Ein Schlafwagenabteil in einem Hotelzug.

Die Umfragewerte sinken, die Nervosität steigt: In diese Lage erwartet der hessische CDU-Parteinachwuchs Armin Laschet in Gießen. Die JU gibt dem Mann, der nicht ihr Wunsch-Kanzlerkandidat war, ein paar kritische Anmerkungen mit auf den Weg.

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Audioseite Kein Kuschel-Empfang für CDU-Spitzenkandidat Laschet

CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet beim Interview mit der "Brigitte"-Zeitschrift. (EPA)
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Ausschließlich von Fans wird Armin Laschet nicht umgeben sein. Zwei Klimaschutz-Initiativen haben Demos angemeldet, und auch die "Basis"-Partei mit ihrer Kritik an den Corona-Maßnahmen will kommen. Aber wie das in der Politik häufiger ist: Vor seinem Open-Air-Auftritt am Samstag auf dem Schiffenberg in Gießen muss dem in Umfragen akut schwächelnden CDU-Kanzlerkandidaten mehr Sorgen bereiten, was die rund 350 versammelten Parteifreunde von ihm und seiner aktuellen Form halten.

Sechs Wochen vor der Bundestagswahl am 26. September hält die Jungen Union (JU) als Parteinachwuchs der CDU ihren 100. Landestag ab. Beginn der heißen Wahlkampfphase also, da ist Mobilisierung angesagt. Doch in der CDU droht Lähmung, es wächst die Angst vor dem Machtverlust. Dass auch der JU weniger nach feiern zumute ist, macht sie schon vor dem Wahlkampfauftritt in Gießen klar. Das hängt maßgeblich mit Laschets bisheriger Kandidaten-Performance zusammen.

Zuviel Geplänkel?

Ehe der NRW-Ministerpräsident den jungen Parteikollegen von der Bühne sagen kann, was er an Unterstützung braucht und wünscht, erheben sie selbst kritische Forderungen: mehr Inhalt, mehr Engagement, mehr Konfliktbereitschaft. "Wir erwarten von unserem Spitzenpersonal deutliche und motivierende Worte", sagt JU-Landeschef Sebastian Sommer. Über die zuletzt gezeigten Qualitäten des Union-Wahlkampfes heißt es: "Das Berliner Geplänkel um Personen, Zitate, und Nebensächlichkeiten muss sofort enden. Die relevanten Zukunftsthemen müssen angesprochen werden."

Die CDU in jüngsten Umfragen im Sinkflug und nur noch knapp vor den Grünen, die SPD plötzlich in Schlagdistanz, ihr Mann Olaf Scholz immerhin der aktuell beliebteste unter allen nicht sonderlich populären Kanzlerkandidaten: Ohne Namen zu nennen, fasst Sommer den Kreis der Verantwortlichen für dieses aktuelle Tief zwar weiter. Derzeit blieben "alle Beteiligten hinter ihren Möglichkeiten zurück". Aber von den drei prominenten Gästen aus der Bundespolitik am Samstag muss sich eigentlich Laschet alleine angesprochen fühlen.

JU-Landeschef Sebastian Sommer

Spahn und Braun haben es vielleicht leichter

Neben dem NRW-Ministerpräsidenten wird auch Kanzleramtsminister Helge Braun reden, der in seiner Heimatstadt Gießen sein Bundestags-Direktmandat verteidigen will. Für die bisherige Wahlkampf-Darbietung der CDU wird er weniger verantwortlich gemacht, genau wie der ebenfalls erwartete Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Ihn sehen ohnehin viele in der JU Hessen, die konservativer als die Union Angela Merkels ausgerichtetet ist, als Hoffnungsträger.

Bei Laschet liegen die Dinge anders. Ungeachtet misslungener Vorstellungen wie dem Kicher-Auftritt im Flutkatastrophen-Gebiet oder Plagiats-Debatten: Der Wunschkandidat der Jung-CDUler war er ohnehin nicht, nicht im Bundes- und erst recht nicht im Landesverband. Eine deutliche Mehrheit gehört hierzulande immer noch zum Fanclub seines unterlegenen Konkurrenten Friedrich Merz.

Merz hatte in einer Mitgliederumfrage der hessischen JU zum Parteivorsitz schon 2018 mit knapp 65 Prozent weit vor der später erfolgreichen Annegret Kramp-Karrenbauer gelegen. Nachdem Merkel-Gegner Merz dann auch gegen Laschet bei der Vorsitzendenwahl den Kürzeren gezogen hatte, hofften viele in der Nachwuchsorganisation vergeblich, nun werde wenigstens Bayerns Ministerpräsident Markus Söder Kanzlerkandidat.

