Geier fliegt los
Keine Markierung, ein gesundes Federkleid und eine prächtige Spannweite: Der Mönchsgeier präsentiert sich den Ornithologen in Gedern. Bild © T. Sacher

Das hat es in Hessen noch nicht gegeben: Vogelkundler haben in Gedern in der Wetterau einen Mönchsgeier gesichtet. Was zog das Tier mit seiner stattlichen Flügelspannweite aus dem Süden Europas hierher? Die Experten haben eine Vermutung.

Ein schlechtes Omen für das 7.000-Einwohner Städtchen Gedern wird es wohl nicht sein. Eine ornithologische Sensation ist es in jedem Fall. Über der Wetterau-Gemeinde ist ein Mönchsgeier gesichtet worden.

"Wir hatten in den vergangenen Jahren immer mal Gänsegeier da", sagt Vogelkundler Stefan Stübing am Freitag im Gespräch mit hessenschau.de. Der Mönchsgeier mit seiner charakteristischen Federboa hingegen sei hierzulande noch nie gesichtet worden. Bis Anfang der Woche. Da war der Biologe von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGUN) gerade mit seinem Auto auf der Bundesstraße bei Gedern unterwegs, als er den "riesigen schwarzen Vogel mit schwarzem Kopf" erblickte. Zuerst hatte darüber osthessen-news berichtet.

Jung, frei, erkundungsfreudig

Der Mönchs- oder Kuttengeier ist mit einer Flügelspannweite von bis zu drei Metern und rund zehn Kilo Gewicht der zweitgrößte seiner Art in Europa. Lediglich der Bartgeier bringt im Schnitt ein paar Gramm mehr auf die Waage. Verbreitet sind beide üblicherweise in deutlich südlicheren Gefilden. In Europa lebt der Mönchsgeier fast ausschließlich auf der iberischen Halbinsel und auf dem Balkan. Und künftig auch in Gedern?

Stübing rief weitere Ornithologen herbei, die sich ebenfalls einig waren: Hier handelt es sich um einen Mönchsgeier, und nach Beschaffenheit seines Federkleids um einen ziemlich jungen und fitten. Und noch etwas konnten die Experten feststellen: Weder ein Ring in den Füßen noch eine Markierung in den Federn deutet darauf hin, dass es sich um einen Geier aus Tierhaltung handelt.

Geier sitzt auf Wiese bei Gedern
Majestätischer Anblick eines Aasfressers: Der Geier rastet auf einer Wiese. Bild © C. Kleinert

Energiesparflug dank warmer Winde

Die Vogelkundler gehen davon aus, dass der Vogel entweder aus Spanien oder aus dem Süden Frankreichs kommt. Dort werden Mönchsgeier seit einigen Jahren angesiedelt, nachdem sie dort bereits ausgerottet waren. "Im jungen Alter nutzen die Vögel die Zeit oftmals, um großräumig umherzufliegen und Erfahrungen zu sammeln", sagt Stübing. Explorationsflüge nennt man so etwas. Und dieses Exemplar wollte offenbar die Wetterau erkunden.

Die Voraussetzungen dafür schuf das Klima. Mit warmer, aufsteigender Luft können solche Geier laut Stübing problemlos mit ein paar Flügelschlägen auf bis zu 3.000 Meter hochsteigen. "Er könnte beispielsweise innerhalb von zwei Tagen von Spanien hierhergeflogen sein. Das Wetter war perfekt", sagt der Ornithologe.

Einmaliges Erlebnis

Der Aasfresser könnte sich hierzulande von verendetem Wild ernährt haben, glaubt Stübing. Im Gegensatz zu vielen Artgenossen jage der Mönchsgeier aber auch selbst - und zwar Tiere in einer Größe bis zum Kaninchen.

Kleintierzüchter sollten jetzt aber nicht in Sorge um ihre Tiere verfallen. Der Mönchsgeier scheint Gedern schon längst wieder verlassen zu haben. Jedenfalls hat es deutschlandweit keine weitere Sichtung mehr gegeben. Der Vogel wurde vom freilaufenden Hund eines Spaziergängers aufgescheut und suchte offenbar das Weite. Die Wahrscheinlichkeit auf ein Wiedersehen sieht Stübing bei "gleich null". Darüber dürften sich zumindest abergläubische Menschen freuen.

Sendung: hr-fernsehen, hallo hessen, 24.8.2018, 16 Uhr