Foto von gestapelten Stühlen und Tischen, wie sie vor einer Gaststätte stehen. An der Wand hängt eine Tafel auf der steht: "Wir vermissen euch."

Drei hessische Städte dürfen in einem Modellversuch kontrolliert Geschäfte und Gastronomie öffnen: Alsfeld, Baunatal und Dieburg. Doch bei letzterer steht die Öffnung auf der Kippe. Mit bangem Blick schaut man dort auf die Zahl der Neuinfektionen.

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Die Zahl der ausgewählten hessischen Modellkommunen für Öffnungsmöglichkeiten in Handel, Gastronomie und Kultur während der Corona-Pandemie könnte sich bereits vor dem mit Spannung erwarteten Start verringern. Die Teilnahme der Stadt Dieburg (Darmstadt-Dieburg) steht auf der Kippe, wie Bürgermeister Frank Haus (parteilos) am Dienstag auf Anfrage von hessenschau.de sagte.

Die Stadt will erst am Donnerstagmorgen bei einer Magistratssitzung über die Teilnahme an dem Versuch entscheiden. Am 15. April würde es dann losgehen - wenn es denn losgeht.

Neben Dieburg waren auch Baunatal (Kassel) und Alsfeld (Vogelsberg) vom Land als sogenannte Modellkommunen ausgewählt worden. Insgesamt hatten sich knapp 100 Kommunen und Landkreise für das Modell beworben. Alsfeld startet am Donnerstag und wagt als erste der drei Kommunen die Öffnung von Geschäften und damit einen Schritt zurück zur Normalität.

Das Prinzip der Modellöffnungen: Wer einen negativen Corona-Schnelltest, der nicht älter als 24 Stunden ist, vor Ort gemacht hat und seine Kontaktdaten angibt, kann Einkaufen und ins Kino gehen, ein Café und ein Restaurant besuchen. Die einzelnen Konzepte der Städte unterscheiden sich im Detail.

Unbehagen beim Blick aufs Infektionsgeschehen

Doch nach den Osterfeiertagen und angesichts steigender Infektionszahlen macht sich vielerorts Unbehagen breit. Mahnende Stimmen werden lauter, die vor Öffnungen und der Ausbreitung des Coronavirus warnen. Vor allem die sich rasch verbreitende britische Virus-Mutation wird gefürchtet.

Die Unsicherheit macht sich auch im Rathaus von Dieburg breit. Bürgermeister Haus sagt: Er sehe durchaus Spielraum, das Modellprojekt umzusetzen. Man werde aber nichts erzwingen. Die Situation sei derzeit angespannt. Den Magistrat und ihn treibe die Sorge vor einer Ausweitung der Infektionen um.

Bürgermeister: Dieburg gab gar keine Bewerbung ab

Haus erklärte in einem Facebook-Beitrag am Dienstag auf welch ungewöhnlichem Weg Dieburg den Zuschlag bekam: "Eine Bewerbung des gesamten Landkreises hatte letzten Endes dazu geführt, dass sich die Landesregierung auf Dieburg festgelegt hat. Eine eigene Bewerbung hatte die Stadt nicht abgegeben." Er habe erst kurz vor der Bekanntgabe davon erfahren und dann mitgetragen, dass man ein Konzept entwickeln werde.

In Dieburg wollen sie nun bis Donnerstag die Entwicklung der Infektionszahlen nach den Feiertagen abwarten. Die Frage dürfte ohnehin sein, was die neuerlichen Lockdown-Überlegungen für die Modellversuche bedeuten.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) schloss sich jüngst dem Vorschlag von NRW-Landeschef Armin Laschet an, der einen sogenannten Brücken-Lockdown ins Gespräch gebracht hatte. Zudem gibt es auch kritische Stimmen zu den Corona-Lockerungen im Saarland und in Tübingen. In der baden-württembergischen Stadt steht mittlerweile ein vorzeitiges Ende des Modellversuchs im Raum, weil die Infektionen zugenommen haben.

