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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wiesbaden organisiert Rettung nach Brückensperrung neu

Die abgesperrte Salzbachtalbrücke bei Wiesbaden

Für Verkehrsminister Al-Wazir ist mit der Sperrung der Wiesbadener Salzbachtalbrücke "passiert, was nie passieren sollte". Kritik der Opposition an einer Mitverantwortung der Regierung wies eine Grünen-Sprecherin zurück. Al-Wazir habe vielmehr die Unterfinanzierung beendet.

Die Worte werden schärfer. So, wie sie in einem Stau auch schon mal schärfer werden, wenn man als Autofahrer gefühlte Ewigkeiten steht, ohne voranzukommen - vor allem, wenn man seit einer mindestens ebenso gefühlt langen Ewigkeit um die Problematik wusste, die diesen Stau verursacht.  

Am Dienstag, nach einigen Tagen Verkehrschaos in und um Wiesbaden, sagt der Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) dem Wiesbadener Kurier: "Das ist wirklich eine Katastrophe. Jetzt ist das passiert, was nie passieren sollte." Die Sperrung der Salzbachtalbrücke bezeichnete er als den "größten anzunehmenden Unfall für die Mobilität in und um Wiesbaden". 

Zuvor war am vergangenen Freitag bekannt geworden, dass sich der Überbau der Brücke zwischen Wiesbaden und Frankfurt um 30 Zentimeter abgesenkt hatte und Betonbrocken auf die unter der Brücke hindurchführende Bundesstraße gefallen waren. Die Brücke, ein wichtiges Teilstück der A66 wurde seitdem auf unbestimmte Zeit gesperrt. Auch die darunterliegende B263 ist wegen der Einsturzgefahr der Brücke gesperrt, Bahnen nach Wiesbaden Hauptbahnhof können nicht ihren Zielbahnhof anfahren.

Wird Brücke gesprengt?

Al-Wazir sagte der Zeitung, die Autobahn GmbH des Bundes arbeite fieberhaft daran, den Schaden einzuschätzen. Die Experten könnten aber nicht sagen, wie lange die Vollsperrung dauern wird, weil der Zustand des Südteils der Brücke unklar sei.

Klar sei hingegen, dass die am einfachsten erscheinende Lösung nicht am einfachsten durchzuführen sei: eine Sprengung. "Würde man die Brücke sprengen, könnte in Mitleidenschaft gezogen werden, was unter der Brücke ist", sagte Al-Wazir. Darunter liegen Straßen, Bahngleise und ein Klärwerk.

Brücke nur für 20.000 Fahrzeuge gebaut

"Ich bin trotzdem dafür, dass die Autobahn GmbH in dieser Notsituation ernsthaft auch über einen schnelleren Abriss bis hin zur Sprengung nachdenkt", sagte Al-Wazir. Vielleicht ließen sich die Sommerferien ab 19. Juli für den schnellen Abriss nutzen. 

Die Salzbachtalbrücke wurde 1963 als sogenannte Südumgehung Wiesbaden eröffnet. Die Teilbrücken Nord und Süd waren für eine Belastung von rund 20.000 Fahrzeugen ausgelegt und mussten seit 1985 immer wieder verstärkt werden, weil der tägliche Verkehr die ursprünglich geplante Belastung deutlich überstieg. Bis zur Sperrung der Brücke fuhren zuletzt rund 80.000 Pkw jeden Tag über die Brücke.

FDP: "Situation noch dramatischer als befürchtet"

Am Mittwochnachmittag befasste sich der Verkehrsausschuss im Landtag mit dem Thema. Die Opposition fällte ein vernichtendes Urteil: "Die Situation an der Salzbachtalbrücke ist noch viel dramatischer, als wir ohnehin schon befürchtet hatten", sagte der verkehrspolitische Sprecher der FDP, Stefan Naas. Zudem seien die 14-tägigen Routinekontrollen eingestellt worden, nachdem der Südteil der Brücke abgesperrt wurde, kritisierte der FDP-Politiker. Der Schaden sei erst durch aufmerksame Passanten bemerkt worden.

Der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Tobias Eckert, kritisierte die überlange Dauer der Planungs- und Vorbereitungsarbeiten für den Neubau der Salzbachtalbrücke. "Seit 2009 ist bekannt, dass die Brücke marode ist und dringend erneuert werden muss. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2021, und statt eines Neubaus steht über dem Salzbachtal heute eine einsturzgefährdete Ruine, die das Rhein-Main-Gebiet an den Rand des Verkehrskollapses führt."

