Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mord an Wirtschaftsminister Karry jährt sich

Der damalige hessische Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry vor dem Hessischen Ministerium für Wirtschaft und Technik

Vor 40 Jahren wurde Hessens Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Karry in seinem Frankfurter Wohnhaus im Schlaf erschossen. Bis heute sind die Mörder des FDP-Politikers noch nicht gefunden.

Die Täter kamen im Morgengrauen: In einer warmen Frühsommernacht lehnten sie am 11. Mai 1981 gegen 5 Uhr morgens eine Aluminiumleiter an das Haus des hessischen Wirtschaftsministers und FDP-Bundesschatzmeisters Heinz-Herbert Karry in der Hofhausstraße im Frankfurter Stadtteil Seckbach. Durch das offene Fenster gaben sie mehrere Schüsse auf den schlafenden Politiker ab. Einer davon verletzte eine lebenswichtige Arterie in der Bauchgegend so schwer, dass der 61-Jährige kurz darauf im Krankenhaus starb.

Weitere Informationen

Wer war Heinz-Herbert Karry?

  • Geboren am 6. März 1920 in Frankfurt am Main.
  • In der NS-Zeit wird sein Vater Max Karry als Jude ins Konzentrationslager deportiert, Heinz-Herbert Karry kommt in ein Zwangsarbeitslager.
  • Nach dem Krieg macht sich Karry in Frankfurt als Kaufmann im Textilgroßhandel selbstständig, wird zeitweilig Deutschlands größter Schuhimporteur. 1949 tritt er in die FDP ein.
  • 1958 wird der Finanzexperte zum FDP-Landesschatzmeister gewählt, 1974 zum Bundesschatzmeister.
  • 1960 bis 1972 stellvertretender Stadtrat für Frankfurt am Main-Bornheim.
  • 1960 erstmals Einzug in den hessischen Landtag, ab 1968 Vorsitzender der FDP-Fraktion.
  • Von Dezember 1970 bis April 1981 prägte Karry als Minister und Vize-Regierungschef im Bündnis mit der SPD die hessische Landespolitik.
  • Karry galt als außerordentlich volkstümlicher Politiker, der auch einmal eine Schallplatte in seinem typischen Frankfurter Tonfall besang.
  • Am 11. Mai 1981 wird der damals 61-Jährige in den frühen Morgenstunden in seinem Haus in Frankfurt-Seckbach durch das offene Fenster erschossen. Die Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt.
  • Hessen trauerte unter anderem mit einem Staatsakt in der Frankfurter Paulskirche und einem Schweigemarsch durch die Frankfurter Innenstadt
Ende der weiteren Informationen

Der erste Mord an einem amtierenden deutschen Minister in der Nachkriegszeit ist 40 Jahre danach noch immer nicht aufgeklärt. Zum Jahrestag des Attentats würdigten Politkerinnen und Politiker Karry als Vorbild und wirtschaftspolitischen Vordenker. "Heinz Herbert Karry trat aus tiefster Überzeugung für eine Politik der Mitte und für die Marktwirtschaft ein", erklärte die FDP-Landesvorsitzende Bettina Stark-Watzinger. Er habe früh Kontakte nach China geknüpft und erkannt, wie bedeutend eine gute Infrastruktur im Allgemeinen und der Frankfurter Flughafen im Besonderen für die wirtschaftliche Entwicklung Hessens seien.

Auch Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) würdigte Karry als "leidenschaftlichen Demokraten, der unser Land geprägt hat". "Sein Bild einer freien Gesellschaft fußte auf einem starken Wertefundament, das durch seine schlimmen Erfahrungen im Nationalsozialismus geprägt war", erklärte Bouffier. "Der unbedingte Wille, dass es Generationen nach ihm einmal besser gehen sollte, war sein Antrieb."

Nur wenige konkrete Hinweise auf mögliche Täter

Umso schwerer wiegt es, dass die Täter bis heute nicht identifiziert werden konnten. Konkrete Hinweise in dem Mordfall hatte es nur wenige gegeben. Da war zum einen das einige Wochen nach der Tat aufgetauchte Bekennerschreiben der "Revolutionären Zellen", in dem es hieß, der Tod des FDP-Politikers sei gar nicht beabsichtigt, sondern ein Unfall gewesen. Man habe den "Türaufmacher des Kapitals" nicht umbringen, sondern lediglich daran hindern wollen, "seine widerlichen und zerstörerischen Projekte weiter zu verfolgen".

