Moria

Gießen und neun andere deutsche Städte haben in einem Brief an die Bundesregierung ihre Bereitschaft erklärt, Flüchtlinge aus dem abgebrannten griechischen Lager Moria aufzunehmen. Auch andere hessische Kommunen und der Verband der Jugendherbergen signalisieren Hilfsbereitschaft.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Nur Gießens Oberbürgermeisterin hat den Brief unterschrieben

Frau und Kind laufen durch das ausgebrannte Lager in Moria
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Die Stadtoberhäupter von zehn großen deutschen Kommunen haben sich in einem gemeinsamen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) bereit erklärt, Flüchtlinge aus dem abgebrannten griechischen Flüchtingslager Moria aufzunehmen. Neben Städten wie Düsseldorf, Freiburg und Göttingen hat als einzige hessische Stadt auch Gießen unterzeichnet.

In dem Schreiben heißt es: "Wir sind bereit, Menschen aus Moria aufzunehmen, um die humanitäre Katastrophe zu entschärfen." Die Kommunen appellieren an Merkel und Seehofer, dafür den Weg zu ebnen.

Seehofer: Bis zu 150 Minderjährige dürfen kommen

Das Bundesinnenministerium hatte zunächst abgelehnt, Flüchtlinge aus Griechenland im deutschen Alleingang aufzunehmen. Es fordert eine gemeinsame europäische Initiative. Am Freitagvormittag kündigte Seehofer aber die Aufnahme von rund 100 bis 150 unbegleiteten Minderjährigen an.

Die Gießener Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) äußerte sich erleichtert, dass Seehofer jetzt dieses Signal sendet. "Es ist bedauerlich, dass es erst einer solchen Katastrophe bedurfte, um die Bereitschaft zu haben, Kinder und Jugendliche aus Moria aufzunehmen," sagte die Politikerin.

Gießen: Platz für bis zu 40 Kinder und Jugendliche

Unter Quarantänebedingungen könne man in Gießen kurzfristig bis zu 20 Kinder und Jugendliche aufnehmen, mittelfristig bis zu 40. Die Stadt habe eine "sehr gute Infrastruktur, um gemeinsam mit unseren Wohlfahrsverbänden bereitzustehen, damit Kinder und Jugendliche hier Schutz und Versorgung finden", sagte Grabe-Bolz.

Auch weitere Kommunen in Hessen hatten sich bereits in der Vergangenheit dazu bereit erklärt, außerplanmäßig Flüchtlinge aufzunehmen, beispielsweise Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt und Kassel. Auch die Stadt Marburg hatte dieses Angebot am Mittwoch erneut bekräftigt.

Gießener Erstaufnahmeeinrichtung vorbereitet

Hessenweit zuständig für die Erstaufnahme von Flüchtlingen ist das Regierungspräsidium (RP) Gießen, wo sich auch das sogenannte Ankunftszentrum befindet. Laut RP können dort pro Tag grundsätzlich bis zu 250 Flüchtlinge aufgenommen werden, bei Mehrschichtbetrieb auch bis zu 1.200.

Ob Flüchtlinge aus Moria aufgenommen werden, müsse auf Bundes- und Landesebene entschieden werden, sagte Regierungspräsident Christoph Ullrich dem hr. Bei der praktischen Umsetzung sehe er aber keine Probleme. "Wir verfügen über ausreichend Kapazitäten und sind gut aufgestellt", so Ullrich.

Städtebund: "Bei uns liegt die Umsetzung"

Ähnlich äußerte sich auch David Rauber vom Hessischen Städte- und Gemeindebund. Auch er sehe zwar in erster Linie den Bund in der Verantwortung, sagte er. Er deutete es aber als positives Zeichen, wenn Kommunen signalisierten: An uns vor Ort wird es nicht scheitern. "Bei uns liegt dann ja schließlich die Umsetzung", sagte Rauber.

Dass die hessischen Städte und Gemeinden Flüchtlinge unterbringen könnten, hätten Sie in der Vergangenheit bereits gezeigt. Allgemein habe man mit dem Land inzwischen gute, dauerhafte Regelungen gefunden, etwa was die Finanzierung von Unterbringungen und langfristige Integrationsmaßnahmen angeht. "Wir befinden uns da momentan im sicheren Fahrwasser", so Rauber.

Jugendherbergsverband will helfen

Auch der hessische Jugendherbergsverband hat sich zu Wort gemeldet und Hilfe angeboten. "Wenn auf politischer Ebene die Entscheidung getroffen wird, dass Deutschland und Hessen Ernst machen und den Menschen Hilfe zukommen lassen, die sie am dringendsten brauchen, sind wir dabei", erklärte Vorstandschef Timo Neumann am Freitag in Frankfurt.

"Wir sind eine soziale Einrichtung und wir haben Kapazitäten, die verfügbar sind", erklärte auch der Vize-Vorstand Nico Lorenz. Schon in den Jahren 2015 bis 2017 habe man an mehreren Standorten die Flüchtlingshilfen unterstützt, die Rückmeldungen seien durchweg positiv gewesen. "Wir haben aktuell und im Winter in mehreren Häusern ausreichend Platz und wir stellen diesen gerne zur Verfügung." Das sei auch den politischen Entscheidungsträgern mitgeteilt worden.

Moria komplett zerstört - 12.000 Menschen obdachlos

In Moria lebten vor den Bränden rund 12.000 Menschen. Durch die Brände wurde das Lager fast völlig zerstört. Die am Dienstag ausgebrochenen Feuer vernichteten die innersten Teile des Lagers, in denen etwa 4.000 Menschen lebten.

Durch ein weiteres Feuer am Mittwoch wurden dann auch jene Teile des Lagers weitgehend zerstört, in denen rund 8.000 Menschen in provisorischen Baracken und in Zelten wohnten, wie das Migrationsministerium in Athen mitteilte.

Sendung: hr-iNFO, 11.09.2020, 13.48 Uhr.