Abbruchkriterien in Dieburg definiert

Sollte Dieburg den Versuch starten, wird viel von der täglichen Inzidenz abhängen. Liegt sie drei Tage in Folge in der Stadt oder im Kreis bei über 180, soll der Versuch abgebrochen werden. Ein weiteres Kriterium: Wenn die Inzidenz in der Stadt einen Tag über 200 steigt, ist ebenfalls Schluss, wie der Bürgermeister darlegte.

In Dieburg sollen pro Tag maximal 1.500 Tagestickets ausgegeben werden - allerdings nur für Menschen (mit einem negativen Corona-Schnellstest) aus der Stadt oder dem Landkreis. Wie viele Betriebe mitmachen wollen, ist noch unklar. Haus rechnet mit 20 Händlern und ähnlich vielen Gastrobetrieben, die aber nur Sitzplätze unter freiem Himmel anbieten dürfen. Kultur-Veranstaltungen wird es in Dieburg nicht geben.

Vorreiter Alsfeld öffnet am Donnerstag

Vorreiter der drei Kommunen bei den Corona-Lockerungen wird Alsfeld sein. In der 16.000 Einwohner zählenden Vogelsberg-Stadt geht es bereits am Donnerstag los. Wie ihm dabei zumute ist, wollte Bürgermeister Stephan Paule (CDU) nicht verraten: "Für große Gefühle ist keine Zeit. Derzeit herrscht positiver Stress."

Paule hält den Zeitpunkt des Modellprojekts nicht für ungünstig. "Wir sind der Meinung, dass das gut funktionieren kann." Er glaube nicht, dass der Einzelhandel ein Infektionstreiber sei. Und: Vor Ostern sei in Supermärkten vor lauter Einkaufenden die Hölle los gewesen - aber Einzelhändlern werde die Kundschaft verwehrt. Das könne er nicht nachvollziehen.

Alsfelder Konzept: Geschäfte offen, Gastro geschlossen

Allerdings will die Stadt Shopping-Tourismus verhindern. "Nicht, dass hier halb Hessen gierig einfällt, weil nach Einkaufen gelechzt wird", sagt der Bürgermeister. Gesteuert werden soll dies über die Testkapaziäten. Nur 600 Tests seien zunächst erhältlich. Später könnten es mehr werden, bis zu 2.000 pro Tag.

Und wichtig ist: Man muss den kostenlosen Corona-Test in einer der drei Anlaufstellen in Alsfeld absolvieren. Mitgebrachte Test-Nachweise werden nicht akzeptiert. Das Shopping-Modell-Projekt sei aber auch für auswärtige Kunden offen, erklärt Paule.

Eine Besonderheit in Alsfeld: Es dürfen zunächst nur Einzelhändler mitmachen. Die (Außen-)Gastronomie ist noch nicht zugelassen, Kultur-Veranstalter sind ebenfalls außen vor. Nach einer Woche wolle man eine erste Bilanz ziehen und dann über weitere Öffnungen nachdenken.

Wie viele Geschäfte sich am Modellprojekt in Alsfeld beteiligen, ist ebenfalls noch unklar. Aber es werden wohl einige Dutzend sein, wie Paule schätzt. Wenn es im Vogelsberg drei Tage in Folge zu einer Inzidenz von über 200 kommen sollte, wird der Öffnungsversuch abgebrochen.

Sogar Kinobesuch in Baunatal möglich

In Baunatal war kurz nach Ostern noch unklar, wann in der kommenden Woche der Modellversuch beginnt. Klar ist aber schon: In Baunatal werden nur Bürger aus der eigenen Stadt bedient. In der Innenstadt dürfen dann negativ-getestete Menschen einkaufen gehen, ins Restaurant und sogar ins Kino.

Für alle drei Kommunen endet das Modellprojekt am 30. April. Die Politik erhofft sich davon Erkenntnisse, wie auch an anderen Orten und größeren Städten Corona-Lockerungen gelingen können.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 07.04.2021, 19.30 Uhr