Rinderhalter, Alpaka-Besitzer und vor allem Schäfer: Hunderte von ihnen haben in Wiesbaden aus Angst vor Wolfsattacken auf ihre Herden demonstriert. Agrarministerin Hinz hatte einen schweren Stand.

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Ein paar Schäfchen, einige Schäferhunde und drei Alpakas - die rund 300 Demonstranten hatten auch Tiere mit auf den Luisenplatz in Wiesbaden gebracht. Dorthin waren am Mittwoch Weidetierhalter aus ganz Hessen vom Hauptbahnhof aus marschiert, um auf einer Kundgebung nahe dem Landtag mehr Schutz ihrer Tiere vor Wölfen zu verlangen.

Viele Schäfer kamen in ihrer traditionellen Kluft mit großem Hut, langem Mantel und Stock in die Landeshauptstadt – und mit ernster Miene. Auf Transparenten und Plakaten stand: "Koexistenz geht nur mit uns!", "Wir lieben unsere Tiere" oder "Wolf wir brauchen dich nicht hier". Dazu drastische Bilder von blutigen Schafskadavern und gefletschten Wolfsgebissen.

Bilanz 2019: Acht Wölfe, 27 tote Schafe

"Das ist wirklich ein Albtraum", sagte Teilnehmerin Kerstin Tolksdorf zur Sorge, es könne ihre Herde treffen. Angriffe seien auch für überlebende Tiere ein Trauma, trächtige Schafe verlören den Nachwuchs häufig. Neben gestiegenen Kosten und Naturschutzauflagen belaste das zunehmende Auftauchen von Wölfen den ganzen Berufsstand sehr.

2019 sind in Hessen einem aktuellen hr4-Faktencheck zufolge acht verschiedene Wölfe mit Gewissheit registriert worden. Zwei wurden überfahren, einer ist abgewandert. Von den übriggebliebenen fünf Tieren tauchten zwei Wölfinnen öfter auf, vor allem rund um Kellerwald, Meißner und Vogelsberg. Sie könnten dabei sein, ein Wolfsterritorium zu gründen.

Rudel wurden noch nicht in Hessen gesichtet. Auch die Zahl der getöteten Nutztiere ist überschaubar, wenngleich sie steigt: Bei zwölf Angriffen auf Herden rissen Wölfe im vergangenen Jahr 27 Schafe. Drei Schafe wurden verletzt. Hinzu kamen drei Kälber. 2018 gab es keine getöteten Tiere, 2017 drei.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Schäfer-Demo in der Landeshauptstadt

Schäfer bei der Demo in Wiesbaden
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Schäfer: "Blanker Hohn"

Vorwurf der Schäfer an die Landesregierung und besonders Landwirtschaftsminsterin Priska Hinz (Grüne): Die Politik achte trotz steigenden Risikos zu sehr auf das Wohl der Wölfe und zu wenig auf das der Schäfer und ihrer Herden. Von einem "Wolfskuschelkurs" sprach der Landesverband für Schafzucht und -haltung als Hauptorganisator der Demo.

Andere Länder seien weiter. Hessen habe weder eine transparente Entschädigungsregelegung noch ein Förderprogramm für Investitionen in den Schutz vor Wölfen.

Was an Prämie gezahlt werde, um Schutzzäune gegen Wölfe zu bauen, reiche nicht. 31 Euro pro Hektar seien "der blanke Hohn", sagte Christoph Schäfer. Er ist auch von Berufs wegen Schäfer und hat nach eigenen Angaben schon Tiere an Wölfe verloren. In seinem Betrieb würden deshalb im Frühjahr wahrscheinlich keine Schafe mehr auf die Weide gehen.

Ministerin kneift nicht

Ministerin Hinz kam trotz der zu erwartenden Ablehnung persönlich zum Luisenplatz, um nicht nur Verständnis für die Demonstranten zu äußern: Sie bezeichnete Elektrozäune als besten Schutz vor Wolfsangriffen und kündigte eine Erhöhung der Herdenschutzprämie an. Buhrufe und Trillern waren die Reaktion.

Zuvor, ebenfalls von Pfiffen begleitet, hatte die Grünen-Politikerin ihre Sicht klargestellt: Die Wahrscheinlichkeit, dass Wölfe in naher Zukunft in Hessen sesshaft würden, sei extrem hoch. "Alle werden lernen müssen, mit dem Wolf zu leben und wieder umzugehen", sagte Hinz.

Das sei schwierig, die Schäfer würden aber anders als behauptet nicht allein gelassen. Und es werde besser: So sollten Entschädigungen für gerissene Tiere ohne viel Bürokratie gezahlt und mehr Beratung geboten werden.

Forderungspapier überreicht

Ein Forderungspapier, das Hinz in Empfang nahm, geht allerdings weiter. Es sieht neben mehr finanziellen Hilfen vor allem vor, die Ausbreitung der Wölfe durch Bejagung einzudämmen. Um das zu ermöglichen, sollen Wölfe wie Hasen und Füchse ein Fall fürs Jagdrecht werden. Für ihr Aufkommen soll eine bundesweite Obergrenze festgesetzt werden.

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Wolf
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Eine Studie sollen außerdem klären, ob die Existenz von Wölfen dem Wohl von im Freien gehaltenen Nutztieren nicht kategorisch widerspricht. Wenn sie Elektro-Weidezäune überwunden haben, sollen die "Großraubtiere" in jedem Fall erlegt werden dürfen. Die Agrarministerin lud die Weidetierhalter ein, den Forderungskatalog am 28. Januar im Wiesbadener Agrarministerium mit ihr zu diskutieren.

Der Wolf als Sündenbock?

Umweltschützer forderten, "den Wolf nicht zum Sündenbock zu machen", wie es der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) ausdrückte. Allerdings hält auch er es für hinnehmbar, einzelne Wölfe nach Angriffen auf Schafe zu töten.

Schäfer bräuchten nach Überzeugung des BUND aber vor allem mehr wirtschaftliche Hilfe für ihre ökologisch sinnvolle Arbeit. Dass es vielen Schäfern wirtschaftlich seit Jahren schlecht gehe, habe mit dem Wolf nichts zu tun.  

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 15.01.2020, 16.45 Uhr