Boris Rhein (CDU) mit Hessen-Maske im Landtag

Er galt als CDU-Hardliner, um dann nach einem Karriereknick im Überparteilichen seine Glanzrolle zu finden. Jetzt soll Landtagspräsident Boris Rhein Hessens Ministerpräsident Bouffier ablösen. Sein Vorbild bei der Mission Machterhalt dürfte ein anderer sein.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von YouTube (Video) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von YouTube (Video). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Am Abend des 25. März 2012 schien der Aufstieg des CDU-Politikers Boris Rhein vorbei. Bis dahin war er der Nachwuchsstar der hessischen Union gewesen. Dann verlor er krachend die Frankfurter Oberbürgermeisterwahl gegen einen krassen Außenseiter und auf einmal pappte das Etikett des Verlierers an Rhein. Zehn Jahre später, im Februar 2022, hat ihm die Partei nun ein neues ausgedruckt.

Kommt es wie von der Hessen-CDU am Freitag angebahnt, wird Rhein nach dem Rückzug Volker Bouffiers Ende Mai im Landtag zum neuen Ministerpräsidenten des schwarz-grün regierten Bundeslandes gewählt. Im Sommer soll er dann auch den Vorsitz der Landespartei übernehmen.

Der 50-Jährige aus dem Frankfurter Stadtteil Nieder-Eschbach hat von dem 70-Jährigen aus Gießen schon einmal ein Amt übernommen: das des Innenministers, als Bouffier vor zwölf Jahren erstmals zum Regierungschef Hessens gewählt wurde. Dass hier einer vom anderen kontinuierlich aufgebaut wurde, ist aber nicht der Fall.

Manche Ähnlichkeit - äußerlich

Als freundschaftlich hat Rhein das Verhältnis zu Bouffier vergangenen Sommer im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beschrieben. Ungetrübt ist das Miteinander dem Vernehmen nach aber bei weitem nicht. Nur Gerüchte geben Auskunft, woher das rühren könnte.

An der Laufbahn des deutlich Jüngeren kann es kaum liegen. Die war für die Union geradezu idealtypisch und ähnelt äußerlich derjenigen Bouffiers: Beide sind Juristen und Anwälte. Sogar das Image des Hartliners erbte Rhein mit dem Innenressort, um es wie jener abzulegen. Und beide haben den klassischen Weg vom Parteinachwuchs über die Kommunalpolitik in die Landespolitik nach Wiesbaden zurückgelegt.

Videobeitrag

Video

Bouffier-Nachfolger Boris Rhein – ein Portrait

hs
Ende des Videobeitrags

Vorbild Wallmann

Der Gymnasiast und Student Boris mischte in der Jungen Union (JU) seiner Heimatstadt Frankfurt und des Landes an führenden Stellen mit. Seine Vorbilder in der CDU: der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl und vor allem Walter Wallmann, von 1977 bis 1986 Frankfurter Oberbürgermeister. Unter ihm, dem späteren Ministerpräsidenten und Bundesumweltminister, wandelt sich das Image der hessischen CDU in dieser Zeit: immer noch konservativ, aber weltoffener, großstädtischer, toleranter.

Rhein wird später beeindruckt erzählen, wie Wallmann ihn während eines Deutschen Turnfestes in Frankfurt bei der Hand nahm und übers Gelände führte. Der CDU-Politiker hatte Rheins Vater Peter beim Machtwechsel im Römer als Dezernenten behalten. Dabei war Rhein senior SPD-Mann, vertrat als Schuldezernent ausgesprochen linke Positionen. Von den Genossen scharf angegangen, wechselte Peter Rhein zur liberalen Frankfurter CDU.

Im Polizeiskandal verhoben

Rhein junior gelangte im Jahr 1999 als direkt gewählter Frankfurter Landtagsabgeordneter nach Wiesbaden. 2006 machte ihn die populäre Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) zum hauptamtlichen Dezernenten der Stadt, zunächst für Recht, dann für Wirtschaft. Nur drei Jahre später holte ihn Bouffier als Innen-Staatssekretär wieder nach Wiesbaden. Und schon ein Jahr später wurde Rhein selbst Innenminister.

