Schild einer Waffenverbotszone

Seit Anfang des Jahres gibt es in Wiesbaden die erste Waffenverbotszone Hessens. Der Landesjagdverband fürchtet, sie könnte ungewollt zur Falle für harmlose Jäger werden. Die Sorge hat er möglicherweise exklusiv.

Keine Regel ohne Ausnahme: In der Zeit von 21 Uhr bis 5 Uhr sollte sich niemand in der Wiesbadener Innenstadt und in Teilen des Westends mit "waffenähnlichen gefährlichen Gegenständen" wie Taschenmesser, Schraubenzieher oder Axt erwischen lassen. Es sei denn, er ist zum Beispiel Soldat, Handwerker oder Fahrer eines Geldtransporters.

Solche Ausnahmen regelt Paragraf 4 der seit 1. Januar geltenden Verordnung für die neue Waffenverbotszone. Aber Moment mal: Ist hier nicht eine wichtige gesellschaftliche Gruppe vergessen worden? Und ob, befürchtet der Landesjagdverband (LJV), der nach eigenen Angaben die Interessen von 20.000 hessischen Jagdscheininhabern vertritt.

"Achtung: Waffenverbotszonen - Jagdschein in Gefahr" heißt es in einer Alarm-Mail des Verbands. Sie ging an die Vorsitzenden der hessischen Jagdvereine, von dort an tausende Jäger und wohl auch an die meisten der 690 Jagdschein-Inhaber Wiesbadens. Ende Dezember war das, und die Sache plagt den LJV immer noch.

Droht ein Verhängnis?

Was, wenn ein Jäger abends auf dem Weg zur Jagd in der Zone mit einem Jagdmesser am Gürtel angehalten wird? "Das könnte ihm zu Verhängnis werden. Da droht neben einem hohen Bußgeld auch der Verlust des Jagdscheins", sagte ein LJV-Sprecher auf Nachfrage am Freitag. Auch auf seiner Internetseite rät der LJV deshalb seit zwei Wochen allen Jägern zur Vorsicht in Wiesbaden.

Schließlich könnten Polizisten und Ordnungskräfte in der Verbotszone jeden auch verdachtsunabhängig durchsuchen. Und so gegen harmlose Jäger Strafen von bis zu 10.000 Euro verhängen und ganze Jagd-Karrieren beenden?

"Arg übertrieben"

Friedhelm Steinhoff vom Vorstand der Jägerschaft Wiesbaden jedenfalls lacht, wenn man ihn auf die Warnung anspricht. "Das ist völlig übertrieben. Ich kenne wirklich viele Jäger. Von denen läuft doch niemand dort mit dem Messer oder sonst einer Waffe herum." Was den LJV in seiner Zentrale in Bad Nauheim (Wetterau) alarmiert, wäre demnach in Wiesbaden kein wirkliches Problem.

Kein Wunder: Die Gegend, in der das Verbot gilt, besteht zu einem großen Teil aus Fußgängerzone. Zu Einkaufsstraßen kommt ein Viertel mit Schulen und Behörden mit Häusern, in denen nach grober Schätzung eines Kenners insgesamt "keine fünf Jäger, vielleicht auch gar keiner“ wohnen dürfte. Wildschweine wurden hier bislang auch nicht gesichtet. Und wenn, bräuchten Jäger auch ohne Waffenverbotszone für den Abschuss eine Sondergenehmigung.

Außerdem suchten Stadt und Polizei unter den Passanten ja nicht nach Jägern, sondern nach potentiellen Gewalttätern. Bei den bisherigen Kontrollen kam eine Handvoll Messer zum Vorschein, einen Jäger traf es, soweit bekannt, nicht.

Besorgte Juristen

Die LJV-Juristen nehmen die Sache trotzdem ernst. Ihr Verband wirft der Stadt nicht nur vor, bislang die erbetene, klärende Auskunft über den Umgang mit Jägern in der Verbotszone schuldig geblieben zu sein. Er entwirft ein dramatisches Szenario: Die Stadt soll auch erklären, ob sie nun "verunfalltes Wild erlöst oder für Wildschäden eintritt, falls Jäger wegen des Waffenverbots an der Jagdausübung behindert werden."

Auch eine hr-Nachfrage hat das Wiesbadener Ordnungsamt bis Freitagmittag nicht beantwortet. Dabei bietet die Verordnung Spielraum, falls Jäger tatsächlich betroffen wären: Sie stellt ausdrücklich "allgemein oder im Einzelfall" die Genehmigung weiterer Ausnahmen in Aussicht, wenn diese keine Gefahr für Sicherheit und Ordnung bedeuten.

Als Reaktion auf die Alarm-Mail des Landesverbands hat die Jägerschaft Wiesbaden daher einfach die Regelung als pdf-Datei auf ihre Onlineseite gestellt. Dazu der kurze Hinweis: "Wir hoffen, dass damit die Unsicherheiten beseitigt sind."

Weitere Informationen

Waffenverbotszonen

Bisher gibt es bundesweit nur wenige Waffenverbotszonen. Hamburg hatte im Dezember 2007 als erstes Bundesland Waffenverbotsgebiete rund um die Reeperbahn und am Hansaplatz nahe dem Hauptbahnhof eingerichtet. Dort ist es verboten, Schusswaffen, Messer, Reizgas und andere Waffen mit sich zu führen, andernfalls droht ein erhebliches Bußgeld. Auch in Bremen, Kiel und Leipzig gibt es Waffenverbotszonen. In Hessen ist die Zone in Wiesbaden die erste. Hier bemängeln Grüne, FDP und Linkspartei, die möglichen "anlassunabhängigen" Kontrollen seien ein zu starker Eingriff in die Bürgerrechte.

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