Ministerpräsident Volker Bouffier (rechts) hat Michael Boddenberg (beide CDU) zum neuen Finanzminister des Landes ernannt.

"Er kann aus dem Stand den Herausforderungen begegnen": Ministerpräsident Volker Bouffier hat Michael Boddenberg zum neuen Finanzminister gemacht. Der bisherige CDU-Fraktionschef wird in der Corona-Krise Nachfolger des verstorbenen Thomas Schäfer.

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Der bisherige CDU-Landtagsfraktionschef Michael Boddenberg ist neuer Finanzminister von Hessen. Der 60 Jahre alte Frankfurter tritt die Nachfolge von Thomas Schäfer (CDU) an, der am Samstag starb. Schäfer hatte das Amt seit 2010 innegehabt. Boddenberg wurde am Dienstagmittag auf einer Video-Pressekonferenz in der Wiesbadener Staatskanzlei vorgestellt. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) überreichte ihm dabei bereits die Ernennungsurkunde - aufgrund der Corona-Ansteckungsgefahr ohne den sonst üblichen Handschlag.

Bouffier sagte, Boddenberg sei angesichts der zu treffenden "schweren Entscheidungen von großer finanzieller Tragweite" jetzt der richtige Mann, um Schäfers Arbeit fortzuführen. In ihm habe er jemanden gefunden, der "persönlich wie fachlich quasi aus dem Stand heraus diesen Herausforderungen begegnen kann".

Appell zu neuer Solidarität

Dabei wies der Regierungschef auf Sachverstand, Durchsetzungskraft und Erfahrung hin, die der 60-Jährige mitbringe. Boddenberg kenne sich bestens in der Finanz- und Wirtschaftspolitik aus, aber auch in der Kommunal- und Landespolitik sowie der Zusammenarbeit Hessens mit den anderen Ländern und dem Bund. All das sei nun besonders gefragt. Er sei deshalb dankbar, dass Boddenberg zugesagt hat.

Der neue Minister räumte auf Nachfrage ein, er habe vor dieser Zusage eine schlaflose Nacht und eigentlich eine andere Lebensplanung gehabt. Nun werde er sich rund um die Uhr und mit ganzer Kraft einsetzen, die "historische Herausforderung" der Covid-19-Pandemie für Hessen und seine Bürger zu bewältigen. "Ich schaue mit der Erwartung nach vorne, dass wir diese Krise meistern können." Das werde Zeit brauchen und viel Arbeit bedeuten. Aber es werde gelingen, wenn die Gesellschaft jetzt eine neue Solidarität entwickele.

Sondersitzung des Landtags

Wegen der drängenden Probleme in Folge der Corona-Krise hatte Bouffier am Montag die rasche Ernennung eines neuen Finanzministers angekündigt. Der Landtag soll deshalb noch am Freitag zu einer Sondersitzung zusammenkommen. Dann wird Boddenberg vereidigt.

Der bisherige Amtsinhaber Schäfer starb im Alter von 54 Jahren. Die Ermittler gehen von Suizid aus. Seinen verstorbenen Amtsvorgänger hatte Boddenberg in einem Nachruf als "großartigen Kollegen" und "vertrauensvollen Freund“ gewürdigt, den er schon jetzt sehr vermisse. Bei seiner Ernennung wiederholte er dies und sprach von "den großen Spuren" die Schäfer als einer der besten Finanzminister Hessens hinterlassen habe.

Noch nicht die Zeit zum Innehalten

Ministerpräsident Bouffier betonte: "Jetzt wäre eigentlich geboten, inne zu halten und seiner zu gedenken." Aber nun sei es besonders wichtig, die Handlungsfähigkeit der Landesregierung zu gewährleisten. Darauf wiesen auch die Grünen als Koalitionspartner der CDU hin. Sie begrüßten die Ernennung Boddenbergs. Grünen-Fraktionschef Mathias Wagner, der eng mit dem bisherigen CDU-Fraktionschef zusammengearbeitet hat, nannte diesen eine "hervorragend geeignete Persönlichkeit".

