Schattenspiel: Angela Merkel bei der Pressekonferenz am Tag nach der hessischen Landtagswahl
Angela Merkels Schatten bei der Pressekonferenz am Tag nach der hessischen Landtagswahl Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

88 hessische CDU-Delegierte sind dabei, wenn es heute in Hamburg um die Merkel-Nachfolge geht. Welche nicht unmaßgebliche Rolle Hessen sonst noch auf dem Bundesparteitag in Hamburg spielt? Mehr als eine.

Ein Amtsverzicht, der als Kanzlerinnen-Dämmerung interpretiert wird. Jubel über ungewohnte innerparteiliche Demokratie. Acht große Regionalkonferenzen mit drei favorisierten Bewerbern um den Vorsitz. Noch nie herrschte um einen Bundesparteitag der CDU so viel Trubel wie um den, der am Freitag in Hamburg beginnt.

Schon beim Zustandekommen spielte Hessen eine ausschlaggebende Rolle: Das historisch schlechte Landtagswahlergebnis für die Union vom 28. Oktober nahm Angela Merkel am 29. Oktober zum Anlass, auf den Parteivorsitz zu verzichten. Aber das ist es nicht allein.

Wie wichtig die Hessen-CDU für diesen Bundesparteitag ist

Schon zahlenmäßig nicht ganz unwichtig. Mit 88 von 1.001 Delegierten ist der hessische immerhin der fünftstärkste von 17 Landesverbänden auf dem Parteitag. Er ist für die Wahl zur Merkel-Nachfolge zahlenmäßig sehr viel bedeutender als Schlusslicht Bremen (5 Delegierte), aber weniger einflussreich als Spitzenreiter Nordrhein-Westfalen (296).

Wie wichtig dieser Bundesparteitag für die Hessen-CDU ist

Ziemlich wichtig. Bei der Landtagswahl stand die seit fast 20 Jahren ununterbrochene Regierungsführung auf der Kippe. Das aktuelle Hauptproblem ist kaum in Wiesbaden zu lösen: Ex-CDU-Wähler sind bei der Landtagswahl wie im Bund infolge von Flüchtlingsfrage und anderem Unions- und GroKo-Ärger scharenweise und zu gleichen Teilen zu AfD und Grünen abgewandert.

Das dahinterstehende bundesweite Orientierungsproblem der CDU ist die Bürde des neuen Bundesvorstands. Ihm will auch Ministerpräsident Volker Bouffier als Vize-Parteichef wieder angehören, der öffentlich stets loyal zu Merkel stand. Ob ihm das und die sich anbahnende Fortsetzung der reibungslosen schwarz-grünen Koalition honoriert wird? Das Wahlergebnis für ihn in Hamburg wird es zeigen. Vor zwei Jahren wurde der 66-Jährige mit 85,4 Prozent als Merkel-Stellvertreter bestätigt, der er seit 2010 ist.

Wer überhaupt wählen darf

Die Anzahl der Delegierten pro Landesverband errechnet sich aus zwei Faktoren: der Zahl der Mitglieder vor einem halben Jahr und dem Ergebnis im jeweiligen Landesteil bei der Bundestagswahl 2017. Die Delegierten sind von Landes-, Bezirks- oder Kreisparteitagen gewählt worden. Für die hessische Abordnung gilt dabei ebenso wie für den gesamten Bundesparteitag: Gerade einmal ein Drittel der Delegierten sind Frauen.

Warum es in Wiesbaden so still ist

Bouffier, Merkel, Kramp-Karrenbauer (v.r.)
Hält sich bedeckt: Volker Bouffier mit Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer. Ein Foto des CDU-Landeschefs mit Friedrich Merz hätte es auch gegeben. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Auch wenn andere Ministerpräsidenten aktiv Wahlkampf für die favorisierten Friedrich Merz oder Annegret Kramp-Karrenbauer betrieben haben: Bouffier, dem Sympathien für die Kandidatur seiner früheren saarländischen Amtskollegin nachgesagt werden, hält sich bedeckt. Und nicht nur er. Ob Peter Beuth, Alexander Lorz oder Thomas Schäfer: Kein Hessen-CDU-Delegierter mit aktuellem Ministerrang hat sich offenbart. Eine Empfehlung des Landesvorstands gibt es auch nicht.

