Messer
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Kandel, Darmstadt, Lünen - brutale Messerattacken sorgten zuletzt für Schlagzeilen. Nimmt die Zahl der Messerangriffe tatsächlich zu? Zumindest für Hessen scheint das zu stimmen. Das zeigen neue Zahlen, die hr-iNFO vorliegen.

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Als Medienkonsument konnte man in den vergangenen Wochen den Eindruck bekommen, dass sich schwere Messerangriffe häufen - auch in Hessen: Anfang Dezember erstach ein 18-Jähriger in Frankfurt-Höchst seinen 17 Jahre alten WG-Mitbewohner. Kurz vor Heiligabend verletzte ein 17-Jähriger in Darmstadt eine 16-Jährige mit zehn Messerstichen schwer. Und am vergangenen Wochenende griff ein Mann ebenfalls in Darmstadt die Polizei mit zwei Messern an und wurde daraufhin von den Polizisten erschossen.

Der Eindruck, dass Messerangriffe zunehmen, ist offenbar richtig. Das legen Daten nahe, die das hessische Innenministerium auf Anfrage von hr-iNFO herausgegeben hat. Demnach ist die Zahl der Messerangriffe in Hessen zwischen 2014 und 2016 um rund 20 Prozent gestiegen. Während die Polizei im Jahr 2014 noch 926 Körperverletzungen oder Tötungsdelikte registrierte, die mit dem Messer ausgeführt wurden, waren es 2016 mit 1.116 rund 200 Delikte mehr. Zuvor war die Zahl der Messerattacken leicht rückläufig gewesen.

Dieser Trend entspricht der Entwicklung bei der Gewaltkriminalität insgesamt. Die ist nämlich - wie eine Studie im Auftrag des Bundesfamilienministerium am Beispiel Niedersachsen dargestellt hat - seit 2007 kontinuierlich gesunken, aber in den Jahren 2014 und 2015 um insgesamt zehn Prozent gestiegen. Der Anstieg der Messerangriffe in Hessen fällt im gleichen Zeitraum mit 20 Prozent allerdings noch deutlicher aus.

Messer: leicht verfügbar - und häufig verboten

Den überproportionalen Zuwachs bei Messerangriffen erklären Experten unter anderem damit, dass Messer leicht verfügbar sein - jeder habe sie im Haushalt. Viele würden auch die gesetzlichen Vorschriften nicht kennen, sagt Martin Rettenberger, der Leiter der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden: "Dass das Messer auch eine Waffe ist, die in vielen Fällen nicht mitgeführt werden darf - dieses Bewusstsein ist nicht sehr ausgeprägt." Tatsächlich verbietet es das Waffengesetz zum Beispiel, Messer mit beidseitig geschliffenen Klingen oder mit einem Sprungmechanismus mitzuführen. Sogar gewöhnliche Küchen- oder Taschenmesser dürfen bei Veranstaltungen - etwa im Fußballstadion - nicht mitgeführt werden.

Die schnelle Verfügbarkeit von Messern ist auch für Lars Maruhn, den Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft in Hessen, der zentrale Erklärungsansatz. Allerdings sieht er noch einen anderen Faktor: die Zuwanderung von Flüchtlingen in den vergangenen Jahren: "Was wir vor Jahren mit den Kriegsflüchtlingen aus dem Kosovo hatten - wo auch viele Schusswaffen im Spiel waren -, haben wir jetzt ein Täterbild, das aus Afghanistan oder Syrien kommt und eine andere Verhaltensweise hat." Der Griff zum Messer sei da oft der einfachste Weg, Gewalt auszuüben.

Afghanen deutlich überrepräsentiert

Nach Angaben des hessischen Innenministeriums hatten von den Tatverdächtigen im Jahr 2016 etwa 43 Prozent die deutsche Staatsbürgerschaft. Die übrigen 57 Prozent verteilen sich demnach auf rund 60 verschiedene Nationen, von denen Türken (ca. 10 Prozent), Afghanen (ca. 7 Prozent), Syrer (ca. 4 Prozent) und Somalier (ca. 3 Prozent) die größten Gruppen bilden. Insbesondere Afghanen sind im Verhältnis zu ihrem Anteil an der hessischen Gesamtbevölkerung (0,6 Prozent) unter den Tätern also deutlich überrepräsentiert.

Wie das zu erklären ist, hat das Innenministerium bislang ebenso wenig beantworten können wie die Kriminologische Zentralstelle. Für deren Leiter Martin Rettenberger stellen sich nun Fragen: "Was sind die tatsächlichen Ursachen? Das wäre der entscheidende Punkt, um dann auch Ansatzpunkte für Prävention zu haben."

Polizei investiert in Schutzkleidung

Die Polizei hat jedenfalls längst registriert, dass auch ihre Einsatzkräfte gefährdet sind. Laut Innenministerium gab es im Jahr 2016 elf Messerangriffe auf Polizisten, im Jahr davor 15. Die Polizei will ihre Einsatzkräfte jetzt besser schützen und hat deshalb 10.000 Schnittschutzschals bestellt, die den Hals vor Stich- und Schnittverletzungen schützen sollen. 1.000 davon seien bis jetzt ausgeliefert. Außerdem sollen noch Schutzwesten beschafft werden, die nicht nur Kugeln, sondern auch Klingen abwehren.