Glückwünsche kamen auch von der Opposition. FDP-Fraktionschef René Rock bot konstruktive Zusammenarbeit an, "um die Krise gemeinsam zu bewältigen". Ähnlich äußerte sich die SPD-Fraktionsvorsitzende Nancy Faeser. Wenn Boddenberg jetzt parteiübergreifenden Konsens in wichtigen Fragen suche, werde ihre Fraktion sich nicht verweigern. Der CDU-Politiker sei erfahren, zuverlässig und ausgleichend, er habe "das Potenzial zum soliden Finanzminister".

Nachfolge in der Fraktion zu regeln

Linken-Fraktionschefin Janine Wissler wünschte Boddenberg ein "glückliche Hand für die anstehenden Entscheidungen". Trotz erheblicher inhaltlicher Differenzen habe man ihn im Parlament als jemanden kennengelernt, mit dem man fair und verlässlich zusammenarbeiten könne.

Wer neuer Vorsitzender der CDU im Landtag wird, stand am Dienstagmittag laut Bouffier nicht fest. Er werde Ende der Woche einen entsprechenden Vorschlag machen. "Im Moment muss ich da noch Gespräche führen." Bouffier ist Landeschef der CDU, die als größte Fraktion im Landtag 40 Abgeordnete stellt. Boddenberg war seit 2014 Fraktionschef.

"Hessen ist ein starkes Land"

Vor einer Woche, als der Landtag als Reaktion auf die Corona-Krise eilig einen Nachtragshaushalt mit zwei Milliarden Euro Soforthilfen für Selbstständige beschloss, hatte Boddenberg ähnlich wie Schäfer gesagt: "Die Bewältigung dieser Krise kann und darf nicht am Geld scheitern." Hessen sei ein starkes Land.

Boddenberg gilt als ausgezeichnet vernetzt, auch in der Bundespolitik. 2009 wurde er für die Dauer einer Legislaturperiode Staatsminister für Bundesangelegenheiten und damit Hessens Mann in Berlin. Er vertrat die Interessen des Bundeslandes im Bundesrat und im Vermittlungsausschuss von Länderkammer und Bundestag. Zuvor war er wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU im Landtag.

Quereinsteiger aus dem Handwerk

Der CDU-Politiker ist verheiratet und hat drei Kinder. Sein beruflicher Werdegang macht ihn als Quereinsteiger zu einer Ausnahme im Politikbetrieb: Der 60-Jährige ist gelernter Fleischer, legte nach dem Abitur die Meisterprüfung ab. Er führte zwischenzeitlich den elterlichen Schlachtbetrieb. Anschließend war er lange in leitenden Positionen unternehmerisch tätig: unter anderem in einem Betrieb der Tiefkühlindustrie und in einer privaten Fachschule für Fleischer und Bäcker.

Noch heute ist Boddenberg in mehrfacher Funktion für das Handwerk tätig. So ist er Aufsichtsratsvorsitzender der Zentralgenossenschaft des deutschen europäischen Fleischergewerbes, Mitglied der Vollversammlung der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main und des Vorstands der Frankfurter Fleischer-Innung.

Von Petra Roth geholt

In die Politik holte ihn Frankfurts frühere Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU). Boddenberg war da bereits bundesweit als junger Vertreter des Fleischerhandwerks aufgefallen, der sich für Tierschutzstandards von der Aufzucht bis zur Schlachtung einsetzte. Als ehrenamtlicher Frankfurter Stadtrat profilierte er sich als Experte für Finanzen und Wirtschaft sowie als Flughafenkenner und Ausbaubefürworter.

Im Landtag sitzt er seit 1999, direktgewählt im Wahlkreis Frankfurt IV. Damals kam die CDU unter Roland Koch überraschend in Hessen an die Regierung. 2001 übernahm Boddenberg in turbulenter Zeit bis 2009 den Posten des Generalsekretärs der Landespartei. Die CDU Hessen hatte bei seinem Amtsantritt politisch und finanziell mit der zwei Jahre zuvor aufgedeckten Schwarzgeldaffäre zu kämpfen.

Zu den Hobbys des neuen Finanzministers zählt das Rockgitarre-Spielen, auch wenn er dazu früheren Interviews zufolge kaum mehr kommt. Lieblingsmusiker: der Latin-Rock-Gitarrist Carlos Santana.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 31.03.2020, 19.30 Uhr