Hanf Startup Fulda

Aus Cannabis lässt sich eine Menge Geld machen. Das haben drei Jung-Unternehmer aus Fulda auf ihre Weise entdeckt: Sie verkaufen Produkte aus Nutzhanf, der nicht high macht. Dennoch gibt es nun Stress mit der Justiz.

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Audioseite Cannabis-Produkte von Jung-Unternehmern im Visier der Staatsanwaltschaft

Hanftees und Hanftropfen werden von der Staatsanwaltschaft Fulda untersucht.
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Hanf ist nicht gleich Hanf - vor allem mit Blick auf Verwendung und Wirkung. Das weiß Philipp Gärtner nur allzu gut. Der 29 Jahre junge Unternehmer aus Fulda steht in einem seiner Felder im ländlichen Stadtteil Malkes und prüft, wie die hochwachsenden Pflanzen gedeihen. Mit Drogen-Anbau hat das aber freilich nichts zu tun.

Gärtner versichert: Selbst wenn man versuchen würde, das gesamte Feld zu rauchen, würde man nicht high werden. "Was wir anbauen, ist wie alkoholfreies Bier unter den Hanfsorten. Der berauschende Stoff THC ist herausgezüchtet und nur noch in Spuren vorhanden."

Gärtner baut mit seinen Geschäftspartnern Marc Graf (31) und Kerim Viebrock (28) Nutzhanf an. Daraus machen sie Lebens- und Nahrungsmittel sowie Naturkosmetik. Ende 2018 haben sie ihre Firma gegründet. Name: green pioneers (sprich: grüne Pioniere).

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zum hr-fernsehen.de Video Mit Hanf in die Zukunft – Drei Jung-Unternehmer starten durch

Kerim, Marc und Phil in ihrem Hanffeld.
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Im Portfolio befinden sich derzeit zwölf Produkte, zum Beispiel Speiseöl, Hanfsamen, Mehl, Tee und Seife. Die Fuldaer verkaufen vor allem übers Internet, aber auch in mittlerweile rund 40 Geschäften, vor allem in Hessen, aber auch in Bayern und Berlin. Unter ihnen sind sogar inhabergeführte Filialen einer großen Lebensmittelmarktkette. Das Fuldaer Start-up nahm auch schon am Wettbewerb um den Hessischen Gründerpreis teil und drang immerhin bis ins Halbfinale vor.

Vorwurf: bandenmäßiger Handel mit Betäubungsmitteln

Das Geschäfte laufen gut, wurden zuletzt aber empfindlich gestört. Auf Beschluss der Staatsanwaltschaft Fulda wurde die Firma durchsucht. Mehrere Produkte wurden sichergestellt. Der Vorwurf: bandenmäßiger Handel mit Betäubungsmitteln. Die Ermittler wollen prüfen, ob die Produkte verkauft werden dürfen. "Und ob mit diesen Produkten ein Rauschzustand herbeigeführt werden kann", präzisiert Oberstaatsanwältin Christine Seban. Konkret geht es darum, ob sich die konfiszierten Produkte - Tee-Mischungen und Hanftropfen - unter dem erlaubten Grenzwert von 0,2 Prozent THC bewegen.

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THC-Grenzwerte

Info: Ein nicht-medizinisches Hanfprodukt darf in Deutschland nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit nicht mehr als 0,2 Prozent des berauschenden Wirkstoffs THC enthalten. Kompliziert macht die Sache für Produzenten und Ermittler: Je nach Fallgestaltung können verschiedene Rechtsgebiete berührt sein. Dazu zählen das Lebens-, Arznei- und Betäubungsmittelrecht, aber auch die Vorschriften für Kosmetika oder Medizinprodukte.

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Gärtner weiß, dass die green pioneers nicht die einzigen im Fokus der Ermittler sind. Überprüft würden - nach einem Hinweis von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt - weitere Verkäufer, darunter Geschäftsinhaber mit Cannabis-Produkten in Fulda. Ermittlungsergebnisse liegen noch nicht vor. Die Auswertungen laufen noch, wie Seban sagte.

"Wir werden kriminalisiert"

Gärtner kritisiert das Vorgehen der Behörden: "Uns hat geschockt, dass wir derart kriminalisiert werden, nur weil wir Hanf anbauen." Es gebe viele Vorurteile. Der Umgang mit Cannabis sei im Vergleich zum Ausland sehr rückschrittig. Er glaubt, dass die Justiz übers Ziel hinausschieße. Gärtner versichert, dass man seriös produziere. Die Bestimmungen des Betäubungsmittel- und Arzneimittelgesetzes sowie diverser EU-Verordnungen würden eingehalten.

