweck.

Sendung: hr4, 25.02.2020, 16.45 Uhr