Einige Fahrradfahrer fahren neben Autofahrern

Baumaschinen rattern über die Einkaufsstraße Oeder Weg in Frankfurt: Der Radweg wird verbreitert, die Autos müssen weichen. Auch in vielen anderen hessischen Städten müssen sich Autofahrer derzeit Alternativen suchen. Gerade in der Übergangszeit sind Probleme programmiert.

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Auf dem Oeder Weg, einer Einkaufsstraße im Frankfurter Nordend, müssen Autos ab sofort den Fahrrädern weichen: Die Fahrradwege werden breiter, das südliche Ende während des Berufsverkehrs zeitweise gesperrt. Zuvor wurden schon andere stark frequentierte Straßen in der Stadt mit roten Fahrradstreifen ausgestattet. Es stellt sich die Frage: Wo fahren die Autos jetzt lang? Über Nacht verschwinden werden sie nicht – im Gegenteil.

Laut Daten des Kraftfahrt-Bundesamtes wuchs die Zahl der registrierten Autos in Großstädten im vorigen Jahr sogar. Bis die Autofahrer auf das Fahrrad oder den öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) umsteigen, steht oft eine schwierige Übergangszeit bevor. Die hessischen Städte gehen unterschiedlich damit um. Eine Auswahl.

Wiesbaden

In Wiesbaden hat das Verkehrsdezernat der Stadt die Erfahrung gemacht, dass Autofahrer nach einer Sperrung zugunsten der Radfahrer nicht sofort auf das Bike oder den öffentlichen Nahverkehr umsteigen: "Menschen sind Gewohnheitstiere, oft fahren sie weiterhin Auto und suchen sich andere Wege", erzählt Jakob Hebsaker, der in der Stabsstelle für Mobilitätskonzepte sitzt.

Das mache sich dann in der Umgebung der gesperrten oder beschränkten Straßen bemerkbar, hat Hebsaker in Wiesbaden beobachtet: "Wir kommen nicht drum herum, dass wir vorübergehend ein starkes Verkehrsaufkommen auf manchen Straßen haben. Aber langfristig endet das nicht im Verkehrskollaps." Etwas Entlastung könnten angepasste Ampelschaltungen und verlängerte Abbiegestreifen bringen.

Mit der Übergangsphase müsse die Stadt aber ein Stück weit leben, sagt Hebsaker: "Wir müssen den bestehenden Raum umverteilen – zu Lasten der Autos. Da dürfen wir nicht kurzfristig denken, sondern müssen warten, bis sich die Verlagerungseffekte einstellen." Verlagerungseffekte bedeutet in diesem Fall der Umstieg von Autofahrern auf das Fahrrad oder den ÖPNV.

Frankfurt

Auch in Frankfurt sorgt die Umgestaltung der städtischen Straßen oft erstmal nur für eine Verlagerung des Autoverkehrs – also zumindest kurzfristig für mehr Stau an anderen Stellen. Vorbeugen sei hier schwierig, sagt Frankfurts Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD). Aber: "Wenn im Nachlauf solcher Maßnahmen Probleme entstehen, kann man ja immer reagieren. Das ist ja nicht in Stein gemeißelt." Anpassungen der Ampelschaltungen und Fahrspuren seien die Mittel der Wahl, außerdem eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit, um die Betroffenen zu informieren.

Wie bei den Kollegen in Wiesbaden nimmt auch das Verkehrsdezernat in Frankfurt eine zum Teil chaotische Übergangsphase in Kauf: "Das normalisiert sich mit der Zeit. Das war bei der Sperrung der Zeil für Autos in den 1970er-Jahren schon so."

Marburg

Mit chaotischen Übergangsphasen in Folge von Sperrungen für Autos hat Marburgs Bürgermeister und Umweltdezernent Wieland Stötzel (CDU) nicht zu kämpfen – die Stadt hat derartige Maßnahmen bisher weder durchgeführt noch geplant. "Wir haben in der mittelalterlichen Innenstadt mit den engen Straßen gar nicht den Spielraum, Straßen für Autos zu sperren." Von Einschränkungen für Autofahrer zu Gunsten der Radfahrer wird also abgesehen.

Dennoch werde viel für die fahrradfahrende Bevölkerung getan, findet Stötzel: "Wir haben Radfahrstreifen markiert, Schutzstreifen eingerichtet und Fahrradwege gebaut." Tatsächlich ist Marburg im ADFC-Fahrradklima-Test bei den hessischen Städten bis 100.000 Einwohnern auf Platz eins, allerdings zwingt die Dominanz der Autos die Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer zu ungewöhnlichen Maßnahmen: So hat die Radinitiative Lahnberge etwa eine Karte mit sicheren Radwegen in Marburg erstellt.

