Abdullah Unvar bei der SPD-Wahlkreiskonferenz

Politisch engagiert war Abdullah Unvar schon länger. Doch nach dem Mord an seinem Cousin Ferhat will er nun offensiv für eine weltoffene Gesellschaft kämpfen - als Bundestagsdirektkandidat der SPD. Ob er es schafft, ist noch nicht entschieden.

"Nach den rassistischen Morden vom 19. Februar hatte ich zwei Möglichkeiten", beginnt Abdullah Unvar seine Rede am Freitagabend vor Delegierten der SPD: "Schweigen oder mit lauter Stimme für eine sichere und weltoffene Gesellschaft zu kämpfen." Unvar hat sich für Letzteres entschieden.

Deshalb bewarb er sich am Wochenende bei den Sozialdemokraten auf deren Wahlkreiskonferenz als Kandidat für den Bundestagswahlkreis 180 (Hanau). In Lennard Oehl aus Nidderau und Yasmin Schilling aus Neuberg hat Unvar einen Gegenkandidaten und eine Gegenkandidatin. Beide verfügen über mehr politische Erfahrung als Unvar und haben auch mehrere Fürsprecher in der Partei.

Und so gab es am Samstag kein eindeutiges Ergebnis: Unvar erhielt bei der Wahl 31 Stimmen, Oehl 33 und Schilling 24. Da niemand die absolute Mehrheit erreichte, soll es am Donnerstag eine Stichwahl geben. Dann entscheidet die einfache Mehrheit, wer für die SPD antreten darf.

SPD-Mitglied seit 2016

Eigentlich, erzählt der 34-jährige Unvar im Gespräch mit dem hr, will er gar nicht so sehr in den Vordergrund rücken, dass er ein Hinterbliebener eines der Opfer des rechten Anschlags vom 19. Februar 2020 in Hanau ist. Der rechtsradikale Täter tötete dabei unter anderem seinen Cousin Ferhat Unvar. Mitleid ist nicht das, was Unvar will.

Abdulla Unvar will für die SPD für den Wahlkreis 180 antreten

Dennoch hat der Anschlag etwas mit seiner Kandidatur zu tun: Obwohl er schon seit 2016 SPD-Mitglied ist, waren die rassistisch motivierten Morde das Schlüsselerlebnis, das ihn bewegt hat, sich stärker politisch zu engagieren: "Vor 13 Monaten hätte ich keinen Gedanken daran verschwendet, für den Deutschen Bundestag zu kandidieren."

Abdullah Unvar stellte sich nach dem Anschlag schützend vor seine trauernde Familie, trat als ihr Sprecher auf. Auch heute will er ihr und anderen Hinterbliebenen eine Stimme geben - eine politische. "Meine Kandidatur ist auch ein Zeichen", sagt Unvar. Sein Ziel: "Ich will für ein besseres Zusammenleben in unserer Gesellschaft kämpfen."

Seit der Kommunalwahl Stadtverordneter

Dafür will er sich jetzt in der Politik einsetzen. Bei den Kommunalwahlen wurde er in den Ortsbeirat des Hanauer Stadtteils Kesselstadt gewählt - jenes Stadtteils, in dem sein Cousin Ferhat ermordet wurde. Außerdem sitzt Unvar künftig in der Hanauer Stadtverordnetenversammlung: Von Listenplatz 41 rückte er vor auf Platz 18 der Hanauer SPD. "Ich war überrascht", erzählt Unvar, der als Architekt für das Land Hessen arbeitet. "Jetzt will ich bei den Menschen sein, ihnen zuhören - das ist meine Stärke."

Im Kesselstädter Ortsbeirat und auch in der Stadtverordnetenversammlung ist Abdullah Unvar nicht der einzige Hinterbliebene: Auch Saida Hashemi wurde über die Liste der SPD gewählt. Die 25-Jährige verlor beim Anschlag ihren Bruder Said Nesar, ihr Bruder Said Etris überlebte schwerverletzt. "Ich möchte mich für eine moderne, fortgeschrittene und von Vielfalt geprägte Stadt einsetzen", sagt die angehende Lehrerin.

Eintracht-Präsident Fischer als Fürsprecher

Abdullah Unvar will sich nicht nur auf lokaler Ebene einsetzen, sondern auch in der "großen Politik". Er will die Nachfolge des Rodenbacher Bundestagsabgeordneten Sascha Raabe antreten. Nach 25 Jahren als hauptberuflicher Politiker kandidiert der 52-Jährige in diesem Jahr nicht mehr für den Bundestag, will seine politische Karriere beenden.

Freitagabend warb Abdullah Unvar deshalb bei der Wahlkreiskonferenz seiner Partei für sich und präsentierte auch gleich prominente Fürsprecher: Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) und Peter Fischer, den Präsidenten von Eintracht Frankfurt. "Abdullah ist kein Politikprofi", sagte Fischer, der aber genau darin Unvars Stärke sieht: "Vertrauen Sie jemandem, der da ist, wo wir hin müssen in der Politik: auf der Straße, bei den Menschen!"