Schlachboot in Büdingens Innenstadt

Ein Jahrhunderthochwasser flutete im Januar 2021 die Büdinger Altstadt und einige Ortsteile. Der Schaden ist immens, ausführlich diskutierte Pläne für einen besseren Hochwasserschutz werden nur langsam konkret.

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Ein Jahr nach dem Hochwasser von Büdingen

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Acht Monate des langen Wartens verstrichen nach dem verheerenden Hochwasser. Erst dann konnten Bernd Petri und andere Ehrenamtliche damit beginnen, das 50er-Jahre-Museum in der Wetterau-Gemeinde wieder aufzubauen. Bewaffnet mit Holzplatten, Kabeltrommeln, Farbe, Eimern, Hämmern und Akkuschraubern zogen sie zu dem Ausstellungshaus in der Büdinger Altstadt.

Dass es nach dem Hochwasser am 29. Januar 2021 so viel Leerlauf geben würde, hätte der Vorsitzende des Museumsvereins nicht gedacht. "Ich bin von wenigen Wochen ausgegangen", erinnert sich Petri.

Betonboden voller brauner Brühe, am Rand verdreckte Stühle.

Das 50er-Jahre-Museum war eines von rund 200 Gebäuden, die von den Fluten getroffen wurden - Fluten, die als Jahrhunderthochwasser in die Geschichte der Stadt eingingen. Eineinhalb Meter hoch stand die modrige Brühe im unteren Teil des Museums. Es roch nach Öl und Fäkalien, erinnert sich Petri. Schnell bildete sich Schimmel, der Gebäudeteil musste entkernt und grundsaniert werden. Aus Wochen wurden Monate.

Bäche wurden zu reißenden Flüssen

Schneeschmelze im Vogelsberg und Starkregen hatten an diesem Freitag Ende Januar 2021 in der östlichen Wetterau Bäche über die Ufer treten lassen - in Büdingen verwandelte sich der sonst knietiefe Seemenbach in einen reißenden Fluss. Der Druck des Wassers wurde so stark, dass die sogenannte Seemenbachmauer zwischen Büdinger Schlosspark und Altstadt an einer Engstelle auf mehreren Metern brach.

Die Wassermassen fluteten Wohnhäuser, ein Altenheim, mehrere Läden, Cafés, Restaurants, das Heuson- und das 50er-Jahre-Museum. Allein hier beträgt der Schaden 200.000 Euro, wertvolle Ausstellungsstücke sind unwiederbringlich verloren.

Die Feuerwehr fährt durch eine überschwemmte Straße in der Altstadt von Büdingen.

Schaden nicht zu beziffern

Wie hoch der Gesamtschaden im alten Stadtkern und den betroffenen Ortsteilen ist, lässt sich nach Angaben von Bürgermeister Erich Spamer (FWG) nicht genau beziffern. Nur so viel: Die Stadt hat betroffene Hausbesitzer und Gewerbetreibende bislang mit rund 1,3 Millionen Euro unterstützt. Betroffene ohne Versicherung dürfen laut Bürgermeister zumindest teilweise auf Unterstützung hoffen. Deren Anträge würden aber noch geprüft.

Zur Bilanz nach einem Jahr gehört auch: An mehr als einem Dutzend Gewerbeflächen sind weiterhin die Scheiben abgeklebt, die Rollos heruntergelassen. Einige renovieren noch - das 50er-Jahre-Museum etwa plant seine vollständige Wiedereröffnung zu Ostern, denn momentan fehlen zu allem Überfluss Handwerker, sagt Petri. Andere konnten nicht gerettet werden - und das im tourismusträchtigsten Areal der 20.000-Einwohner-Stadt.

Ein Mann mit Bart, der ein Schild putzt.

Das Corona-Jahr 2020 hatte gerade den Gastronomen ohnehin schon zugesetzt. Nach dem Hochwasser schloss unter anderem das in der ganzen Region beliebte Café Hexenstübchen für immer. Anfang Dezember wiedereröffnen konnte das Traditionsgasthaus Bleffe, dessen Besitzer Christoforos Lazaridis den Schaden auf einen "hohen sechsstelligen Betrag" beziffert. Bei Lazaridis und vielen anderen Büdingern bleibt nach diesem harten Jahr die Angst, dass so etwas wieder passieren könnte. Und genau davon gehen Experten in Zeiten des Klimawandels aus.