Darmstadt

Wesentlich intensiver beschäftigt sich die Stadt Darmstadt mit dem Thema. Die Stadt hat die Zeit während Corona dazu genutzt, in der Innenstadt fünf Verkehrsversuche durchzuführen. Stadtrat und Mobilitätsdezernent Michael Kolmer (Grüne) berichtet: "Wir haben bei fünf mehrspurigen Straßen eine Spur für Fahrradfahrer frei gemacht." Der Versuch betraf unter anderem wichtige Nord-Süd-Verbindungen wie die Neckarstraße. Autochaos? Nein: "Eine massive Verlagerung auf andere Straßen war nicht zu erkennen", sagt Kolmer.

Die Gründe für die ausbleibenden Staus in der Übergangsphase sieht Kolmer in der Struktur der Stadt: "Darmstadt ist eine sehr kompakte Stadt. Hier gibt es weniger Möglichkeiten für den Autoverkehr, Alternativrouten zu wählen." Darüber mache sich die Stadt auch vor den Verkehrsversuchen Gedanken: "Uns ist es wichtig, auszuschließen, dass keine Verlagerungseffekte in Wohngebiete oder ähnliches stattfinden."

Wie auch bei den anderen Städten ist langfristig das Ziel, die Autofahrer zum Umstieg zu bewegen. "Das geht nur mit einem Gesamtpaket", sagt Kolmer, "mit attraktiven Rad- und Nahverkehrverbindungen innerhalb der Stadt, aber auch mit den Nachbargemeinden."

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Ihre Kommentare Wie kann die Verkehrswende in Städten gelingen?

42 Kommentare

  • Im RMG werden fast überall Radwege im Winter von Eis und Schnee geräumt, leider ist das an vielen Stellen von Frankfurt nicht der Fall. Ein weiterer Fall aus meinen Radwegerfahrungen ist die Carl-Ulrich-Brücke, auf der OF Seite bis zum Ortsschild Radwege abseits der Fahrbahn, sobald man auf die F-Seite kommt, muss man erst Mal auf die Straße ausweichen um dann einer Schlaglochpiste zu folgen. Bis zur Hanauer Landstraße darf man dann auch noch LKW's die teilweise auf dem Radweg geparkt sind ausweichen, denen das Parken dort verboten ist - Entschuldigung Stadt F, warum stellt ihr Schilder auf ohne jegliche Kontrolle, Geschweige von den Fahrzeugen ohne oder mit abgelaufenen Kennzeichen. Aus Sicherheitsgründen nutze ich also leider noch aus Sicherheitsgründen zu 50 das Auto (Arbeitswegeunfall inkl. BG-Meldung und Meldung an den AG nicht gerade lustig), obwohl ich die Entfernungen von bis zu 20km einfache Strecke gern per Rad zurücklegen würde.

  • Indem der Öffentliche Nahverkehr so ausgebaut wird, dass Autofahren nicht mehr das einfachste Verkehrsmittel ist. Dafür müsste für mich persönlich aber eine eigene Gondel zur Verfügung stehen ;)
    Weiterhin wird es durch Homeoffice und verwaiste Innenstädte aber ganz von alleine klappen mit der Verkehrswende. Ich liebe Darmstadt, aber die stressige Parkplatzsuche hat mich schon lange vergrault. Das Loop5 hat davon profitiert: Parkplätze ohne Ende, Waren zwischendurch im Trockenen wegbringen, keine Jacke nötigtja.

  • Wenn ich die Aussagen Aus dem Wiesbadener Verkehrsdezernat lese, dann weiß sich warum die Verkehrspolitik dort auf viele Menschen wirkt, als sei sie von Irren gemacht. Die Verwunderung, dass nicht alle Wiesbadener sofort aufs Fahrrad oder den ÖPNV wechseln, bestätigt diese Einschätzung. Ich fahre schon lange nicht mehr zumEinkaufen nach Wiesbaden. Ich möchte nicht die wenigen Fahrradfahrer und nicht zu vergessen die innen gefährden. Sollen doch die Geschäfte alle pleite gehen. Vielleicht kann man Karstadt, Kaufhof und die vielen anderen Geschäfte alle in Fahrradgeschäfte umwandeln. Das würde sicher viele Arbeitsplätze erhalten.

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