Mit dem Respekt vor den Delegierten hat Bouffier am Donnerstag noch einmal diese Zurückhaltung begründet. Angesichts des ungewissen Ausgangs der Wahl hilft es später vielleicht aber auch, vorher nicht öffentlich aufs falsche Pferd gesetzt zu haben. CDU-Mittelstandsvereinigung und Junge Union in Hessen bejubeln dagegen Merz.

Für wen die meisten hessischen Delegierten stimmen werden

Die meisten schweigen, und die Abstimmung ist geheim. Bei einer Befragung von Bild am Sonntag sprachen sich mehr Delegierte für Merz als für Kramp-Karrenbauer aus und die wenigsten für Jens Spahn. Allerdings sagten die allermeisten der Delegierten zu ihrer Wahlabsicht gar nichts.

Diejenigen, die es taten, überraschten nicht: Ex-Ministerpräsident Roland Koch etwa, sein Ex-Minister Christean Wagner, die ebenfalls zum konservativen Parteiflügel zählenden Bundestagsabgeordneten Klaus-Peter Willsch und Hans-Jürgen Irmer wollen alle Merz wählen. Verteidigungs-Staatssekretär Peter Tauber, einst Merkels Parteigeneralsekretär, unterstützt seine Nachfolgerin in diesem Amt, Kramp-Karrenbauer. Der Wiesbadener Landtagsabgeordneten Astrid Wallmann steht Spahn näher, der an ihrer Seite auch im Wahlkampf auftrat.

Warum Merz zum Dankesagen in Osthessen war

"Kleine Familienfeier": Friedrich Merz beim Dankeschönabend in Petersberg
"Kleine Familienfeier": Friedrich Merz beim Dankeschönabend in Petersberg Bild © osthessen-news.de

Merz ist nicht von seinem eigenen CDU-Kreisverband Hochsauerland zuerst offiziell vorgeschlagen worden, sondern von der CDU Fulda. Er sei wegen seiner Wirtschaftskompetenz "der optimale Kandidat", fand man dort.

Also war der 63-Jährige am Dienstagabend noch mal im Propsteihaus in Petersberg (Fulda) und dankte laut osthessennews.de vor 500 Parteimitgliedern für die Nominierung: "Ihr wart einfach schneller."

Was das alles mit Chile zu tun hat...

Portrait Roland Koch
Roland Koch Bild © picture-alliance/dpa

...oder auch nicht. Unter maßgeblicher hessischer Beteiligung soll jedenfalls vor fast 40 Jahren ein Dutzend CDU-Nachwuchspolitiker auf einem Nachtflug von Caracas nach Santiago de Chile eine Männer-Seilschaft gegründet haben: den erst 2003 vom Spiegel geouteten, 2010 dann totgesagten "Andenpakt".

Als Gründungsmitglieder werden auch die zwei späteren hessischen Ministerpräsidenten Koch und Bouffier genannt, als eines der Hauptziele die Verhinderung einer Kanzlerschaft Merkels. Hat nicht geklappt - kommt nun die späte Rache des Pakts oder was von ihm übrig blieb? Nicht Bouffier, aber Koch und andere mutmaßliche Mitglieder unterstützen offen Merz und sollen ihn zur Kandidatur ermuntert haben.

Warum ein Marburger keinen Lokalpatriotismus auslöst

Weil er erst im März in die Partei eingetreten ist und schon gleich Chef werden will. Der Marburger Andreas Ritzenhoff ist der vierte Bewerber um die Nachfolge von Merkel. Von Vorwürfen, er sei ein "medialer Selbstinszenierer" lässt sich der Unternehmer aber nicht abschrecken. Der Mann, dessen Firma Seidel für Chanel oder Hugo Boss Design-Verpackungen aus Aluminium herstellt, wird sich um die Merkel-Nachfolge bemühen. Im Interview mit hessenschau.de räumte er ein: Die Zusagen von Delegierten, ihn auch vorzuschlagen, wackeln ein wenig.

Hinweis: In einer früheren Version des Textes hatten wir die Zahl der hessischen Delegierten mit 83 benannt. Korrekt ist 88. Wir bitten, dies zu entschuldigen.

Sendung: hr-iNFO, 07.12.2018, 6:30 Uhr