Linke: "Jahrzentelange Investitionsschwäche"

Kritik gab es auch von Seiten der Linken. "Das Desaster um die Salzbachtalbrücke wirft ein Schlaglicht auf die Versäumnisse der letzten Jahre und Jahrzehnte", sagte Jan Schalauske, Vize-Vorsitzender der Linksfraktion. Die Probleme seien in erster Linie kein Management-Problem, sondern Ausdruck jahrzehntelanger Investitionsschwäche in die öffentliche Infrastruktur in Hessen und Deutschland insgesamt.

Der AfD-Abgeordnete Klaus Gagel sagte, die marode Brücke sei ein Symptom für eine jahrzehntelange falsche und unterdimensionierte Verkehrs- und Infrastrukturpolitik der jeweils Regierenden. "In einem Land, in dem für Migration und sogenannten Klimaschutz mehr Geld ausgegeben wird, als für lebenswichtige Infrastruktur, steht die baufällige Salzbachtalbrücke stellvertretend für einen Offenbarungseid falscher Verkehrspolitik", sagte Gagel.

Grüne sehen Schuld bei Vorgängerregierungen

Die Sprecherin der Grünen für Straßenbau, Katy Walther, verteidigte den grünen Verkehrsminister und sah die Schuld eher bei Vorgängerregierungen: "Über Jahrzehnte ist zu wenig in den Erhalt der Infrastruktur investiert worden. Das hat sich erst mit dem Credo 'Sanierung vor Neubau' des aktuell zuständigen Ministers geändert."

Auch die CDU betonte, dass die jetzige Landesregierung alle Vorkehrungen getroffen habe. Ihr wirtschaftspolitischer Sprecher Heiko Kasseckert sagte: "Es ist für uns nicht erkennbar, dass zu irgendeinem Zeitpunkt seit dem erkennbaren Sanierungsaufwand der 1963 errichteten Brücke seitens der Landesregierung Verzögerungen eingetreten sind." Die Expertise der Fachleute unterstreiche, dass alle Sicherheitsprüfungen und Vorkehrungen eingehalten worden seien.

Ursprünglich sollte die marode Salzbachtalbrücke vom Frühjahr 2019 an neu gebaut werden und bis 2022 abgeschlossen sein. Doch schon der Baubeginn verzögerte sich: Bei Vorbereitungen im Sommer 2018 montierte eine Firma eine Transportschiene am nördlichen Brückenteil falsch und beschädigte dadurch das Bauwerk. Dabei wurden Spannglieder aus Stahl an- oder durchgebohrt. Auch danach kam es immer wieder zu Verzögerungen.

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Wiesbaden organisiert Rettung neu

Wegen der vielen Staus in Wiesbaden als Folge einer gesperrten Autobahnbrücke organisiert die Stadt Wiesbaden die Einsätze von Feuerwehr und Rettungsdienst neu. Damit soll eine schnelle Hilfe auch bei verstopften Straßen gewährleistet werden, wie die Stadt am Mittwoch mitteilte.

Die aktuelle Verkehrslage werde in der Zentralen Leitstelle laufend beobachtet. Der Lagedienst der Feuerwehr entscheide dann bei jedem Einsatz, ob von den üblichen Standardeinsatzplänen und -routen abgewichen wird, um die Einsatzstelle schnellstmöglich erreichen zu können, erläuterte ein Feuerwehrsprecher. Zudem wurden Einsatzfahrzeuge zu anderen Standorten der Berufsfeuerwehr gebracht, um auch bei Staus in allen drei Wachbezirken jederzeit Schutz gewährleisten zu können, wie die Stadt mitteilte. Die Feuerwehr appellierte an die Bürgerinnen und Bürger, bei Stau eine Gasse für die Einsatzfahrzeuge offen zu halten: "Das betrifft nicht nur Autobahnen oder mehrspurige Straßen, sondern auch Straßen in der Innenstadt."

Sollte sich die Verkehrslage auf längere Dauer als schwierig gestalten, sei es vorstellbar, an einer oder mehreren Stellen im Stadtgebiet während der verkehrsstarken Zeiten eine mobile Wache einzurichten, teilte die Stadt mit.

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