Der Darmstädter Weihnachtsmarkt am ersten Abend gut besucht.

Glühwein, Reibekuchen und gebrannte Mandeln: Während auf hessischen Weihnachtsmärkten die Normalität einzukehren scheint, schlagen Virologen angesichts unzureichender Corona-Konzepte in vielen Städten Alarm. Vor Ort zeigt sich: Vor allem mit dem Abstand wird es schwer.

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Die Verkäuferin am Reibekuchenstand hat alle Hände voll zu tun, die Schlange vor ihrem Stand ist lang. Auch an der benachbarten Getränke-Hütte wird fleißig duftender Glühwein in die Tassen gefüllt: Als einer der ersten in Hessen hat der Weihnachtsmarkt rund um das Darmstädter Schloss am Montag die Buden geöffnet.

Bereits am ersten Abend ist der Markt außerordentlich gut besucht, was besonders die durch Corona arg gebeutelten Budenbetreiber freut. "Endlich kann ich wieder meinem Job nachgehen", sagt Michael Hausmann, Vize-Vorsitzender des Darmstädter Schaustellerverbands.

In den extra breit angelegten Gängen des vergrößerten Areals herrscht kein unangenehm dichtes Gedränge, in den Schlangen an den Ständen und an den aufgestellten Tischen werden die Abstandsregeln aber kaum eingehalten. Viele Menschen tragen Masken, andere wiederum nicht. Eine Maskenpflicht wurde von der Stadt ebenso wenig angeordnet wie Zugangsbeschränkungen nach dem 2G- oder 3G-Prinzip. Es gelten lediglich Empfehlungen, die gängigen AHA-Regeln zu beachten.

Virologen warnen vor Zuspitzung

Dass Weihnachtsmärkte wie der in Darmstadt überhaupt stattfinden, sorgt angesichts rasant steigender Infektionszahlen und überfüllter Krankenhäuser für Kritik. Das Robert-Koch-Institut appellierte bereits vor Tagen, größere Veranstaltungen abzusagen. Auch der Frankfurter Virologe Martin Stürmer hält die Durchführung der Weihnachtsmärkte inmitten der vierten Corona-Welle für unangebracht und gefährlich: "Solche Veranstaltungen sind ein Risiko." Sie hätten großes Potenzial für neue Infektionsketten und könnten die Corona-Lage weiter zuspitzen.

Ein Schild weist die Besucher und Besucherinnen auf dem Darmstädter Weihnachtsmarkt darauf hin, sich bitte an die Abstandsregeln zu halten.

"Kein Problem", sagt dagegen eine 29 Jahre alte Frau, die mit ihrem Partner und den beiden drei und fünf Jahre alten Kindern auf dem Darmstädter Weihnachtsmarkt unterwegs ist. "Wir sind ja an der frischen Luft", sagt sie. Da sei man sicher.

Frische Luft "kein Freifahrtschein"

Doch dieser These widerspricht Stürmer. Frische Luft sei alles andere als ein Freifahrtschein, warnt der Experte. Das Virus werde auch über Tröpfchen übertragen, die beim Sprechen und Lachen weit fliegen könnten. "Wenn eine Gruppe im Freien steht und Glühwein trinkt, besteht großes Potenzial, dass das Virus ausgetauscht wird", so Stürmer.

Deswegen rät der Virologe wie auch sein Kollege Bodo Plachter von der Universität Mainz dazu, auf Weihnachtsmärkten eine Maske zu tragen - ähnlich wie es auch lange Zeit auf Wochenmärkten in Hessen üblich war. "Die Maske schützt sehr gut, dazu kann man nur raten", sagt Plachter. Zudem sollte es - anders als in Darmstadt - mit Zäunen abgegrenzte Areale, Zugangskontrollen und Obergrenzen für Besucherzahlen geben, so die Forderungen.

Städte verfahren unterschiedlich

Auf dem Weihnachtsmarkt in Offenbach, der ebenfalls seit Montag geöffnet ist, gilt in einigen Bereichen 2G. An den Ständen und in den Gängen werden die Abstandsregeln nach ersten Beobachtungen größtenteils aber nicht eingehalten. Auch eine Maskenpflicht ist in Offenbach trotz seit Wochen landesweit höchster Inzidenz nicht angeordnet.

Im benachbarten Frankfurt muss indes laut städtischer Verordnung im Gedränge und beim Anstehen ein Mund-Nase-Schutz getragen werden. Zudem wurde die Fläche des Markts, der am 22. November startet, vergrößert und die Zahl der Stände von weit über 200 auf 170 reduziert. Der Verzehr von Speisen und Getränken ist nur in abgetrennten Bereichen möglich, auf einzelnen Plätzen haben zudem nur Geimpfte und Genesene Zutritt (2G).

Auch Wiesbaden will mehr Kontrolle über das bunte Treiben: Für den Sternschnuppenmarkt (Start am 23. November) wurden die Gastronomie-Stände zusammengezogen und eingezäunt. "Da kommt man nur mit 2G rein", sagte ein Sprecher der Stadt. Andernorts herrsche Maskenpflicht.

Laxere Regeln in Gießen und Fulda

In Gießen (ab 18. November) wird Wert darauf gelegt, dass die Stände möglichst weiter auseinander stehen. Hinweisschilder sollen die Besucher an die Einhaltung der Corona-Regeln erinnern. Ähnlich will Fulda auf dem am 26. November startenden Markt verfahren: "Gegenwärtig gehen wir davon aus, dass unser Weihnachtsmarkt mit dem vorgesehenen entzerrten Flächenkonzept stattfinden wird - so wie die hessischen Rechtslage dies auch explizit für Weihnachtsmärkte ermöglicht", sagte ein Stadtsprecher. Eine Analyse und Beurteilung von Weihnachtsmärkten in Bezug auf ein mögliches Infektionsrisiko müsse von Fachleuten vorgenommen werden.

Diese Haltung sei unzureichend, entgegnet Virologe Plachter. "2G oder 3G plus würden ein sicheres Umfeld bedeuten." Wenn dazu Sicherheitsdienste unterwegs wären, um die Beschränkungen zu kontrollieren, würden sich die Leute daran halten und das Risiko neuer Infektionsketten somit deutlich verringern.

Absagen und geänderte Konzepte

Manche Städte sind angesichts der zugespitzten Corona-Lage zuletzt ins Grübeln geraten. In Hanau kündigte Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) etwa strenge Zugangskontrollen an. Der Bund-Länder-Gipfel am Donnerstag solle weitergehende Hinweise liefern. "Im Lichte der dort gefassten Beschlüsse werden wir am Freitag weitere Festlegungen für Hanau treffen", sagte der Rathaus-Chef. Auch in Kassel sind die endgültigen Regeln noch nicht festgezurrt.

Andere Städte wollen gar kein Risiko eingehen. Gelnhausen, zum Beispiel sagte den fürs dritte Adventswochenende geplanten Markt komplett ab. Das Risiko, dass bei 3G-Kontrollen und aufgrund von Zugangsbeschränkungen Menschenansammlungen an Eingängen entstehenn, ist nach Ansicht des Bürgermeisters Daniel Glöckner (FDP) zu hoch. Auch Vellmar (Kassel), Idstein (Rheingau-Taunus) und Münster (Darmstadt-Dieburg) sagten ihre Weihnachtsmärkte ab.

Als erste deutsche Großstadt folgte am Dienstag auch München diesem Beispiel. Aus Sicht der Virologen keine schlechte Entscheidung.

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