Dunkle Wolken türmen sich hinter einer Werbefahne des Fleischherstellers Wilke Wurstwaren

Nach Keimfunden und zwei Todesfällen hat der nordhessische Wursthersteller Wilke Insolvenz beantragt - und der Fall weitet sich aus. Anders als von den Behörden dargestellt, landete die Wurst auch als Eigenmarke eines Großhandels bei Verbrauchern.

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Nach zwei Todesfällen durch Bakterien in Wurstwaren ist der nordhessische Hersteller Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren auch in wirtschaftliche Schieflage geraten. Das Unternehmen mit Sitz in Twistetal-Berndorf (Waldeck-Frankenberg) habe die Eröffnung eines vorläufigen Insolvenzverfahrens beantragt, sagte ein Sprecher des Amtsgerichts Korbach am Freitag.

In einem solchen Verfahren werde geprüft, ob die Voraussetzungen zur Durchführung eines Insolvenzverfahrens vorliegen. Betroffen sind rund 200 Beschäftigte des Unternehmens. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft Kassel wegen fahrlässiger Tötung. Es gebe einen Anfangsverdacht, sagte eine Sprecherin. Dieser richte sich noch nicht gegen eine konkrete Person.

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Rückrufaktionen bei Metro und Kaufland

Metro Deutschland ruft sämtliche Artikel des Lieferanten Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren vorsorglich zurück. Wie das Unternehmen am Freitag mitteilte, werden Kunden, die in den vergangenen Monaten Artikel von Wilke bei Metro gekauft haben, aktuell telefonisch und per E-Mail informiert. Betroffen von dem Rückruf seien neben sämtlichen Markenartikeln der Firma Wilke auch folgende Metro Eigenmarkenartikel: aro Peperonisalami, aro Pizzasalami, Metro Chef Peperonisalami sowie Metro Chef Pizzasalami (mehr auf der Metro-Webseite). Die genannten Produkte seien in den vergangenen Monaten bei externen Laboren regelmäßig untersucht worden und bislang durchgehend unauffällig gewesen. Da Metro Deutschland keine Bedientheken betreibe und auch keine lose Ware anbiete, beziehe sich der aktuelle Rückruf ausschließlich auf fertigverpackte Artikel.

Auch die Supermarktkette Kaufland mit Sitz in Neckarsulm (Baden-Württemberg) erklärte am Freitag, sie habe Wilke-Produkte aus ihren Regalen entfernt. Verkauft worden seien die Waren ausschließlich in den Kaufland-Märkten in Schwalmstadt, Korbach und Biedenkopf. Kunden sollten den Rückruf unbedingt beachten und die betroffenen Produkte nicht verzehren. Der Kaufpreis werde bei Rückgabe auch ohne Kassenbon erstattet.

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Unterdessen weitete sich der Fall aus: Denn entgegen der ursprünglichen Darstellung der Behörden wurde Wilke-Fleisch doch auch unter anderem Namen verkauft. Man habe alle Wilke-Produkte aus dem Sortiment genommen, sagte eine Sprecherin des Großhändlers Metro am Freitag. Darunter seien auch Metro-Eigenmarken gewesen. Nach Angaben der Verbraucherorganisation foodwatch handelt es sich um die Metro-Eigenmarke "Aro".

Hinweise auf Keimquelle

Behörden bringen zwei Todesfälle in Südhessen mit Wilke-Wurst in Verbindung. Sie erhoffen sich an diesem Freitag Hinweise auf die Keimquelle. Man warte auf den Bericht der Arbeitsgruppe, die den betroffenen Betrieb untersucht habe, sagte ein Sprecher des Landkreises.

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Neue Erkenntnisse werde es voraussichtlich am Nachmittag geben. Der Landrat von Waldeck-Frankenberg, Reinhard Kubat (SPD), hatte zuvor im Gespräch mit dem hr eine Wurstschneide-Maschine als mögliche Ursache genannt: "Höchstwahrscheinlich handelt es sich um die sogenannten Slicer. Das sind die Apparate, mit denen die Würste in Scheiben geschnitten werden."

Foodwatch: Liste betroffener Produkte fehlt

Metro betonte, auf eigene Initiative tätig geworden zu sein. Bereits am Mittwoch habe man vor Eintreffen des Rückrufs alle Wilke-Produkte aus den Regalen genommen und die Kunden direkt informiert. Metro nehme zudem bei Eigenmarken zusätzliche Stichproben. Dabei sei Wilke in den vergangenen sechs Monaten nicht auffällig gewesen.

Foodwatch wirft den Behörden und dem nordhessischen Wurstproduzenten derweil "schwere Versäumnisse" vor. Es sei inakzeptabel, dass noch immer keinerlei Angaben zu den Verkaufsstellen der zurückgerufenen Produkte gemacht worden seien, erklärte die Organisation am Freitag. Auch gebe es bislang keine Liste der betroffenen Produkte.

Wurst am Donnerstag an Reha-Einrichtung in Köln geliefert

"Die Verbraucherinnen und Verbraucher können die Herkunft der Produkte nicht sicher nachvollziehen", kritisierte foodwatch. So habe Wilke auch für Handelsmarken produziert. Daher reiche es nicht, ausschließlich Wilke als Hersteller der zurückgerufenen Produkte sowie das Identitätskennzeichen der Waren zu benennen.

Nach Informationen von foodwatch sind in der Reha-Einrichtung "UniReha" des Universitätsklinikums Köln noch am Donnerstag zum Frühstück vom Rückruf betroffene Wilke-Produkte an Patientinnen und Patienten ausgegeben worden.

Unternehmen seit Dienstag geschlossen

Das Unternehmen ist seit Dienstag geschlossen - das Veterinäramt des Kreises hatte die vorläufige Schließung angeordnet. In Wilke-Produkten waren mehrfach Listerien nachgewiesen worden. Die Keime können für Personen mit schwachem Immunsystem lebensgefährlich sein.

Die Behörden verwiesen auf eine Untersuchung des Robert-Koch-Instituts (RKI), aus dem sich ein unmittelbarer Zusammenhang zu zwei Todesfällen in Südhessen herstellen lasse. Zudem gebe es 37 Krankheitsfälle, die möglicherweise mit Wurstwaren der Firma im Zusammenhang stünden. Diese Zahl habe sich auch nach einem Aufruf von foodwatch an mögliche weitere Betroffene, sich zu melden, nicht erhöht.

Produkte wurden auch an Krankenhäuser und Kantinen geliefert

Ob Wilke irgendwann wieder produzieren kann, ist unklar. Für sämtliche Produkte der Firma läuft eine weltweite Rückrufaktion: Sie sind an der Kennzeichnung "DE EV 203 EG" zu erkennen.

Wilke-Wurst wurde offenbar an weitere Fleischtheken und Großküchen in Krankenhäusern und Kantinen geliefert, wie das Online-Portal des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit "lebensmittelwatch.de" berichtete.

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Was ist Listeriose?

Listerien können die Infektionskrankheit Listeriose auslösen, die meldepflichtig ist. Zu finden sind Listerien zum Beispiel auf tierischen Lebensmitteln. Bei gesunden Menschen kommt es selten zu einer Infektion und wenn, dann verläuft sie normalerweise unkritisch. Die Symptome sind oft unspezifisch und ähneln einer Grippe. Bei Älteren, Schwangeren und Immungeschwächten könnten Listerien dagegen zum Tode führen.

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Sendung: hessenschau, 04.10.2019, 19.30 Uhr