Sehr viele Menschen stehen entlang einer Straße und um eine Hausecke herum Schlange. Daneben ein Polizeiauto.

Eine Arztpraxis in Babenhausen hat an zwei Tagen tausende Menschen im Schnelldurchgang geimpft - und sich damit nicht nur Freunde gemacht. Andere Ärzte kritisieren die Aktion scharf, ein Mediziner droht sogar mit Strafanzeige. Die zentrale Frage: Woher kommt der viele Impfstoff?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ärger nach Impfaktionen in Babenhausen

Warteschlange bei der zweiten großangelegten Impfaktion in Babenhausen
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Mit seinen Impfaktionen hat ein Arzt das kleine Städtchen Babenhausen (Darmstadt-Dieburg) in den letzten Wochen in große Aufregung versetzt - Massenandrang und Verkehrschaos inklusive. Am Ende hatten in nur zwei Tagen über 3.000 Menschen ihre Corona-Schutzimpfung erhalten. Doch die ungewöhnlichen Impf-Events kamen nicht überall gut an, besonders Kollegen sparen nicht mit Kritik. Es droht sogar ein juristisches Nachspiel.

Über 3.000 Dosen des Impfstoffs von Johnson & Johnson hatte Hausarzt Abrar Mirza in zwei Sonderaktionen verimpft, zuletzt vergangenen Sonntag in Form eines Drive-ins. Weitere 1.000 Dosen will er in nächster Zeit seinen eigenen Patienten anbieten.

Da drängt sich die Frage auf: Wie kommt ein einzelner Hausarzt an so viel Impfstoff, während andere Praxen fast leer ausgehen?

Hausarzt will Strafanzeige stellen

Bei Klaus Neutard, Allgemeinmediziner aus dem nahe gelegenen Reinheim (Darmstadt-Dieburg), hat allein die schiere Menge an Impfdosen für Verwunderung gesorgt. "Warum bekommen wir den Impfstoff nicht, diese Praxis aber schon?", fragt er sich. Da könne es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.

Neutard wittert sogar Vorteilsnahme und Vorteilsgewährung. Mirza sei vor allem auf das schnelle Geld aus gewesen. Bei einem Mindestsatz von 20 Euro pro Impfung kommt er bei insgesamt 4.000 Dosen immerhin auf einen Umsatz von mindestens 80.000 Euro.

Neutard will deswegen Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft stellen - gegen Mirza und die Schloss-Apotheke in Babenhausen, über die die Impfstoffbestellung gelaufen ist. "Die Anzeige liegt bereits fertig auf meinem Schreibtisch."

Arzt und Apotheke streiten Vorwürfe ab

Beweise für seine Anschuldigungen kann Neutard allerdings nicht vorlegen. Die Apotheke beteuert, dass alles mit rechten Dingen abgelaufen sei. "Die Vorwürfe sind Schwachsinn", sagt Apotheker Harald Perschbacher dem hr: "Es war alles legal." Mirza war für eine Stellungnahme bislang nicht zu erreichen, sagte aber jüngst dem Darmstädter Echo, der Bestellprozess sei "absolut nachvollziehbar" verlaufen.

Zum Zeitpunkt der Bestellung, das war Ende Mai, habe es für Hausärzte keine Beschränkungen für den Impfstoff von Johnson & Johnson gegeben, so der Apotheker. Mirza habe zunächst 1.000 Impfdosen für die erste Impfaktion am 7. Juni bestellt - und bekommen.

Die weiteren 3.000 Dosen habe die Apotheke aus einem Kontingent für Betriebsärzte bekommen, das nicht abgerufen worden sei. "Jeder andere Arzt hätte das auch bekommen, wenn er bestellt hätte", so Perschbacher.

Anderer Arzt erhält weit weniger Impfstoff

Das ist allerdings nicht ganz richtig. Ein Hausarzt aus Darmstadt, dessen Name dem hr bekannt ist, hat zwischen dem 17. Mai und dem 7. Juni insgesamt 150 Dosen Johnson & Johnson über seine zuständige Apotheke bestellt, aber nur 90 bekommen.

"Es kommt mir schon etwas komisch vor, dass da einer 4.000 Dosen bekommt und ich nicht einmal die 150", sagt der Allgemeinmediziner dem hr. Seit dem 7. Juni sei es für Hausärzte zudem gar nicht mehr möglich, Johnson & Johnson zu bestellen. Dass Mirza dennoch 3.000 Dosen für seine zweite Impfaktion am 27. Juni auftreiben konnte, werfe zumindest Fragen auf.

Verunsicherung bei den Patienten

Der Arzt aus Darmstadt will aber nicht so weit gehen, seinem Kollegen aus Babenhausen illegales Handeln vorzuwerfen. Dass Mirza aber erst im zweiten Schritt an seine eigenen Patienten denkt, nachdem er bereits tausende Impfungen an Außenstehende verteilt hat, findet er nicht richtig. "Wenn der Impfstoff gerecht auf alle Praxen verteilt wird und jeder seine eigenen Patienten impft, ist allen geholfen."

Zudem beobachtet der Mediziner seit den öffentlichkeitswirksamen Impfaktionen eine Verunsicherung bei seinen Patienten und Patientinnen: "Ich werde ständig gefragt, warum ich denn nicht auch so viel Impfstoff bestelle." Die Leute hätten eine große Erwartungshaltung und verstünden nicht, warum er nicht so viel impfe. Er wisse von einigen Praxen, denen es ähnlich ergehe.

Viele Beschwerden beim Hausärzteverband

Besonders nach der zweiten Impfaktion am vergangenen Sonntag wuchs der Ärger in der Ärzteschaft. Beim Hausärzteverband Hessen sind seitdem viele Beschwerden eingegangen, wie der Vorsitzende Armin Beck dem hr verrät: "Die Kolleginnen und Kollegen aus den Nachbargemeinden sind sehr sauer."

Wie Mirza an den Impfstoff gekommen ist, kann sich auch Beck nicht erklären. "Da scheint irgendein Kanal entstanden zu sein, über den der Impfstoff geflossen ist." Auf welchen Wegen auch immer der Impfstoff nach Babenhausen gelangt ist: Eine gerechte Verteilung sieht in Becks Augen anders aus. In einem Schreiben an das Sozialministerium habe er Minister Kai Klose (Grüne) um Aufklärung gebeten, eine Antwort stehe noch aus.

Verband hält Methode für "abenteuerlich"

Auch die Durchführung der Impfungen an sich hält Beck für zumindest fragwürdig. "Bei Johnson & Johnson bedarf es bei Personen unter 60 Jahren eines besonderen persönlichen Aufklärungsgesprächs", erklärt Beck. Wie das bei hochgerechnet 300 Impfungen in der Stunde stattfinden soll, kann er sich nicht vorstellen. "Das ist schon abenteuerlich." Am Ende sei Mirza aber für sein eigenes Handeln verantwortlich.

Weitere Impfaktionen hat Mirza nicht geplant, wie er kürzlich verriet. Er wolle sich jetzt erst einmal wieder um seine eigene Praxis kümmern. Damit dürften alle einverstanden sein.

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