Spurensicherung im Garten der Villa in Frankfurt-Seckbach. Rechts die Leiter, die bei dem Anschlag verwendet wurde.

Karry betrieb als zuständiger Minister nicht nur den heftig umstrittenen Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen. Er bekannte sich auch zum Ausbau der Kernenergie und dem Bau von Autobahnen - und wurde so zum Feindbild für radikale Linke.

Karrys damaliger "Chef" als hessischer Ministerpräsident, der SPD-Politiker Holger Börner (1931-2006), war sich sicher, dass die Mörder seines damaligen Stellvertreters im Kabinett "aus dem militanten Umfeld der Startbahn West kamen". Im Gegensatz zu dem leutseligen Liberalen habe er sich immer selbst geschützt, betonte Börner, und sei nicht einmal zwei Tage hintereinander den selben Weg gefahren. Karry, dessen Haus in Seckbach Freunden immer offenstand und zu jedem "Wäldchestag" am Dienstag nach Pfingsten Ort einer kleinen Feier im Partykeller war, hatte dagegen eine lückenlose Bewachung abgelehnt.

Tatwaffe in einer Kaserne erbeutet

Ob das Bekennerschreiben der "Revolutionären Zellen" echt war, wurde nie mit letzter Sicherheit geklärt. Allerdings gab es noch zwei weitere konkrete Hinweise in diese Richtung. So stammte die Tatwaffe aus dem Einbruch in eine US-Kaserne im mittelhessischen Kirchgöns, bei dem im November 1970 fünf Schusswaffen erbeutet worden waren.

Mit einer davon wurde Karry getötet, eine andere wurde beim Überfall auf den Amsterdamer Flughafen Schiphol sichergestellt, eine dritte bei der Festnahme eines Mitglieds der "Bewegung 2. Juni" in Hamburg. 1973 soll die Tatwaffe einmal mit einem Auto transportiert worden sein, das der spätere Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) Hans-Joachim Klein für Reparaturzwecke gegeben hatte.

Mysteriöser Hinweis vom Terroristen Klein

Im Prozess gegen Klein, der 1975 als Terrorist am OPEC-Attentat in Wien beteiligt war, schien dann im Jahr 2000 erstmals wirklich Licht in den Fall zu kommen. In dessen Verlauf beschuldigte ein ehemaliges Mitglied der "Revolutionären Zellen" zwei weitere frühere Angehörige der Organisation namentlich des Mordes an Karry.

Die Bundesanwaltschaft bewertete die Aussage zwar zunächst als in sich schlüssig, doch das Ermittlungsverfahren gegen die beiden wurde 2002 wieder eingestellt. Zum einen stützte sich die sie belastende Aussage auch nur auf Wahrnehmungen vom Hörensagen vier bis fünf Jahre nach der Tat. Zum anderen aber - und das war das Entscheidende - konnte ein von der obersten Anklagebehörde selbst in Auftrag gegebenes Gutachten den Tatverdacht nicht erhärten.

Videobeitrag

Video

zum Video Karrys Hinterbliebene zweifeln Ermittlungen an (hessenschau, Mai 2020)

Die Witwe Maria Karry mit Sohn Ronald Karry während der Beerdigung am 15. Mai 1981 in Frankfurt am Main am Grab.
Ende des Videobeitrags

Sohn Ronald Karry sieht in der nicht aufgeklärten Tat "Staatsversagen". Er glaubt, die Hintergründe zum Mord an seinem Vater sollten vertuscht werden. "Ich nehme an, dass es nicht bekannt werden soll", sagte Roland Karry vor einem Jahr im hr-Interview. Karry war Schatzmeister der Bundes-FDP. Sein Sohn vermutet eine Verbindung zur damaligen Parteispendenaffäre im Zusammenhang mit dem Industriellen Friedrich Karl Flick. Mit Karry sei jemand gefunden worden, "dem man das in die Schuhe schieben konnte".

Sendung: hr-iNFO, 11.05.2021, 06.00 Uhr