Das Team in Riedstadt führt die Bohrungen durch.

Wie warm oder wie nass war es bei Riedstadt vor Millionen von Jahren? Bohrkerne aus bis zu 500 Meter Tiefe sollen hierzu Antworten liefern, auch für die Zukunft. So tief wurde im Oberrheingraben noch nie geforscht.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Forschungsbohrungen in Riedstadt

Bohrung Riedstadt Rohre
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Projektleiter Christian Hoselmann trägt einen weißen Helm und eine gelbe Weste. Gespannt beobachtet er, was das rund zehn Meter hohe, orangefarbene Bohrgerät neben ihm aus der Tiefe befördert. Direkt neben der B44 bei Riedstadt zieht eine Seilwinde Stück für Stück ein Metallrohr aus dem Boden. Hoselmann, der für das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) arbeitet, deutet auf das Rohr: "Das ist jetzt quasi der Moment, wo der Bohrkern aus 30 Meter Tiefe an die Erdoberfläche kommt."

Tiefste Bohrung in der Gegend

Die Bohrung in Riedstadt ist nicht die erste dieser Art. In den letzten Jahren sind bereits Böden in Viernheim, Pfungstadt, Zwingenberg, Groß-Rohrheim und Gräfenhausen erkundet worden, erzählt Heiner Heggemann, der beim HLNUG das Dezernat Geologische Grundlagen leitet.

Dennoch habe die aktuelle Bohrung bei Riedstadt einen ganz besonderen Stellenwert. Denn so tief, wie hier geplant - nämlich bis auf 500 Meter - sei bislang noch keine Bohrung im Oberrheingraben vorgestoßen. Projektleiter Christian Hoselmann ergänzt: "Es ist schon aufregend, denn wir wissen ja nicht, wie es da unten aussieht. Wir haben bisher nur eine Idee."

Besondere Einblicke in die Erdgeschichte

Im Oberrheingraben hat sich nach Angaben der Wissenschaftler das Grabensystem in den letzten 40 Millionen Jahren um mehrere Kilometer abgesenkt. Dadurch seien die Gesteinsschichten so gelagert, dass eine Bohrung von "nur" 500 Metern Tiefe Einblicke in längst vergangene Zeiten liefert. "Wir können auf die Klimaverhältnisse in Hessen etwa bis auf fünf Millionen Jahre zurückblicken", sagt Christian Hoselmann. Aufgrund der Ausprägung der Gesteinsschichten könne man Aussagen darüber treffen, wie der Klimawandel in der Vergangenheit stattgefunden hat. "Und wir können auch für die Zukunft Prognosen treffen."

Jede Gesteinsschicht erzählt eine Geschichte

Um solche Prognosen machen zu können, werden die Bohrkerne im Anschluss an die Bohrung im HLNUG in Wiesbaden aufgesägt, halbiert und untersucht. "Sand und Kies, das sind Ablagerungen, das sind verzweigte Flusssysteme, das spricht für kaltes Klima, also das war ein gefrorener Boden", sagt Hoselmann. Gesteine wie Tone und Torfe seien dagegen charakteristisch für ein warmes Klima.  

Abgesehen von Rückschlüssen auf das Klima sei es durch die Bohrung auch möglich, Aussagen über Grundwasserverläufe zu treffen. Und: Hoselmann und sein Team könnten sogar herausfinden, inwiefern es bei Riedstadt tektonische Aktivität - also Erdbeben - gibt, erzählt er. Die Ergebnisse über die Schichtungen im Boden wollen die Wissenschaftler dann nach der Auswertung als 3D-Modell darstellen - für jeden frei sichtbar im Internet.

Sendung: hr-iNFO, 14.08.2020, 8.15 Uhr.