#Hass

Der Ton in der Gesellschaft ist rauer geworden, der Respekt vor Politikern hat abgenommen - das meint die Mehrheit der Bürgermeister und Landräte in einer hr-Umfrage. Wir haben mit hessischen Politikern gesprochen, die Opfer von Bedrohungen geworden sind.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found hr-Reporter: "Mit der Pistole in der Hand"

Drohmail an Nicole Fröhlich mit wilden Beschimpfungen.
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Vor 14 Jahren hat für Wehrheims Bürgermeister Gregor Sommer (CDU) eine schlimme Zeit begonnen. Immer wieder erhält er Drohungen, zunächst per Fax und Mail. "Ich weiß, dass ihr zwei Kinder habt. Achtet besser auf die", lautet eine der vielen Nachrichten.

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hr-Umfrage: Mehrheit der Bürgermeister schon mal beleidigt

Der hr hat Bürgermeister und Landräte befragt, ob sie schon mal beleidigt oder bedroht wurden.
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Eines Tages steht der Mann, der ihn bedrohte, mit einer Pistole vor dem Haus der Familie. Der Wehrheimer Bürgermeister und seine Familie legen sich sofort auf den Boden, bewegen sich lange nicht. Nach fast einer Stunde greift Sommer zum Telefon und alarmiert die Polizei. Ein schrecklicher Moment für den Wehrheimer, der ihm bis heute in den Knochen steckt.

Bürgermeister von Wehrheim: "Das macht mir Angst"

Wer der Mann war, wusste Sommer - warum er ihn bedroht hat, weiß er bis heute nicht. Noch nach der Aktion erhält Sommer einige weitere Drohmails aus dem Ausland. Doch der Täter konnte bis heute nicht gefasst werden. "Bei dem Mord an Regierungspräsident Lübcke kam das wieder alles hoch", erzählt er.

Seit 18 Jahren schon ist Sommer Bürgermeister in Wehrheim (Hochtaunus). Seiner Meinung nach wurden die Bürger seitdem um ein Vielfaches aggressiver. "Das macht mir Angst, weil ich nicht weiß, wie weit das noch gehen wird", sagt er.

Er glaubt, der Irrglaube von den Bürgern sei dabei häufig ein Problem. "Für die Bürger ist der Bürgermeister der, der das alleinige Sagen hat", sagt Sommer. Dass Entscheidungen meist von vielen Politikern in der Gemeindevertretung getroffen werden, werde häufig übersehen.

Trotz allem macht Sommer weiter in der Politik. Erst vor kurzem gewann er die Bürgermeisterwahl in Wehrheim erneut und ist für sechs weitere Jahre im Amt. "Wir haben beschlossen, wir dürfen uns von solchen Leuten nicht niedermachen lassen. Wir müssen stärker sein", sagt er.

Grünen-Stadtverordnete: "Leute haben keinerlei Hemmung mehr"

Auch Nicole Fröhlich, Stadtverordnete der Grünen in Darmstadt, wurde schon bedroht. Sie hatte im Sommer 2018 eine Drohmail erhalten, in der ihr mit einem Brandanschlag gedroht wurde. Sie vermutet, dass eine Gegenveranstaltung zum AfD-Parteitag in Darmstadt der Grund dafür gewesen sei. "Ich bin ehrenamtlich im Mieterbund aktiv und da haben wir für das 'Fest der Vielfalt' geworben", sagt Fröhlich. Sie selbst sei bei der Veranstaltung allerdings nicht gewesen.

"Ich habe gedacht, das darf doch nicht wahr sein. Das ist auch kein Scherz mehr", erzählt Fröhlich. Sie geht zur Polizei und erstattet Anzeige. Da der Absender nicht ermittelbar ist, müssen die Ermittlungen eingestellt werden. "Der Sinn einer solchen Drohmail ist, dass man Menschen Angst einflößt und hindert, sich für demokratische Werte einzusetzen", sagt die Stadtverordnete.

Sie ist schockiert, wie sehr sich die Gewaltbereitschaft verändert hat - auch gegenüber Politikern. Die Gewalt nehme nicht nur zu, sie werde auch immer offener ausgetragen. "Leute sitzen vor dem Rechner und haben keinerlei Hemmung mehr, sich ihrer rechtsextremen Gesinnung zu bekennen", sagt Fröhlich. Sie lasse sich von solchen Bedrohungen aber nicht beirren. "Ich lasse mir nicht den Mund verbieten und mich gedankentot machen", so Fröhlich. Sie stehe weiterhin für demoktatische Rechte und Werte ein - trotz Bedrohungen.

Bürgermeister von Wächtersbach: "Man muss mit Drohungen rechnen"

Andreas Weiher (SPD), Bürgermeister von Wächtersbach (Main-Kinzig), hat ebenfalls Erfahrungen mit Bedrohungen gemacht. Nach dem Vorfall in seiner Gemeinde, bei dem ein Mann aufgrund seiner Hautfarbe angeschossen wurde, kam es zu jeder Menge Aufruhr.

Er selbst hat einen Drohbrief mit starken Beleidigungen erhalten und der Androhung, dass er damit rechnen müsse, dass irgendwann etwas passiert. Damit gehe er zwar recht gelassen um, nehme es aber durchaus ernst. "Man muss leider mit sowas rechnen, wenn man heutzutage so einen Job ausübt", sagt Weiher.

"Rassimus ist in der Gesellschaft angekommen"

Der Bürgermeister berichtet außerdem von vielen Kommentaren im Netz, die das Opfer der Tat in Wächtersbach angreifen. Dabei komme es zu Aussagen, wie "Schade, dass er noch lebt. Jetzt müssen wir die Krankenhausrechnung bezahlen." Im Netz sei ein so großer Hass entstanden, dass die Gemeinde die Kommentare im Netz professionell coachen lassen musste.

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"Wie sehr Rassimus und Fremdenfeindlichkeit mittlerweile in der Gesellschaft angekommen sind, macht mich betroffen", sagt Weiher. Auch wie schnell Menschen in großer Breite zu manipulieren seien, bereite ihm Sorgen.

Beleidigungen musste Weiher sich ebenfalls schon anhören. "Was man feststellen kann, ist, dass allgemein eine Respektlosigkeit an den Tag tritt", sagt Wächterbachs Bürgermeister. Er habe das Gefühl, die Zahl der Unzufriedenen werde immer größer.

Sendung: hr-iNFO, 09.09.2019, 6:14 Uhr