Ulrich Künz an seinem Arbeitsplatz im Kirtorfer Rathaus.
Ulrich Künz an seinem Arbeitsplatz im Kirtorfer Rathaus. Bild © Bodo Weissenborn (hr)

Ulrich Künz aus Kirtorf war einst der jüngste Bürgermeister, nun geht er als dienstältester Rathauschef Deutschlands in Rente. Er war schon für die Energiewende, als es das Wort noch nicht gab.

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Ein Besprechungstisch, ein Schreibtisch, im Eck die Deutschlandfahne und an der Wand das Bild des Bundespräsidenten - das ist die Amtsstube von Ulrich Künz (CDU) im Rathaus von Kirtorf (Vogelsberg). Und man kann sich gut vorstellen, dass sie schon damals so aussah, als Künz im Jahr 1977 Bürgermeister der Stadt wurde - nur dass damals nicht Frank-Walter Steinmeier von der Wand blickte, sondern Walter Scheel.

Am kommenden Montag geht Künz in den Ruhestand, nach 42 Jahren als Bürgermeister von Kirtorf. Damit ist er der dienstälteste Bürgermeister Deutschlands. In der Amtszeit von Künz hatte die Bundesrepublik acht Bundespräsidenten.

"Jemand der handelt, wenn andere noch nachdenken"

Sechsmal trat er zur Wiederwahl an, sechsmal war er einziger Kandidat, sechsmal wurde er wiedergewählt - mit Zustimmmungsraten um die 90 Prozent, bei sehr ordentlicher Wahlbeteiligung. "Ulrich Künz ist jemand, der handelt, während andere noch darüber nachdenken, was sie eigentlich wollen", sagt Dieter Wössner (CDU), Kirtorfs Stadtverordnetenvorsteher, der den Rathauschef seit 35 Jahren kennt.

"Der Haushalt ist OK. Und die Strukturen in der Innenstadt sind für die Zukunft gut aufgestellt", sagt der 68-jährige Rathauschef. Im Zentrum der 3.200 Einwohner großen Stadt ist nicht nur ein neu gestalteter Platz der Begegnung entstanden, geplant ist auch ein Gesundheitszentrum, in dem einmal Hausärzte und Fachärzte arbeiten sollen. Das gerade im medizinisch dünn versorgten Vogelsbergkreis auf die Gleise gesetzt zu haben, sei "die herausragende Maßnahme meiner Amtszeit", sagt Künz.

Mit 26 Jahren Hessens jüngster Bürgermeister

Sein Nachfolger Andreas Fey, der für die SPD in der Stadtverordnetenversammlung sitzt, aber als unabhängiger Kandidat gewählt wurde, sagt: "Künz ist beispielhaft vorgegangen, wenn es darum ging, Finanzierungen und Fördermöglichkeiten auszuschöpfen." Insgesamt hinterlasse er ein "gutes Fundament".

Gleichwohl gelangen nicht alle Projekte so, wie es sich der Rathauschef vorstellte. Vor einiger Zeit platzte die geplante Fusion der benachbarten Gemeinden Kirtorf und Antrifttal. Eine große Enttäuschung, wie Künz zugibt.

Ulrich Künz umgeben von Menschen, direkt nach seiner Wahl zum Bürgermeister.
So sieht ein Sieger aus: Ulrich Künz (Mitte) am 11. März 1977, direkt nach seiner Wahl zum Bürgermeister. Bild © Stadtverwaltung Kirtorf

Gerade einmal 26 Jahre war Künz, als er sich nach einem Abschluss als Diplom-Verwaltungswirt um das Amt im Rathaus bewarb. Mit zwölf zu elf Stimmen wählte ihn die Stadtverordnetenversammlung damals zum Bürgermeister. Er wurde der jüngste Bürgermeister Hessens. Eine spannende Zeit für Kommunalpolitiker sei das damals gewesen, berichtet er, "die Gebietsreform war kaum vorüber".

Im Jahr 1985 machte Künz, der sich als "erster Schwarz-Grüner" bezeichnet, die Gemeinde zur ersten Solarstadt Hessens, lange bevor Energiewende und Klimawandel ein großes Thema waren. Der frisch gebackene Umweltminister Joschka Fischer (Grüne) brachte persönlich einen Förderbescheid vorbei. "Es war ja schon damals klar, dass fossile Energieträger endlich sind und Schadstoffe ungesund", sagt Künz.

Umweltminister Joschka Fischer mit dem Förderbescheid, sowie Ulrich Künz.
Umweltminister Joschka Fischer (Mitte) mit dem Förderbescheid für Kirtorf. Rechts Ulrich Künz. Bild © Stadtverwaltung Kirtorf

Künz: Kirtorf keine Heimat von rechtsradikalen Gruppierungen

Bundesweit in die Schlagzeilen geriet Kirtorf 2004, als bekannt wurde, dass ein Landwirt hier rechtsextreme Partys feierte. In den Fokus der Aufmerksamkeit rückte die Stadt auch Anfang des Jahres, als bekannt wurde, dass gegen drei Polizisten wegen mutmaßlicher rechtsextremer Umtriebe ermittelt wird.

"Wir haben immer deutlich gemacht, dass Kirtorf keine Heimat von starken rechtsradikalen Gruppierungen ist", sagt der Bürgermeister, das zeige sich auch bei Wahlen. Er bedaure, "dass die ganze Gemeinde in ein Licht gerückt wird, in das sie nicht gehört". Mit der Bürgerinitiative "Kirtorf ist bunt" reagierte die Zivilgesellschaft schon vor Jahren.

Politisch aktiv über den Ruhestand hinaus

2007 wollte Künz dann eigentlich Bürgermeister von Alsfeld werden - unterlag aber in der Stichwahl. "Aus heutiger Sicht bin ich ganz froh, dass das nicht geklappt hat, obwohl das auch eine schöne Aufgabe gewesen wäre", sagt er.

So klingelte also weiter bei Künz morgens um 6.24 Uhr in Kirtorf der Wecker. Kurz nach 7 Uhr war er stets einer der ersten im Rathaus. Er habe immer so früh angefangen, um noch Zeit für seine anderen Aktivitäten zu haben. Künz war lange Zeit Vorsitzender im Kreistag und Vizepräsident der regionalen Planungsversammlung. Den beiden Gremien bleibt er noch bis 2021 erhalten.

Der Kindergarten singt Künz ein spontanes Ständchen auf dem Platz hinter dem Rathaus.
Der Kindergarten singt Künz ein spontanes Ständchen auf dem Platz hinter dem Rathaus. Bild © hr

In den letzten Tagen seiner Amtszeit als Bürgermeister gibt es noch einige Termine. An diesem Nachmittag warten auf dem neu gestalteten Platz oberhalb des Rathauses um die 50 Kinder des städtischen Kindergartens: Sie wollen Künz zum Abschied noch ein Liedchen singen. Ein kleiner Vorgeschmack auf die feierliche Verabschiedung an diesem Samstag. Dann wird Kanzleramtsminister Helge Braun kommen, Ministerpräsident Volker Bouffier (beide CDU) ist ebenfalls angekündigt, dazu natürlich der Landrat und vermutlich die halbe Stadt.

Und danach wird Künz erstmal eine Schiffsreise machen, zusammen mit seiner Frau. 108 Urlaubstage habe er noch übrig. Ohnehin wird er sich nun endlich mehr um die Familie kümmern, die drei erwachsenen Kinder und die fünf Enkel. Und um den Garten. "Dafür war bisher ja überhaupt keine Zeit."