Spamer übernahm politische Verantwortung

Statt Maßnahmen zur Prävention standen in Büdingen zunächst Schuldzuweisungen auf dem Programm. Kaum waren die ersten Keller ausgepumpt, machten sich der zuständige Wasserverband Nidder-Seemenbach und Bürgermeister Spamer gegenseitig dafür verantwortlich, dass seit dem bis dato letzten großen Hochwasser von 2003 wenig passiert war. Später übernahm Spamer die politische Verantwortung.

Inzwischen haben Stadt und Verband zumindest erste Schritte für mehr Hochwasserschutz getan. Wie der Verband Anfang Januar mitteilte, läuft ein Ausschreibungsverfahren, mit dem der Bau eines neuen Rückhaltebeckens geprüft werden soll. Es soll oberhalb von Büdingen in der Nähe des Ortsteils Rinderbügen liegen und zusammen mit dem schon bestehenden Rückhaltebecken beim Ortsteil Düdelsheim eventuelle Wassermassen auffangen. Diskutiert wird über ein solches zweites Becken allerdings schon seit den 1960er Jahren.

Nun gibt es laut Verband einen ersten Zeitplan, nach dem das Rückhaltebecken ab 2025 gebaut werden könnte - sofern niemand gegen das Vorhaben klagt. Die Kosten lägen bei 23 Millionen Euro.

Leerer Laden in Büdingen, die Scheiben verklebt.

Mauer muss dringend saniert werden

Die Stadt Büdingen lässt nach Angaben Spamers derweil prüfen, wo zusätzliche kleinere Rückhaltebecken gebaut werden könnten. Zudem will sie systematisch erfassen, wo Wasser bei Starkregen in den Ort hineinläuft und welche Anwohner besonders stark gefährdet sind.

Für den designierten Bürgermeister Benjamin Carlos Harris (CDU), der Anfang März sein Amt antritt, gehört all das zu einem "Mosaik an Maßnahmen", die Verband und Stadt schon viel früher hätten angehen müssen. Er will deswegen den Hochwasserschutz ins Zentrum seiner angehenden Amtszeit stellen, wie er sagt.

Dazu gehöre auch, den Seemenbach zumindest stellenweise zu renaturieren und die Seemenbachmauer zu sanieren. Diese war im Februar zum unmittelbaren Schutz der Altstadt in Höhe des Freibads provisorisch mit einer Wand aus Betonblöcken verstärkt worden.

Mauer, mit Betonklötzen verstärkt.

Erbprinz und Bürgermeister in spe sprechen

Auch eine dauerhafte Lösung für das marode Bauwerk aus dem 17. Jahrhundert wird seit Jahren diskutiert. Fest steht dabei nur, dass die Zuständigkeiten nicht ganz klar sind. Ist es das Fürstenhaus zu Ysenburg und Büdingen, auf dessen Grund die Mauer steht? Oder ist es die Stadt Büdingen, die für Gefahrenabwehr zuständig ist?

Geklärt werden müsse auch, ob das Bauwerk eine Ufermauer oder ein Deich ist und welche Rolle der Denkmalschutz spielt, erklärt Bürgermeister Spamer. Das mache nun das Regierungspräsidium Darmstadt.

In jedem Fall wäre eine enge Abstimmung mit dem Fürstenhaus nötig. Doch dessen Verhältnis zur Stadtspitze gilt seit Jahren als zerrüttet. Nach Fehlinvestitionen und -spekulationen musste das Fürstenhaus einen Großteil seines Besitzes verkaufen, der Rest verfällt zum Teil. Mit der Stadt kommuniziert das Adelshaus bislang nur über Anwälte. Zumindest hier macht Harris Hoffnung: Er habe vor kurzem ein erstes langes Gespräch mit dem Erbprinzen geführt.

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