Eine Person, dunkel gekleidet mit Kapuzenpullover, steht an einem Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn für den Regionalverkehr. Im Hintergund ist der Bahnhof Kassel zu sehen.

Betrüger-Banden treiben mit gefälschten oder mehrfach verkauften Hessentickets ihr Unwesen im Öffentlichen Nahverkehr. Dabei schrecken sie auch nicht davor zurück, das Zugpersonal übel anzugehen.

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Drohungen, Beleidigungen oder sogar körperliche Angriffe: Für Renate Müller (Name geändert) sind solche Vorfälle nichts Neues, sondern fester Bestandteil ihres Arbeitsalltags. Sie ist Zugbegleiterin im Öffentlichen Nahverkehr und kontrolliert die Tickets ihrer Fahrgäste. Auf der Strecke zwischen Frankfurt und Kassel wird sie dabei immer häufiger Opfer einer Betrüger-Bande: der sogenannten Hessenticket-Mafia.

"Wenn ich das Ticket kontrollieren will, stellen die sich vor mich, bespucken mich und schlagen direkt neben meinem Kopf gegen die Wand - um mich einzuschüchtern", erzählt die Zugbegleiterin. Fast immer gehe es bei den Auseinandersetzungen um das Hessen-Gruppenticket.

Plätze auf Hessenticket mehrfach weiterverkauft

Seit mehreren Jahren nutzen Betrüger-Banden das Hessenticket als Geldquelle, indem sie es mehrfach verkaufen und mit immer wieder eigens angeworbenen Fahrgästen benutzen. Normalerweise können Gruppen von bis zu fünf Personen für einen Tag mit dem Hessenticket durchs Land fahren - zu einem Festpreis von 36 Euro. Auf dem Fahrschein müssen die Namen der Mitreisenden notiert werden, die sich nach Fahrtantritt nicht mehr verändern dürfen.

Doch genau hier setzen die Betrüger an. "Die Namen werden entweder gar nicht eingetragen oder mit einem radierbaren Kugelschreiber ein- und ausgetragen", erklärt Zugbegleiterin Renate Müller. So sei es den Betrügern möglich, die Plätze auf dem Ticket mehrfach weiterzuverkaufen.

"Die haben Messer und Pfefferspray einstecken"

Will die Zugbegleiterin einen solchen Vorfall melden oder die Personalien der Betrüger erfassen, gibt es Ärger. "Die haben Messer und Pfefferspray einstecken. Und mittlerweile wissen die schon genau, wie ich heiße, wo ich wohne und welches Auto ich fahre", erzählt Müller. Jeden Tag habe sie Angst, auf eines der Banden-Mitglieder zu stoßen. Deshalb habe sie sich bisher auch noch nicht getraut, Anzeige zu erstatten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Hessenticket-Mafia" bedroht Zugpersonal

Regionalbahn am Gießen Bahnhof
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So gehe es vielen Zugbegleiterinnen und Zugbegleitern in Hessen, und zwar schon seit Jahren, sagt Karl de Andrade-Huber von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Die Deutsche Bahn als Arbeitgeber bekomme das Problem aber einfach nicht in den Griff.

GDL fordert mehr Schutz für Zugpersonal

"Die Bahn tut zu wenig für den Schutz der Mitarbeiter. Da muss jetzt endlich was passieren", findet de Andrade-Huber. Beispielsweise durch eine Doppelbesetzung und mehr Sicherheitspersonal in den Zügen. Dann seien die Mitarbeiter nicht mehr alleine, wenn sie auf die Bandenmitglieder stoßen. Außerdem müsse das Ticket schon beim Verkauf maschinell personifiziert werden, so dass es erst gar nicht manipuliert werden könne.

Das sei allerdings weder technisch möglich noch im Sinne der ehrlichen Fahrgäste, sagt eine Sprecherin des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV). Eine Sprecherin der Deutschen Bahn teilt mit, dass man Doppelbesetzungen beim Zugpersonal derzeit prüfe. Man setze aber zunächst darauf, Fahrgäste beispielsweise mit Infoflyern über die Betrugsmasche zu informieren - in der Hoffnung, dass sich dann weniger Menschen auf die Betrüger einlassen.

"Reisende werden zur Mitfahrt genötigt"

Ob das ausreicht, ist allerdings fraglich. Die Betrüger verhielten sich mittlerweile auch Fahrgästen gegenüber immer schroffer, berichtet Klaus Arend, Pressesprecher der Bundespolizei Kassel. "Reisende werden praktisch genötigt, auf diesen Tickets mitzufahren." Weil solche Vorfälle aber kaum angezeigt würden, sei es schwierig, die professionell organisierten Betrüger zu fassen, so Arend.

Die Bundespolizei appelliert daher an das Zugpersonal und an die Fahrgäste, jeden Vorfall sofort anzuzeigen. "Wenn wir die Täter überführen wollen, dann ist das enorm wichtig", sagt Arend. Denn nur durch eine Anzeige kommt die Polizei zum Beispiel an Überwachungsvideos ran. Diese wiederum seien essenziell für die Überführung der Täter.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 02.07.2020, 16.45 Uhr