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Audioseite Erste Aussage eines mutmaßliches "Heimu"-Opfers

Mit einem schwarzen Shirt bekleidet, verdeckt der Angeklagte sein Gesicht mit einer Computer-Schutzhülle. Ein Justizmitarbeiter steht hinter ihm. Vor ihm sind seine Anwälte.

In Limburg steht ein Mann vor Gericht, der Frauen zum Suizid gedrängt haben soll. Die Anklage wirft ihm Mord und versuchten Mord vor. Vor Gericht schildert eine Frau, wie sie sich unter seiner Anleitung fast das Leben nahm.

Die junge Frau ist sichtbar angespannt, als sie am zweiten Verhandlungstag vor dem Limburger Landgericht erscheint. Sie ist die erste Zeugin in einem Prozess, der einen erschauern lässt: Brunhold S. soll über Internet-Selbsthilfegruppen psychisch labile Frauen kontaktiert und in den Suizid getrieben haben – oder es zumindest versucht haben.

Anklage wegen Mordes und versuchten Mordes

Die Anklage wirft dem 62 Jahre alten Brunhold S. aus Löhnberg (Limburg-Weilburg) in einem Fall Mord vor, in zwei Fällen versuchten Mord. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass es ihm bei den Taten um sexuelle Befriedigung gegangen sei.

Die junge Frau, die aussagt, ist eins der mutmaßlichen Opfer, das überlebt hat. Sie tritt im Prozess als Nebenklägerin auf. Vor Gericht schildert die 29-Jährige aus Mönchengladbach in einer zweistündigen Aussage, was sie vor sechs Jahren erlebte.

"Heimu" im Chat: "Ich bin verschwiegen"

Im Jahr 2015 sei die Studentin psychisch angeschlagen gewesen. Sie erzählt: Nach einem Beinahe-Unfall auf der Autobahn habe sie Ängste entwickelt und sich psychologische Hilfe gesucht. Ihr sei eine Depression und eine Angststörung diagnostiziert worden, sie habe Antidepressiva genommen. Nur mit ihrem besten Freund habe sie über all das reden können. Doch in einer Zeit, in der er nicht gut erreichbar gewesen sei, habe sie sich in einem Selbsthilfe-Forum angemeldet.

Irgendwann habe sich ein User namens "Heimu" bei ihr gemeldet, der sich später als Alexander vorgestellt habe. Er habe ihr angeboten, ihr zuzuhören. "Ich bin verschwiegen", soll er versprochen haben. Erst habe sie ihn ignoriert, doch irgendwann sei sie doch auf den Chat mit ihm eingegangen und habe schließlich auch mit ihm telefoniert.

"Ich wollte Hilfe, keine Anleitung zum Suizid"

Am 8. November 2015 seien die beiden wieder in Kontakt gewesen, erzählt die Zeugin. Immer wieder habe der Mann gefragt, wie es ihr gehe und sie dazu gebracht, sich immer konkreter mit Suizidgedanken zu beschäftigen. "Er hat mich gefragt, wie groß der Druck sei, mich umzubringen auf einer Skala von eins bis zehn", erzählt sie. Am Anfang des Tages sei sie bei drei gewesen. Am Ende bei neun oder zehn.

"Ich habe an diesem Tag den Chat begonnen, um Hilfe zu bekommen, ich wollte keine Anleitung zum Suizid", sagt sie. Doch genau so beschreibt sie das, was in den folgenden Stunden am Telefon passiert sei. Immer wieder soll "Alexander" das Gespräch auf vermeintlich schnelle, schmerzlose Suizidmethoden gebracht haben. Er habe zum Beispiel über "Wunderpillen" gesprochen und sie dann gefragt, ob sie einen Ledergürtel zu Hause habe.

Am Telefon genaue Anweisungen gegeben

Erst habe sie abgeblockt, erzählt sie. Aber irgendwann habe sie den Gürtel geholt. "Warum weiß ich nicht", sagt sie. Dann beschreibt sie, wie der Mann am Telefon ihr immer genauere Anweisungen gegeben habe. Als sie schließlich mit dem Gürtel um den Hals auf einem Stuhl stand, habe er mit merkwürdiger hohen Stimme gefragt: "Willst du es nicht auch?"

Nein, das wollte sie nicht, das sei ihr mit einem Mal sehr bewusst geworden. Sie habe plötzlich wahrgenommen, wo sie sich da gerade befand. "Dann komm halt runter", habe der Mann am Telefon dann gesagt – und dabei irgendwie enttäuscht gewirkt.

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Hilfe bei seelischen Krisen

Wenn Sie verzweifelt sind und in einer bedrückenden Lebenssituationen keinen Ausweg sehen: Suchen Sie sich Hilfe bei anderen Menschen. Das kann ein Gespräch mit Familienangehörigen oder Freunden sein. In seelische Krisen könne man immer wieder mal geraten, das sei nichts Unnormales, sagen Psychologen. Deshalb gibt es Hilfe und professionelle Beratungsangebote. Hier können Sie auch anonym bleiben. Die Telefonseelsorge ist zu jeder Tages- und Nachtzeit unter der Rufnummer 0800/1110111 erreichbar.

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Komplexe juristische Frage

Vor Gericht wird es in den nächsten Monaten um die komplexe juristische Frage gehen, welchen Einfluss der Angeklagte möglicherweise auf den freien Willen der betroffenen Frauen hatte. In wie weit konnten sie noch rational selbst entscheiden? Die Verteidigung stellte in diese Richtung gezielte Fragen an die Zeugin, etwa als es darum ging, ob sie an einer Stelle am Telefon bewusst gelogen habe.

Wie bisher saß S. die ganze Zeit ohne jede Regung auf der Anklagebank. Unter seiner Maske war keine Mimik erkennbar, auch mit seinen beiden Anwälten tauschte er sich nicht aus. Am ersten Prozesstag hatte er angekündigt, sich im Laufe der Verhandlung äußern zu wollen. Wann es so weit ist, steht noch nicht fest.

Bereits 2017 wurde S. vom Landgericht Gießen wegen eines ähnlichen Vorwurfs zu sieben Jahren Haft verurteilt. Der Prozess in Limburg wird noch bis ins nächste Jahr dauern.

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