Ein Polizeifahrzeug auf der gesperrten A5

Es gibt viele akzeptable Möglichkeiten, gegen den Ausbau der A49 zu protestieren. Das Abseilen von Autobahnbrücken gehört eindeutig nicht dazu. Ein Kommentar.

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zum Video Die anmaßenden Regelbrüche der A49-Gegner

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Da klettern Menschen im Morgengrauen an Autobahnbrücken herab, um gegen den Bau der A49 zu demonstrieren. Es entstehen Staus, tausende Autofahrer und Autofahrerinnen werden behindert, glücklicherweise kommt es dieses Mal nicht zu einem schweren Unfall. Und dann wird mir von einigen Leuten erklärt: Das ist alles legitimer Protest, nur so kann man dem wichtigen Anliegen Klimaschutz die nötige Aufmerksamkeit verschaffen.

Denken Sie auch so? Dann machen Sie doch mal ein Gedankenspiel mit. Stellen Sie sich vor: Menschen geben an, um die Zukunft des Landes besorgt zu sein und klettern im Morgengrauen an Autobahnbrücken herab. Auf ihren Plakaten steht aber nicht "Wald statt Asphalt“, sondern zum Beispiel "Ausländer raus!" oder auch "Corona ist nur eine Lüge, Widerstand jetzt!"

Ute Wellstein

Wären Sie dann auch so tolerant? Das eine ist fiese Hetze, das andere absurde Wirklichkeitsverleugnung, aber beides fällt unter die Meinungsfreiheit. Fänden Sie es auch legitim, sie auf Autobahnbrücken und mit Abseilaktionen wahrzunehmen? Vermutlich nicht.

Wer darf sich seine eigenen Sonderrechte schaffen?

Es gibt aus gutem Grund Regeln, an die sich alle halten müssen. Zum Beispiel die, nicht an Autobahnbrücken herabzuklettern. Das ist nämlich nicht nur gefährlich für diejenigen, die klettern, sondern auch für diejenigen, die drunter durchfahren. Es kann doch nicht sein, dass Aktivisten diese Regeln für sich nicht akzeptieren, weil sie meinen, im Dienst einer größeren, gerechteren Sache zu handeln.

Wer bestimmt denn, welches Ziel es rechtfertigt, sich seine eigenen Regeln zu machen - und sei es auf hessischen Autobahnen? Nur die Klimaschützer? Oder auch Ausländerfeinde und Corona-Leugner? Und wohin führt dieses Gefühl, aus vermeintlich moralischer Überlegenheit Regeln brechen zu dürfen? Längst gehen einige A49-Gegner schon weiter und werfen mit Steinen auf Polizisten.

Sympathien nicht verspielen

Es gibt in diesem Land unzählige legale Möglichkeiten, seine Meinung frei zu äußern. Das ist auch gut so. Wer die Debatte um den Ausbau der A49 demokratisch führen will, sollte sie nutzen - und sich nicht arrogant über das hinwegsetzen, was für alle gilt. Denn das ist anmaßend, gefährdet andere Menschen und verspielt auch die Sympathien vieler Bürger für das berechtigte Anliegen Klimaschutz.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 26.10.2020, 19.30 Uhr