Rathaus Wiesbaden
Das Rathaus in Wiesbaden bekommt einen neuen Chef oder eine Chefin. Bild © picture-alliance/dpa

Sieben Kandidaten stellen sich am Sonntag zur Wahl des Oberbürgermeisters in Wiesbaden. Amtsinhaber Gerich (SPD) tritt nach der Urlaubsaffäre nicht mehr an, die CDU ist von Skandalen gebeutelt. Die Zeichen stehen auf Neuanfang.

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Die Kandidaten: Gert-Uwe Mende (SPD) | Eberhard Seidensticker (CDU) | Christiane Hinninger (Grüne) | Eckhard Müller (AfD) | Sebastian Rutten (FDP) | Ingo von Seemen (Die Linke) | Christian Bachmann (Freie Wähler)

Gert-Uwe Mende (SPD)

Wahlkampf auf dem Wochenmarkt, SPD-Kandidat Gert-Uwe Mende schüttelt Hände. Ein Passant wehrt ab: "Klebrige Finger", entschuldigt er sich. Mende reagiert schlagfertig: "Für Sie kein Problem, für mich als Politiker schon!" Klebrige Finger, ein Thema, das in Wiesbaden wochenlang für Schlagzeilen sorgte. Nach Korruptionsvorwürfen trat SPD-Oberbürgermeister Sven Gerich nicht zur Wiederwahl an, der 56-jährige Mende sprang ein. In Bonn geboren, in Nordhessen aufgewachsen, als Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion ein Mann mit viel politischer Erfahrung - aber bislang in der zweiten Reihe.

Gert-Uwe Mende
Gert-Uwe Mende Bild © Gert-Uwe Mende

In einer Situation, die er als "verhakt" erlebt, sieht er es als Vorteil an, von außen zu kommen: "Ich glaube, es ist Vertrauen verloren gegangen. Daran waren viele politische Kräfte beteiligt. Deswegen bin ich ganz froh, dass ich nicht in der Stadtverordnetenversammlung bin, ich hab kein Aufsichtsratsmandat in dieser Stadt, ich habe auch mit niemandem in dieser Stadt irgendeinen relevanten Streit und ich glaube auch, dass ich mit meiner Person, mit meiner Verbindlichkeit, mit meiner Offenheit die Möglichkeit habe, dieses Vertrauen zurückzugewinnen."

Er habe nie daran gedacht, sich um das Amt des Oberbürgermeisters zu bewerben, sagt der gelernte Journalist, der Kommunikation zu seinen großen Stärken zählt. Doch er traut es sich zu. Als Ortsvorsteher im Wiesbadener Stadtteil Dotzheim habe er gemerkt, dass er gestalten könne. Deshalb habe die Findungskommission ihn nicht überreden müssen anzutreten.

Eberhard Seidensticker (CDU)

Im Rennen um das Rathaus scheint "unbelastet" auch innerhalb der CDU das wichtigste Attribut zu sein. Kandidat Eberhard Seidensticker nimmt ebenfalls für sich in Anspruch, nicht in den Wiesbadener Filz verstrickt zu sein, von dem in den vergangenen Wochen so oft die Rede war. Vorwürfe der Ämterhäufung und der unsauberen Parteienfinanzierung, Konflikte zwischen Partei und Fraktion haben die letzten Monate belastet. Auch die Kandidatenkür lief holprig. Nichts davon sei hängen geblieben, versichert Eberhard Seidensticker, die CDU stehe geschlossen hinter ihm.

Eberhard Seidensticker
Eberhard Seidensticker Bild © Marco Stirn

Schaulustige umringen den 52-jährigen Dachdeckermeister auf dem Wiesbadener Mauritiusplatz. Geschickt bringt er mit raschen Hammerschlägen ein Stück Dachschiefer in Herzform und schenkt es einer Passantin. Ein Wahlkampf-Gag, der ankommt. "Nur was der Meister tut, ist wohlgetan. Dachdeckermeister kann ich schon und Oberbürgermeister krieg' ich auch hin", sagt er selbstbewusst.

"Ich bin bodenständig, geradlinig und vor allen Dingen das Arbeiten gewöhnt." Seidensticker ist seit zwölf Jahren in der CDU aktiv und stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher. Anpacken will er das Thema Wohnraum, bezahlbar und für alle. Dass die Landeshauptstadt da Nachholbedarf hat, darin sind sich alle Kandidaten einig.

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Chistiane Hinninger (Grüne)

Der Wahlkampf kommt bislang eher träge daher, auch bei einer Podiumsdiskussion mit allen Kandidaten entbrennen kaum Kontroversen. "Kuschelgruppe", kommentiert eine Zuhörerin. Christiane Hinninger von den Grünen ist die einzige Frau unter sieben Bewerbern. Die 57-jährige Biologin geht schon zum dritten Mal ins Rennen und rechnet sich gute Chancen auf die Stichwahl aus. Denn sie sieht grüne Themen im Aufwind: "Klimawandel zum Beispiel ist ein wichtiges Thema oder die moderne Mobilität, die wir brauchen, damit wir in den Städten gesunde Luft haben."