Der Firmeninhaber ist sicher, dass sich die Vorwürfe als haltlos erweisen und es nicht zur Anklage kommt. "Unsere Produkte sind legal und verkehrsfähig. Wir haben toxikologische Gutachten anfertigen lassen, um auf der sicheren Seite zu stehen." Er betont: "Wir vertreiben keine Rauschmittel, sondern fördern einen gesunden Lebensstil." Ernährungsexperten bezeichnen Hanf wegen seiner hohen Nährstoffdichte als Superfood. Hanf (lateinisch Cannabis) gilt als eine der ältesten Nutz- und Heilpflanzen der Welt.

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Hanf-Hype und Boom um CBD

In den vergangenen Jahren ist ein regelrechter Hanf-Hype entstanden. Produkte mit Cannabidiol (CBD) boomen. CBD wird eine Reihe positiver Eigenschaften zugeschrieben, so wirke es schmerzlindernd, entzündungshemmend und entkrampfend. CBD gilt als der harmlose Bruder des THC. Man darf nach der CBD-Einnahme zum Beispiel auch Autofahren.

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Was ist was? Die Cannabinoide Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) sind Substanzen der Cannabispflanze. THC führt zur Ausschüttung von Dopamin und ist deshalb für die berauschende Wirkung verantwortlich. CBD wiederum zeigt keine psychoaktive Wirkung. Laut eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) aus dem Jahr 2020 gilt es deshalb auch nicht als Betäubungsmittel.

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Zahlreiche Produkte mit CBD sind mittlerweile auf dem Markt. "Damit lässt sich viel Geld verdienen", weiß auch der Fuldaer Nutzhanf-Produzent Gärtner. CBD spiele in ihren Produkten aber nur eine untergeordnete Rolle.

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Nach Beobachtung der Verbraucherzentralen ist das Internet der Hauptumschlagplatz, aber auch immer mehr Läden schießen aus dem Boden, wie Wiebke Franz von der Verbraucherzentrale Hessen berichtet.

"Es gibt keine vernünftige Regulierung", sagt Georg Wurth vom Deutschen Hanfverband. Fraglich ist, ob CBD-Produkte ohne Zulassung der EU-Kommission als neuartiges Lebensmittel verkehrsfähig sind. Behörden und auch Verbraucherzentralen meinen: Nein, ungeprüft kein Verkauf. Hersteller berufen sich auf die lange Tradition der Hanfnutzung. Die unterschiedlichen Rechtsauffassungen beschäftigen Gerichte.

Wirkungsweisen von CBD noch nicht ausreichend erforscht

Was CBD tatsächlich für - oder gegen - die Gesundheit leisten könnte, ist noch unklar. Wirkungsweisen seien noch nicht ausreichend durch klinische Studien gesichert. Auch Fragen zu Dosierung, Sicherheit, Neben- und Wechselwirkungen seien ungeklärt, merkt Verbraucherzentralen-Expertin Franz kritisch an.

Auf den Hanf-Hype versuchte jüngst auch ein großer Discounter aufzuspringen - und machte eine Bauchlandung. Lidl rief Ende August eine Reihe von Cannabisprodukten und ein Hanföl zurück. Darin war ein erhöhter Gehalt des berauschenden Wirkstoffs THC entdeckt worden. Der Verzehr könne unerwünschte gesundheitliche Folgen mit sich bringen, etwa Stimmungsschwankungen und Müdigkeit, warnte Lidl in einer Mitteilung. Kunden sollten den Rückruf unbedingt beachten und die Produkte nicht verwenden.

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Neugierige und geneigte Verbraucher können solche Nachrichten nicht abschrecken. Die Nachfrage bleibt ungebrochen. Das sieht auch das Fuldaer Hanf-Start-up. Neben diesem Effekt hätten übrigens die Ermittlungen der Justiz ihr Geschäft beflügelt und für größere Aufmerksamkeit gesorgt, sagt Gärtner. Der Online-Shop brumme seitdem.

Um die Nachfrage zu befriedigen, wollen die Jung-Unternehmer ihre Anbaufläche in Fulda von derzeit 50 auf 100 Hektar verdoppeln. Im nächsten Jahr wollen sie versuchen, bundesweit den Durchbruch zu schaffen - mit Nutzhanf made in Fulda.

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