Eine Spritze liegt an eine Ampulle mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca gelehnt. (AFP)

Astrazeneca hat es schwer in der Gunst der Impfwilligen. Das Präparat hat ein Imageproblem wegen seiner Nebenwirkungen. Das führt dazu, dass Impftermine nicht wahrgenommen werden. In Impfzentren wollen manche verhandeln, andere feinden die Ärzte an.

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hessenschau vom 09.04.2021
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In Hessen lehnen immer mehr impfberechtigte Menschen eine Impfung mit Astrazeneca ab. Aus Impfzentren im Land ist vermehrt zu vernehmen, dass es Diskussionen und Ärger gibt. Impflinge wollen den ihnen zugeteilten Wirkstoff nicht akzeptieren und beschweren sich. Nicht selten platzen geplante Injektionen und der reibungslose Ablauf wird gestört.

Der Landkreis Darmstadt-Dieburg berichtete am Freitag, dass sogar bis zu 50 Prozent der Termine mit Astrazeneca zurzeit nicht wahrgenommen würden. "Bei allen Vorbehalten gegenüber diesem Impfstoff und den Bedenken, die sehr viele Menschen haben, ist es sehr ärgerlich, wenn Personen einfach nicht zu ihrem Impftermin erscheinen und gleichzeitig viele Menschen keinen Termin erhalten", sagte der Leiter des Corona-Krisenstabs des Landkreises, Rainer Leiß.

Ministerium: Kein Impfstoff verwerfen

Ein Sprecher des Innenministeriums bestätigte, dass es Probleme mit der Akzeptanz von Astrazeneca gibt: Es gebe immer wieder mal Hinweise im Land, dass Termine nicht realisiert würden. Das komme durchaus "häufiger" vor.

Die Impfzentren sind laut Ministerium angehalten, frei gewordene Termine über Nachrückerlisten zu besetzen. Mittlerweile könne auch die Terminvergabe des Landes recht kurzfristig reagieren. Wichtig sei, dass kein Impfstoff verworfen werde, weil er nicht rasch genug verabreicht werden konnte, sagte der Sprecher. Eine Wahlmöglichkeit des Impfstoffs gebe es nicht.

Astrazeneca in die Kritik geraten

Das Präparat von Astrazeneca ist wegen seiner Nebenwirkungen in die Kritik geraten. In der Deutschland soll es nicht bei Menschen unter 60 Jahren eingesetzt werden. Grund dafür sind seltene Fälle von Thrombosen, die vor allem jüngere Frauen betreffen. Die Häufigkeit gemeldeter Zwischenfälle mit Blutgerinnseln im Gehirn treten mit ungefähr 1 zu 100.000 auf.

Die EU-Arzneimittelbehörde EMA hatte sich am Mittwoch dennoch für eine uneingeschränkte Nutzung des Impfstoffs ausgesprochen. Der Nutzen des Wirkstoffes sei höher zu bewerten als die Risiken. Zuvor hatte es ein aufsehenerregendes Hin und Her um das Vakzin gegeben.

Impftermine verfallen in ganz Hessen

Dieses Hin und Her löste nicht nur in Südhessen Misstrauen bei Impfwilligen aus. Auch der Kreis Gießen berichtet von nicht wahrgenommenen Terminen. "Rund 30 Prozent der Impftermine mit Astrazeneca fallen hessenweit derzeit aus", so der Kreis. Die Gründe dafür seien vielfältig. "Teilweise kommen Personen nicht zur Impfung, ohne den Termin abzusagen, weil sie den Impfstoff nicht möchten oder bereits in Arztpraxen oder Zuhause geimpft wurden."

Auch der Vogelsbergkreis berichtet von vornehmer Zurückhaltung seitens Impflingen gegenüber Astrazeneca. Zuletzt sei es immer wieder zu Absagen oder nicht wahrgenommenen Terminen bei Impfangeboten gekommen. Etwa 15 Prozent der Termine seien somit zunächst ungenutzt geblieben und mussten neu vergeben werden.

Der Kreissprecher erklärte: Die Diskussionen vor Ort über den Impfstoff nähmen "einen immer größeren Raum ein und verzögern in einzelnen Fällen auch die Abläufe des Impfzentrums. In einigen Fällen berichten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von persönlichen Anschuldigungen". Das Problem: "Sehr viele auf Astrazeneca gebuchte Impfwillige versuchen durch Verhandlungen einen anderen Impfstoff zu bekommen."

Impfstoff-Wechsel nur begründet möglich

Ein Wechsel auf einen anderen Impfstoff ist übrigens nicht ganz unmöglich - zumindest im Vogelsberg. Der Wechsel-Wunsch muss aber schriftlich mit Unterlagen und Nachweisen begründet dargelegt werden. "Erst nach Prüfung durch den ärztlichen Leiter des Impfzentrums sowie zwei Amtsärzten des Gesundheitsamtes kann dann eine Entscheidung getroffen werden", erklärte der Kreissprecher das Prozedere.

Wenn eine medizinische Begründung für einen Impfstoff-Wechsel nicht vorliegt, müssen sich die Impfwilligen entscheiden: Das Angebot annehmen - oder eben nicht. 

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 09.04.2021, 19.30 Uhr