Bouffier, der für den zurückgetretenen Roland Koch Ministerpräsident wird, überließ ihm das Amt - und mindestens einen klotzigen Stolperstein. Im "hessischen Intrigantenstadl" (Spiegel) ging es um Intrigen im Polizeiapparat. Rhein demonstrierte Führungsstärke und feuert einen Landespolizeichef. An der Entlassung der Chefin des Landeskriminalamts, Sabine Thurau, verhob er sich. Sie klagte sich zurück ins Amt.

Audiobeitrag

Audio

Boris Rhein soll Volker Bouffier nachfolgen

Boris Rhein und Volker Bouffier im Landtag im Gespräch
Ende des Audiobeitrags

Ob er Ortsgruppen der Hells-Angels in Frankfurt verbot oder ein schärferes Vorgehen gegen Islamisten forderte: Der Kurs des Innenministers Rhein ähnelte dem seines Vorgängers Bouffier. Den haben Kritiker damals "schwarzen Sheriff" genannt. Das Law-and-order-Image hing Rhein bei der grandios gescheiterten OB-Stichwahl gegen den SPD-Außenseiter Peter Feldmann nach. Von einer "Anti-Rhein-Wahl" spach die Frankfurter Rundschau, und die Nachwuchshoffnung saß plötzlich auf dem absteigenden Ast.

Ministerposten verloren, Bedeutung gewonnen

2014 fädelte Bouffier die erste schwarz-grüne Koalition in Hessen ein, Rhein musste vom Innenressort in das für Kunst und Wissenschaft umziehen. Er fiel öffentlich kaum auf, auch nicht negativ. Noch eine Landtagswahl später gewannen die Grünen zwei Ministerien dazu, und Rhein wurde ganz aus dem Kabinett befördert. Es war die Chance zum Wiederaufstieg.

In der protokollarisch führenden Rolle des Landes, als Landtagspräsident, macht der Mann seit 2019 das Verlierer-Etikett aus Frankfurt ganz unleserlicher. Er glänzt geradezu und versteht sich dabei auf PR in eigener Sache.

Wie angekündigt führt Rhein sein Amt weitgehend "politisch, aber nicht parteipolitisch" - auch gegenüber der erstmals vertretenen AfD. Den zunehmenden Turbulenzen im Parlament begegnet er ausgleichend und besonnen, immer wieder mal zu Späßchen aufgelegt, stets konsequent in der Sache.

Auch bei schwierigsten Anlässen trifft er den richtigen Ton, so wie zuletzt am zweiten Jahrestag des Hanauer Anschlags. "Die Angehörigen haben den Anspruch und das Recht auf vollständige Aufklärung und kritische Beleuchtung der Tatumstände", sagt er. Und das in dem Fall, in dem die Opferfamilien Hessens aktuellem Innenminister Peter Beuth (CDU) neben Versäumnissen der Sicherheitsbehörden auch mangelnde Empathie vorwerfen.

Mission Machterhalt

Beuth war im Rennen um das freiwerdende Amt des Regierungschefs einer der Hauptkonkurrenten Rheins. Parteiführung, Fraktion und Basis wären beide als Lösung der lange offenen Nachfolge-Frage vermittelbar gewesen. Dass der Landtagspräsident sich durchsetzt, liegt auch an der Rücksicht auf den grünen Koalitionspartner. Der hätte Beuth womöglich nicht akzeptiert.

Im nahenden Landtagswahlkampf 2023 hat das nichts zu bedeuten. Längst hat Rhein gewarnt, die Union dürfe "die SPD und die FDP als strategische Option nie aus den Augen verlieren". Nach mehr als zwei Jahrzehnten droht der CDU der Machtverlust. Der Bouffier-Nachfolger Rhein hat jetzt den Auftrag, das zu verhindern.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen