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zum Video Klon-Krebse für die Krebsforschung

Marmorkrebse vermehren sich fleißig im nordhessischen Singliser See. Der Mechanismus ihrer Fortpflanzung ähnelt denen von Tumorzellen beim Menschen. Das interessiert Forscher vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Der Marmorkrebs im Singliser See hat eine Besonderheit, die bei der Erforschung von Krebstumoren helfen kann: Er pflanzt sich durch die "Jungfernzeugung" fort. Das heißt, das Tierchen kann sich ohne Zutun eines Männchens selbst klonen und so massenhaft ausbreiten.

Die ausschließlich weiblichen Nachkommen des Marmorkrebses sind genetisch identisch, haben Forscher des Deutschen Krebszentrums in Heidelberg (DKFZ) herausgefunden.

Parallelen zwischen Marmorkrebs und Tumoren

Der Marmorkrebs ist nur in fünf Seen in Deutschland nachgewiesen worden, darunter der Singliser See bei Borken im Schwalm-Eder-Kreis. Für die Tumorforschung ist der Marmorkrebs "hochinteressant", schreiben die Wissenschaftler. Alle Marmorkrebse werden mit den gleichen Genen geboren, vermehren sich durchs Klonen und können sich unterschiedlichen Lebensräumen anpassen - Eigenschaften, die auch einen Tumor auszeichnen können.

Tumore können durch das Anpassen an die Umgebung Resistenzen gegen bestimmte Krebsmedikamente entwickeln. Die Forscher erhoffen sich mit der Erforschung des Tieres mehr Wissen über Vorgänge in Tumoren und am Ende neue Ansätze bei der Behandlung.

Überleben im sauren Wasser

"Ähnlich wie ein Tumor, der auf eine einzelne Zelle zurückgeht, die sich dann immer weiter vermehrt, geht die Marmorkrebspopulation auf ein einziges Tier zurück", sagt der Molekularbiologen Frank Lyko vom Heidelberger DKFZ. Und so wie sich ein Tumor an die sich ständig ändernde Umgebung anpasst, kann der Marmorkrebs das auch.

Für die Forscher sind die Marmorkrebse in Nordhessen wichtig, weil sie sich an das relativ saure und nährstoffarme Wasser des Singliser Sees anpassen konnten. Normalerweise bedeutet eine Vielfalt von Lebensräumen das Entstehen von unterschiedlichen genetisch angepassten Spezien. Das DKFZ konnte aber zeigen, dass das bei Marmorkrebsen nicht der Fall ist. Tiere aus Afrika und aus deutschen Seen haben ein identisches Genom.

Man habe vor einigen Wochen Tiere aus dem Singliser See für Untersuchungen gefangen. Zwar seien in Deutschland nur fünf Seen mit Marmorkrebsen bekannt, die Dunkelziffer könne aber höher liegen, weil die Tiere nachtaktiv sind, sagt Lyko.

Angelockt mit Katzenfutter

Stefan Pruschwitz vom Borkener Seenland geht davon aus, dass die Tiere möglicherweise im See ausgesetzt wurden und sich dann vermehrten. Ein Angler könnte einen Marmokrebs als Köder benutzt haben. Bisher sorgte die Existenz der Marmorkrebse in Nordhessen für wenig Interesse: "Wir haben uns nie über die Marmorkrebse gewundert, erst durch die Forscher sind wir auf diesen Umstand gestoßen worden", sagt Pruschwitz. Der Singliser See ist ein alter Bergbausee, durch das saure Wasser gebe es kaum Fische, die dem Marmorkrebs gefährlich werden könnten.

Der Krebs ist nicht nur nachtaktiv und mag warmes Wasser, er frisst auch gerne Katzenfutter: Damit hätten die Forscher die Krebse in die Netze locken können, sagt Pruschwitz. In Heidelberg werden die bis zu 15 Zentimeter großen Tiere nun untersucht - und könnten am Ende Aufschluss über das Wachsen von Tumoren liefern.