Taliban auf einem Markt in Kabul.

Ein junger Mann aus dem Odenwald sitzt derzeit mit seiner Familie in Kabul fest - wegen der Taliban sieht er keinen Ausweg. Er würde das Land gerne verlassen, doch Hilfe aus Deutschland kommt nicht.

Einmal hält Amir [Name von der Redaktion geändert] seinen deutschen Pass in die Kamera, als er per Skype mit dem Hessischen Rundfunk spricht. Aber sonst hält er den Pass lieber versteckt, zusammen mit den anderen deutschen Papieren. Sie könnten ihn in Gefahr bringen. Er hat es neulich erlebt, bei einer Straßenkontrolle der Taliban in Kabul.

Als die Taliban-Kräfte seinen deutschen Pass gefunden hatten, beschimpften sie ihn als Ungläubigen und schlugen ihm und seinem Vater mit der Faust ins Gesicht. So berichtet es Amir dem hr.

Unbekannte durchsuchten Elternhaus

Amir ist 23 Jahre alt, wohnt in Fürth im Odenwald (Bergstraße) und studiert Medizin. Er ist vor zehn Jahren nach Hessen gekommen, hat in Fürth die Realschule besucht und in Darmstadt Abitur gemacht, wie er sagt. Wie so oft in den vergangenen Jahren hat er auch diesmal in den Semesterferien seine Eltern und Schwestern in Kabul besucht. Doch diesmal sitzt er fest.

Dass die Taliban in so kurzer Zeit das ganze Land erobern würden, habe ihn völlig überrascht. "Damit hat keiner gerechnet", sagt Amir. Vor zwei Wochen sei auch sein Elternhaus in Kabul durchsucht worden. Von wem genau, wisse er nicht. "Das ist nicht wie in Deutschland, wo sich die Polizisten mit Ausweis vorstellen."

Vater arbeitete für internationale Organisationen

Er geht davon aus, dass es Taliban waren. Sie hätten viele Dokumente mitgenommen. Sein Vater habe über 20 Jahre lang für internationale Organisationen in Afghanistan gearbeitet. Doch weder für ein US-Visum noch für die Aufnahme auf die Ausflugsliste eines anderen Landes erfülle er die Kriterien. Seit der Durchsuchung hält sich die Familie - Amir, seine Eltern, seine zwei jüngeren Schwestern - im Haus eines Bekannten versteckt.

Liebend gern würde er nach Deutschland zurückkehren, erzählt Amir. Aber wie? Deutschland und die anderen westlichen Staaten fliegen im Moment niemanden aus. Zwar erklärt die Bundesregierung, sie arbeite "intensiv an Lösungen, um Menschen, für die Deutschland besondere Verantwortung trägt, bei der sicheren Ausreise aus Afghanistan zu unterstützen". Aber was das für ihn und seine Familie konkret bedeutet und ob sich seine Angehörigen überhaupt Hoffnungen auf eine Ausreise machen könnten, weiß Amir nicht.

Warten auf das Auswärtige Amt

Manchmal bekommt er Mails vom Krisenreaktionszentrum des Auswärtigen Amts, den "Landsleutebrief" an alle Deutschen in Afghanistan. Doch der hilft ihm nicht weiter.

Am Mittwoch mahnte das Auswärtige Amt die ausreisewilligen Deutschen, sich auf einer bestimmten Internetseite zu registrieren. Nur dann würden sie persönlich kontaktiert. Doch das hat Amir nach eigener Aussage längst getan. Auf Nachricht wartet er bislang.

Auch die Notfallhotline des Auswärtigen Amtes hat er schon angerufen. Er landete in einer Warteschleife und hing dort so lange fest, bis sein Telefon-Guthaben aufgebraucht war, wie er berichtet. Amir ist enttäuscht von der Bundesregierung, seiner Regierung. Wenigstens einen Anruf des Auswärtigen Amtes würde er sich wünschen. "Aber da kam bisher nichts. Das kann doch nicht wahr sein", sagt er.

Einmal das Versteck verlassen

Auch die Landtags- und Bundestagsabgeordneten aus seinem Heimatkreis Bergstraße habe er angeschrieben und um Hilfe gebeten, sagt Amir. Nur einer habe bisher geantwortet und versprochen, beim Auswärtigen Amt nachzuhaken. Gebracht hat es offenbar nichts.

Auf der Internet-Seite des Auswärtigen Amtes steht ein Versprechen an alle Deutschen in Afghanistan: "Sie werden zu Ausreisemöglichkeiten von uns kontaktiert." Ob und wann das erfüllt wird - Amir weiß es nicht. Sich allein zur nächsten Grenze durchschlagen, nach Pakistan, das will er nicht. Zu gefährlich, sagt er. Einmal sei er noch draußen gewesen, seit er sich versteckt habe, um bei der pakistanischen Botschaft ein Visum zu erbitten - vergeblich. Er will auch seine Familie nicht zurücklassen. Denn auch die sei in Afghanistan nicht sicher, glaubt Amir.

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