Loyalität und Kritik

Die Lage gebietet Loyalität, auf sie kann Laschet immer noch in hohem Maße zählen. Gebrauchen kann er sie auch. Die JU Hessen hat immerhin rund 10.000 Mitglieder, gerade als hochmotivierte Einsatztruppe fürs Plakatekleben und Flyerverteilen konnte sich die Partei stets auf sie verlassen. Und eigentlich hatten sie in Hessen mit Laschets Kandidatur auch ihren Frieden gemacht.

Dabei half nichts zuletzt Merz' Unterstützung für Laschet. Und jener sei anfangs auch sehr positiv und mutig aufgetreten, heißt es aus dem JU-Landesvorstand. Jetzt sei "noch Luft nach oben", lautet das Wording, das Laschets innerparteilicher Konkurrent Söder vor kurzem vorgegeben hat. Denn seit dem Sommer laufen die Dinge schlecht.

Armin Laschet in Aktion im Boxcamp Frankfurt-Gallus.

Anders als Söder verwendet JU-Landeschef Sommer den Begriff "Schlafwagen-Wahlkampf" nicht. Er verlangt aber auch, jetzt rasch ein paar Gänge höher zu schalten. Umsteigen in die ICE-Lok gewissermaßen. "Politik ist Kontaktsport", sagt Sommer und meint nicht nur den Kontakt mit den Wählern. Die CDU müsse sich in direkter Auseinandersetzung endlich "selbstbewusst von den politischen Mitbewerbern absetzen".

Merz gab das Startsignal

Vor allem die Grünen sind gemeint. Auch hierfür hat JU-Liebling Merz gerade mit seiner Twitterattacken gegen die Klima- und Einwanderungspolitik der Grünen das Startsignal gegeben. Erste, noch heftigere Nachahmungen kamen nicht zufällig aus Hessen, wo die CDU nicht zum Gefallen aller mit den stärker gewordenen Grünen regiert. Der zum rechten Parteiflügel zählende Wetzlarer Bundestagsabgeordnete Hans-Jürgen Irmer löste mit einem Video zur Flüchtlingspolitk aufgebrachte Reaktionen aus.

Auch die JU Hessen hat sich in Vergangenheit mehr Unterscheidbarkeit zum aufstrebenen grünen Koalitionspartner gewünscht. In die gleiche Kerbe wie Irmer haut sie bei aller Lust auf Attacke nicht. Sie fordert mit Blick auf jüngere Menschen vielmehr, die Partei müsse bis zum 26. September endlich "Zukunftsthemen"“ erörtern. Es gehe um Europa, aber vor allem auch um die Generationengerechtigkeit bei Bildung, Nachhaltigkeit, Steuern und Renten.

Vielleicht geht es ja erst los

Über all das wird Gast Laschet beim JU-Landestag vielleicht sprechen. Seine Linie gegen die innerparteiliche Kritik wird die sein, die er gerade in der FAZ markierte: Wegen Pandemiebekämpfung und Flutkatastrophe beginne der Wahlkampf für ihn ja jetzt erst so richtig. Großartig ins Gespräch kommen wird der 60-Jährige mit dem Parteinachwuchs ohnehin nicht. Mit seiner Rede soll es laut Programm getan sein. Es warten weitere Termine.

Kein Zufall vielleicht, dass ein anderer und jüngerer Bundespolitiker den längeren Auftritt haben wird. Gesundheitsminister Spahn nimmt sich nach seiner Ansprache Zeit für eine Diskussion. Auf den 41-Jährigen setzen die Jüngeren in der CDU nicht erst in Zukunft. Aus Hessen soll Spahn nach Berlin transportieren, was für die U35-Abteilung ein guter Wahlkampf wäre.

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Promis, Polizisten, Personalien

Pandemiebedingt steigt der Landestag der Jungen Union in Gießen am Samstag als Freiluftveranstaltung am Schiffenberg in Gießen. Die 350 erwarteten Mitglieder sollen negative Corona-Tests vorweisen, eine Teststation soll es auch geben. Die Sichereitsvorkehrungen sind wegen der Gäste aus der Bundespolitik und angegündigter Demos von Klimaschützern sowie aus der "Querdenker"-Bewegung groß. Turnusgemäß wählt die JU auch den Vorstand neu. Die Wahl des amtierenden Vorsitzenden Sebastian Sommer gilt als gewiss. Im weiteren Vorstand stehen vier Personal-Änderungen an. Es gibt fünf Kandidaten, darunter drei Frauen. Nach Mitteilung der JU stehen außerdem mehr als 100 politische Anträge auf dem Programm.

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