Das Foto zeigt sehr viele Menschen - dicht beieinander und ohne Maske - in der Schneelandschaft der "Wasserkuppe".

Jetzt treibt es viele aus dem Lockdown in die Top-Schneegebiete Hessens. Zu viele. Nicht nur die Polizei ist am Limit, wie die Reaktion eines Bürgermeisters aus dem Vogelsberg zeigt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Bürgermeister Stang: "Bleiben Sie wenn möglich daheim"

Sebastian Stang
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Die Herchenhainer Höhe in Grebenhain (Vogelsberg) gehört zu den Gegenden in Hessen, die nach den Feiertagen auch am Wochenende von auswärtigen Besuchern regelrecht überrollt worden sind. Aus dem Rathaus der 4.600-Einwohner-Gemeinde verschickte Bürgermeister Sebastian Stang (SPD) am Montagmorgen deshalb eine ungewöhnlich aufgewühlte Mail.

Hier lesen Sie den Aufruf im Wortlaut:

"Ich schreibe Euch heute Morgen, weil wir ehrlich gesagt ratlos sind, was wir noch machen sollen, damit die Menschen nicht unseren Vogelsberg und die anderen bekannten Winterfreizeitgebiete in Hessen überrennen. Seit Weihnachten verzeichnen wir im Vogelsberg sowie in den anderen Regionen ein noch nie da gewesenes Besucheraufkommen.

Im Vogelsberg sahen wir uns deshalb in der letzten Woche dazu gezwungen, die Zufahrten und Parkplätze unseres Hausbergs, dem Hoherodskopf, sowie die der Herchenhainer Höhe tagsüber zu sperren, nachdem Rettungswege versperrt und Abstandsregeln sowie Versammlungsverbote missachtet wurden. Trotz halbstündiger Radiodurchsagen, dass in den Winterfreizeitgebieten in ganz Hessen die Zufahrten gesperrt und die Parkplätze überfüllt sind, haben Tausende von Menschen sich nicht davon abhalten lassen, auch am vergangenen Wochenende, dennoch die bekannten Winterorte anzufahren.

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„Viele parken einfach in Feldwegen, auf Wiesen, sogar in Vorgärten, und hinterlassen nicht nur Beschädigungen, sondern auch ganz persönliche Hinterlassenschaften.“ Zitat von Sebastian Stang
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Vor Ort abgewiesen, parken nun viele einfach in Feldwegen, auf Wiesen und Feldern, ja sogar in den Vorgärten und hinterlassen nicht nur Beschädigungen an den Grundstücken, sondern auch ganz persönliche Hinterlassenschaften. Gleichzeitig wird die Landschaft in einem Ausmaß gestürmt, dass auch unsere Wildtiere sich in dieser winterlichen Notzeit einer erhöhten Stresssituation ausgesetzt fühlen und es so für einige bedrohte Tierarten im wahrsten Sinne des Wortes nun um Leben und Tod geht.

Meine eindringliche Bitte an alle Hessinnen und Hessen sowie die Tagesausflügler der Nachbarbundesländer lautet daher, bleiben Sie bitte zu Hause. Halten Sie Abstand zu Ihren Mitmenschen und helfen Sie in den kommenden Wochen durch diesen Verzicht mit, die Infektionszahlen zu senken, damit wir in diesem Jahr wieder die Chance auf Normalität erhalten können.

Vielen scheint noch immer nicht bewusst zu sein, wie ernst die Lage ist und welche Anstrengungen und persönliche Opfer viele Menschen im Bereich der Gesundheitsversorgung, der öffentlichen Verwaltungen, der Polizei, der Feuerwehr und nicht zuletzt der Branchen, die derzeit komplett geschlossen sind, seit nun mehr fast einem Jahr erbringen. Bei vielen geht es dabei um nicht weniger als die eigene Existenz!

