Rückenansicht der 73-Jährigen Angeklagten an der Seite ihres Anwalts.

Vor gut einem Jahr hat das Hanauer Landgericht eine Sektenanführerin wegen Mordes an einem Vierjährigen zu lebenslanger Haft verurteilt. Jetzt wird auch der Mutter des Jungen der Prozess gemacht.

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"Gruselig" sei das, was sich da abgespielt habe, erklärte der Vorsitzende Richter Peter Grasmück in der Urteilsbegründung vor gut einem Jahr. Ab diesem Dienstag beschäftigt sich das Hanauer Landgericht erneut mit dem Fall des toten Jan: Am 17. August 1988 wurde der Vierjährige in einen Leinensack gesteckt, der über seinem Kopf verschnürt wurde. Darin erstickte der Junge an seinem Erbrochenen. Sylvia D. hatte ihn seinem Schicksal überlassen - weshalb Richter Grasmück die 74-Jährige im vergangenen September zu lebenslanger Haft verurteilte.

"Obwohl der Junge geschrien hat und Panik zum Ausdruck gebracht hat, hat sie ihn in dem Sack gelassen, ihn nicht rausgeholt", sagte Oberstaatsanwalt Dominik Mies damals. Dem Ankläger fielen außerdem während des Prozesses Details in Zeugenaussagen auf: So hatte die Mutter des Jungen ausgesagt, sie habe ihr Kind in den Sack gesteckt und so in die Obhut Sylvia D.s gegeben.

"Tod des Kindes mindestens billigend in Kauf genommen"

Die Hanauer Staatsanwaltschaft erhob deshalb Anklage gegen Claudia H., die einen Tag nach dem Urteil gegen Sylvia D. in Leipzig festgenommen wurde. Oberstaatsanwalt Mies wirft der Mutter Beteiligung an einem gemeinschaftlichen Mord vor. Denkbar sei aber auch Beihilfe zum Mord.

Indem sie ihren in den Leinensack verschnürten Sohn in die Obhut Sylvia D.s gab, habe sie seinen Tod mindestens billigend in Kauf genommen, heißt es in der Anklage. Denn der 60-Jährigen sei bewusst gewesen, dass Sylvia D. nach dem Leben des Jungen trachtete.

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Rückenansicht der 73-Jährigen Angeklagten an der Seite ihres Anwalts.
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Sylvia D. gilt als Anführerin einer Sekte. 20 bis 40 Menschen versammelten sich um sie - teilweise bis heute. Sie glauben, dass Sylvia D. Nachrichten von Gott erhalte. Sie gibt vor, was innerhalb der Gemeinschaft zu tun ist - unter anderem die Erziehung des kleinen Jan, wie dessen Mutter im Prozess gegen Sylvia D. kühl und nüchtern erklärte: Ihr Sohn sei schwierig gewesen, gar boshaft, und habe einiges an Erziehung benötigt. D. sah das Kind gar "vom Dunklen besessen" und als "Reinkarnation Hitlers" an. Als eine Erziehungsmethode sah die Sektenchefin vor, den Jungen in Säcke zu stecken.

Tod sollte wie Unfall aussehen

Der Tod des Jungen sah 1988 für Notärzte und Polizei nach einem Unfall aus. Erst 2015 wurde der Fall neu aufgerollt, nachdem sich Sektenaussteiger an die Öffentlichkeit gewandt hatten. Einer der Aussteiger, ein Sohn der Sektenanführerin, berichtete dem hr damals, dass die Erwachsenen den Tod wie einen Unfall aussehen lassen wollten.

Weitere Sektenaussteigerinnen und -aussteiger berichteten, dass auch andere Kinder immer wieder in Säcke gesteckt und misshandelt worden seien. Den kleinen Jan habe es aber wohl am schlimmsten getroffen.

15 Verhandlungstage angesetzt

Dass dessen Tod Mord war, hat das Hanauer Landgericht vor gut einem Jahr entschieden. Sylvia D. legte Revision ein, so dass sich der Bundesgerichtshof mit dem Fall befassen wird.

Die Richterinnen und Richter in Hanau wollen nun in zunächst 15 Verhandlungstagen klären, ob der kleine Jan auch von seiner Mutter ermordet wurde. Kurz vor Weihnachten könnte ein Urteil fallen.

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