Portrait von Christiane Hinninger
Christiane Hinninger Bild © Bündnis 90 / Die Grünen

Doch gerade beim Thema Mobilität scheiden sich die Geister. Eine geplante Citybahn, die die Hochschule mit der Innenstadt verbinden und bis nach Mainz führen soll, stößt auf Widerstand bei vielen Bürgern. Gleich zwei Initiativen haben Unterschriften gesammelt, um einen Bürgerentscheid herbeizuzwingen. Juristen streiten noch über die Zulässigkeit.

Hinninger ist eine klare Verfechterin der Citybahn, wie auch Gert-Uwe Mende. Sie will die Bürger aber erst darüber abstimmen lassen, wenn der Planfeststellungsbeschluss samt genauer Trasse, Haltestellen und Kosten vorliegt: "Damit wir über Fakten abstimmen und nicht über Emotionen." Die ehemalige Umweltdezernentin und Grünen-Fraktionssprecherin hat sich angesichts der Skandale der vergangenen Wochen mit Attacken auffallend zurückgehalten. Mit Dreck zu werfen sei nicht ihr Stil, sagt sie, fordert aber Aufklärung und personelle Konsequenzen.

Ingo von Seemen (Die Linke)

Ingo von Seemen, der für die Linke ins Rennen geht, wird deutlicher: "In den städtischen Gesellschaften wurden Versorgungsposten geschaffen. Wir müssen radikal umsteuern, brauchen Veränderung in der Stadt." Der gelernte Bürokaufmann, der in Mainz Geschichte und Philosophie studiert, ist mit 32 Jahren der jüngste Kandidat. In der Stadtverordnetenversammlung genießt er den Ruf, mit schlagfertigem Witz kabarettartige Einlagen zu liefern.

Ingo von Seemen
Ingo von Seemen Bild © Sonja Thomas

Durchaus ernst gemeint ist aber seine Forderung nach einer Citybahn zum Nulltarif: "Wir müssen viel mehr für den Klimaschutz tun. Ein kostenloser ÖPNV hat viele positive Effekte." Als Wahlkämpfer hat von Seemen bereits Erfahrung: Ausgerechnet im konservativen Main-Taunus-Kreis erreichte er als Bundestags- und Landtagskandidat mit fünf Prozent ein respektables Ergebnis. Diese Marke peilt er nun auch in Wiesbaden an.

Sebastian Rutten (FDP)

FDP-Mann Sebastian Rutten ist dagegen als Wahlkämpfer ein politisches Greenhorn - und ein Senkrechtstarter. Seit zwölf Jahren in Wiesbaden, seit drei Jahren Stadtverordneter und schon OB-Kandidat. Der 42-jährige Anwalt ist Geschäftsführer eines Pflege-Verbands. Er will sich gegen die Favoriten behaupten und in die Stichwahl einziehen: "Die Bürger sind das System des gegenseitigen Gebens und Nehmens leid, das maßgeblich SPD und CDU geschaffen haben, an dem die Grünen aber auch nicht unschuldig sind."

Portrait von Sebastian Rutten
Sebastian Rutten Bild © FDP Wiesbaden

Rutten lehnt die Citybahn ab und will als Alternative das Bussystem besser auslasten. Er will den Sanierungsstau an Wiesbadener Schulen von geschätzten 500 Mio Euro reduzieren und fordert "Einheimischenmodelle", damit sich junge Familien in Wiesbaden ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung leisten können.

Eckhard Müller (AfD)

Die AfD in Wiesbaden hat lange gezögert, einen eigenen Kandidaten aufzustellen. Dann fiel die Wahl auf Eckhard Müller. Mit 72 Jahren ist er der Senior in der Runde und verweist auf Konrad Adenauer, der mit 73 Jahren Bundeskanzler wurde. Der promovierte Volkswirt hat 30 Jahre für einen internationalen Chemiekonzern gearbeitet. Er ist Kreisvorsitzender seiner Partei und Chef der AfD-Rathausfraktion.

Dr. Eckhard Müller
Dr. Eckhard Müller Bild © AfD Wiesbaden

Müller sieht es kritisch, dass Wiesbaden die gesamte Busflotte auf E-Antrieb umzustellen wird, auch wenn es dadurch gelungen sei, ein drohendes Diesel-Fahrverbot abzuwenden: "Wir sollten Techniken wie Elektromobilität erst längere Zeit ausprobieren, bevor wir voll auf sie setzen."

Christian Bachmann (Freie Wähler)

Weil die Freien Wähler keine Empfehlung für einen der anderen Kandidaten aussprechen wollten, schicken auch sie einen eigenen Bewerber ins Rennen. Christian Bachmann ist 44 Jahre alt und Einkaufsleiter in einem Darmstädter Forschungszentrum.

Christian Bachmann
Christian Bachmann Bild © Christian Bachmann

Er verzichtet im Wahlkampf völlig auf Plakate - aus Glaubwürdigkeitsgründen: "Die Stadt mit PVC-Plakaten zupflastern, die man mit Kabelbindern befestigt, und dann über Klimaschutz sprechen, das passt nicht zusammen." Die Waffenverbotszone in der Innenstadt hält Bachmann für überflüssig: "Davon lässt sich niemand abschrecken. Das ist reine Symbolpolitik."