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„Zeigen Sie sich solidarisch mit denen, die für Sie alle versuchen, die Pandemie einzudämmen und denjenigen, die durch das Virus besonders bedroht sind.“ Zitat von Sebastian Stang
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Für uns alle geht es um unsere Familienangehörigen, Freunde und Bekannte, Mitmenschen, die durch eine Infektion getroffen werden können. Als Bürgermeister bekomme ich durch das Standesamt sehr genau mit, welche Mitmenschen in unserer Kommune, ob jung oder alt, den Kampf gegen den Virus verloren haben. Für mich hat daher die Pandemie eine sehr persönliche, ja sehr belastende Seite, weil wir viele unserer Mitmenschen verlieren und noch verlieren werden, mit denen wir gerne im letzten Jahr und auch in diesem Jahr gefeiert und gelacht hätten.

Bitte bleiben Sie zu Hause und zeigen Sie sich solidarisch mit denen, die für Sie alle versuchen, die Pandemie einzudämmen und denjenigen, die durch das Virus besonders bedroht sind. Wenn wir alle besonnen bleiben, werden wir die Pandemie in diesem Jahr überwinden. Wir, die Freizeitregionen, freuen uns schon jetzt darauf, Sie dann wieder auf das Herzlichste begrüßen zu können."

Bürgermeister will kein Spaßverderber sein

Bewegung an der frischen Luft, eine Schneeballschlacht oder rodeln mit den Kindern - die Freude daran wolle er niemandem nehmen, sagte Grebenhains Bürgermeister Stang auf Nachfrage des hr am Montag: "Das ist nachvollziehbar, und es ist ja gerade in dieser Zeit auch wichtig."

Aber Hessen sei doch groß genug und so reich an Naturgebieten, dass nicht mitten in der Pandemie so viele Menschen sich an den bekannten Wintersport-Orten ballen müssten, findet der SPD-Politiker: "Wir sind wirklich am Limit."

Sendung: hr3, 04.01.2021, 13 Uhr

Ihre Kommentare Winterausflüge in der Pandemie: Wie stehen Sie dazu?

196 Kommentare

  • Ich sag' nur Tönnies: 2-4C, feucht, keine Sonne, viele Menschen dicht gedrängt, körperlich angestrengt und deshalb schwer atmend. Ideale Bedingungen für das Virus, das unter diesen die längste Überlebensdauer hat. Zwei Meter Abstand reichen vielleicht nicht.

    Ob die Belüftung auf Rodelhängen der entscheidende Unterschied ist zu geschlossenen Räumen im Schlachthof - wir werden sehen. Derzeit sind Freiwillige in Bataillonsstärke unterwegs, um im heldenhaften Feldversuch diese Wissenslücke zu schließen. Lang lebe die Wissenschaft...

  • Nach mehreren Gläsern Wein mag dies so sein.

    Für nüchterne Menschen hingegen ist die Hauptfrage ansonsten absolut NICHT, wem man etwas Recht machen will oder soll. Sondern, wovon man überzeugt ist.

    Für kompetente Politiker, die diesen Namen verdient haben (mal ein Etymologisches Wörterbuch benutzen!), geht es darum, zwischen unterschiedlichen Interessen (die alle ihre Berechtigung haben) zu vermitteln.

    Geeignete Politiker können das.


    Grüße zur Nacht

    Wolfgang Leiberg
    alias Kraneberger

  • Mit Verlaub Herr Leiberg, Politiker haben den Bogen überspannt? Ist immer eine Frage wem man es Recht machen soll... Wir sind in Deutschland mit unseren Todesfällen noch wahrlich glimpflich davon gekommen. Andere Länder die andere Strategien verfolgt haben, schlechter. Aber wenn das Land eine Strategie fährt und man die Bevölkerung darum bittet Ihre Reisen einzuschränken/auf das nötigste zu reduzieren, ist Fakt dass Wintersport definitiv nicht zum lebensnotwendigen zählt. Und Schlittenfahren mit Kindern zähle ich dazu. Für Winterwanderungen ist theoretisch für jeden Platz. Man sollte halt in seinem Wohnradius bleiben und schlichtweg nicht reisen. Je schneller und vor Allem kontinuierlich sich ALLE daran halten, desto eher sinken die Sterbezahlen. Und diese sind und bleiben nunmal die Orientierungsschwelle in der aktuellen Situation. Ob es einem passt/nicht.

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